Trotz prominenter Beispiele wie „Im Namen des Vaters“ sind Filme über den Irrland-Konflikt nicht allzu zahlreich, insofern ist „Resurrection Man“ vom walisischen Regisseur Marc Evans schon ein interessantes Projekt. Es basiert auf einem Tatsachenroman des irischen Autors Eoin McNamee, der auch gleich das Drehbuch für die Verfilmung schrieb.
Das Buch und der Film basieren wiederum auf den Taten der Shankhill Butchers in den 1970ern in Belfast, auch wenn die Gang sich hier als Resurrection Men bezeichnet. Ihr Anführer ist der gewalttätige und skrupellose Victor Kelly (Stuart Townsend), der Katholiken so sehr hasst wie kaum ein anderes Mitglied seiner Protestantengang. Sie sind Teil des terroristischen Arms der protestantischen Loyalisten, nehmen aber auch Geld durch kriminelle Geschäfte ein. Die Verbindung von Straßenverbrechen und politischer Gewalt findet einen ersten Höhepunkt, als Victor nachts einen katholischen Zivilisten allein aufgrund von dessen Religion ermordet – ein sinnloser Mord, der aber im geteilten Irland auch immer eine politische Dimension hat.
Mit seiner skrupellosen, effektiven Art wird Victor steigt Kelly in der Hierarchie der protestantischen Loyalisten immer weiter auf, auch wenn Rivalen Darkie Larche (John Hannah) das nicht gern sehen. Doch es bleibt die Frage wie lange dauert, bis man ihn nicht mehr kontrollieren kann…
„Resurrection Man“ hätte der Film der Stunde sein können: In seinem Erscheinungsjahr wurde das Karfreitagsabkommen unterschrieben und da hätte ein Film, der die Situation des inneririschen Bürgerkriegs beleuchtet, brisante wie brillante Einblicke bieten können. Leider sucht man diese in „Resurrection Man“ vergeblich: Die politische Dimension reduziert sich darauf, dass Katholiken und Protestanten einander hassen und das Victor gerne Katholiken grausam ermordet, aber es könnten auch zwei andere Parteien sein, die einander bekriegen. Wie nah „Resurrection Man“ an den Tatsachen bleibt, kann ich nicht sagen, da ich McNamees Buch und den Fall der Shankhill Butchers nicht genauer kenne, aber sollte sich der Film nah an den realen Geschehnissen bewegen, dann gehorchten diese doch sehr den Regeln des Gangsterfilms im Allgemeinen und dem von Brian De Palmas „Scarface“-Remake im Besonderen. Wie Tony Montana zeichnet sich Victor Kelly durch einen bedingungslosen Ehrgeiz aus, der ihn Rivalen und andere Hindernisse bei seinem Aufstieg einfach umbringen lässt, wie Tony Montana ist er nicht zimperlich in der Wahl seiner Mittel: Wo das Narbengesicht auch mal die Kettensäge sprechen lies, da foltert und zerschnetzelt Victor seine Gegner, vor allem die katholischen Opfer seines Hasses, ohne viel Federlesen.
So bleibt Evans‘ Film unschön an der Oberfläche, zumal man wenig über Victor erfährt, von seinem krankhaften Ehrgeiz und seinem Katholikenhass einmal abgesehen. Zwar treten immer wieder Figuren auf und reden über ihn, vor allem mit dem Journalisten Ryan (James Nesbitt), der das Muster hinter den Morden erkennt und sich an die Fersen des Gangsters hängt. Dummerweise zieht das noch mehr Aufmerksamkeit von der eigentlichen Hauptfigur ab, da es auch noch um Ryans kaputte Ehe geht, seine Schuldgefühle, weil er seine Frau schlug, und um eine kurzfristige Affäre, die er mit Victors Freundin hat – die ist das typische Gangsterliebchen, ein leichtes Mädchen, auch da ist „Resurrection Man“ wenig originell. So wird das Ganze zum 08/15-Gangsterfilm mit einigen heftigen Morden und absehbarem Verlauf (auch das Ende hat etwas von „Scarface“), womit Evans leider kein Potential aus dem brisanten Stoff schlägt.
Was man dem Film dagegen anrechnen kann, sind seine Inszenierung und seine Atmosphäre. Evans nähert sich dem Kitchen-Sink-Realismus britischer Sozialdramen an, stellt seine Gangster nicht als glamouröse Schurken da, sondern als Gewalttäter aus dem Pub von nebenan, die in Kellern und Nachtclubs residieren. Raue Typen in einer rauen Atmosphäre, die ihren Höhepunkt in einer beeindruckend inszenierten Sequenz findet, in der Victor und Ryan sich tatsächlich einmal treffen, der Journalist seinem Ziel näher kommt als ihm lieb ist. Es ist schade, dass der Rest vom Film so beliebig und generisch ist, so wenig von der eigentlichen Hauptfigur zu erzählen hat, denn in diesen Momenten erkennt man das Potential von „Resurrection Man“.
Ein weiterer Pluspunkt ist Stuart Townsend in der Hauptrolle. Dem gibt das Drehbuch zwar nur begrenzt Material zum Arbeiten, doch den fanatischen Gewalttäter, der irgendwann sogar den eigenen Leuten zu brenzlig wird, gibt er mit viel Intensität – ein Pulverfass von einem Mann, aber gleichzeitig unglaublich berechnend und gerissen. James Nesbitt hat dagegen den undankbareren Part, muss seine Figur doch eigentlich immer nur auf den Spuren Victors durch Belfast dackeln, aber Nesbitt setzt auch wenig Akzente. Der Rest der Belegschaft ist solide, sticht aber kaum heraus, mit Ausnahme John Hannahs: Der gibt einen herrlich arroganten Fatzke ab, der Victor aus der scheinbar überlegenen Position triezt, der ihm ins Gesicht reibt, dass er früher was mit Victors Freundin hatte – und der, den Regeln des Gangsterfilms entsprechend, in sein Verderben läuft, denn einen brodelnden Vulkan wie Victor reizt man besser nicht.
Aber trotz seines starken Hauptdarstellers und der teilweise packenden Inszenierung will „Resurrection Man“ nicht so recht zünden: Der politische Hintergrund wird kaum genutzt, neue Erkenntnisse sind Fehlanzeige, stattdessen bleibt ein generischen 08/15-Gangsterfilm auf den Spuren von „Scarface“, bei dem der Irland-Konflikt illustre Hintergrunddekoration bleibt.