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Die ersten Szenen erinnern an einen Tarantino-Film. Autos explodieren, Menschen werden hingerichtet und die Protagonisten werden als Stars mit dicken Autos und Frauen an ihrer Seite in Zeitlupenaufnahmen hochstilisiert. In völligem Kontrast dazu erscheint Giulio Andreotti (von Toni Servillo genial dargestellt), der meist in abgedunkelten Räumen haust und unter ständigen Kopfschmerzen leidet. Selbst auf ausgelassenen Partys wirkt er mit seinem stoischen Gesichtsausdruck und der steifen Körperhaltung wie ein Fremdkörper, obwohl er als siebenfacher Ministerpräsident von Italien der eigentliche Drahtzieher und oberste Dienstherr war.

In diesem Zusammenhang fällt auch die Vielzahl von Bonmots auf, durch die Andreotti glänzt und die in "Il Divo" viel Raum einnehmen. Mit Aussagen wie " Wenn ich in die Kirche gehe, spreche ich nicht mit Gott, nur mit dem Priester, denn Gott geht nicht wählen" verbreitet Andreotti einen respektlosen Pragmatismus, der scheinbar entgegengesetzt zur Richtung seiner konservativen christlichen Partei steht. Auch sein unprätentiöses Erscheinungsbild steht im Gegensatz zur einer selbstverliebten Politikerkaste, weshalb sein wiederholtes Credo, das auch ungewöhnliche Mittel zur Durchsetzung seiner Politik, immer nur im Dienste des Staates gestanden hätten, glaubwürdig wirkt. Nicht erstaunlich, dass der inzwischen 94jährige Andreotti, der als Senator auf Lebenszeit ernennt wurde und deshalb immer noch am aktuellen Politgeschehen teilnimmt, den Film abgesegnet hat.

Wer nun dem Film Verherrlichung krimineller Mittel, die auch vor vielfachem Mord nicht Halt macht, vorwerfen will, versteht den Film zu reduziert. Tatsächlich bleibt die Darstellung Andreottis zwiespältig – einerseits wird ihm die Zusammenarbeit mit der Mafia und Auftragsmord in einer Weise unterstellt, die außer Acht lässt, dass er davon freigesprochen wurde (nachdem er in zweiter Instanz schon zu 24 Jahren Gefängnis verurteilt worden war), andererseits gibt der Film der Figur genügend Gelegenheit, intellektuell und mit Witz Eindruck zu erzeugen. Zum Verständnis des Films ist es notwendig die Fakten zu kennen, die auch in Italien nicht mehr in Frage gestellt werden.

Zwischen 1970 und den frühen 80er Jahren kam es zu einer Vielzahl tödlicher Anschläge mit mehr als 200 Toten, die der linken Bewegung unterstellt wurden. Tatsächlich gipfelten deren Tätigkeiten im Mord an Andreottis Parteifreund Aldo Moro, der in seinen während der Gefangenschaft verfassten Schriften die fehlende Unterstützung seiner Partei beklagte. Auch in „Il Divo“ wird erwähnt, das der Tod Aldo Moros Andreotti nicht ganz ungelegen kam, aber erst zu Beginn der 90er Jahre wurde festgestellt, dass die meisten Anschläge auf faschistische Gruppen zurückzuführen waren, die an einer Verunsicherung der Bevölkerung interessiert waren. Hinter diesen stand eine Gruppe einflussreicher Politiker, zu der Andreotti angeblich gehörte. Schon Damiano Damiani thematisierte dieses in seinem 1977 gedrehten Film „Io ho paura“ (Ich habe Angst), in dem er auch die Verflechtungen mit der Mafia schilderte. In den 70 und 80er Jahren erhielt die Kommunistische Partei Italiens bis zu 30 Prozent der Wählerstimmen bei freien Wahlen und war damit für die konservativen Parteien ein ernstzunehmender Gegner. Giulio Andreotti war in den 70er Jahren fünfmal Ministerpräsident, wobei die längste Phase knapp 21 Monate und die kürzeste 11 Tage andauerte – ein Ausdruck von ständig wechselnden Koalitionen und Minderheitsregierungen.

Das heute die verschiedenen konservativen Parteien mehr als 50 Prozent der Stimmen hinter sich vereinigen können und Ministerpräsident Berlusconi verhältnismäßig ungestört seine Politik umsetzen kann, ist auf diese Entwicklung zurückzuführen, denn die Kommunistische Partei wurde wie in den übrigen westlichen Demokratien zu einer kleinen Splitterpartei. Auf Grund der inzwischen eindeutigen Machtverhältnisse ist es deshalb nicht erstaunlich, dass Andreotti jedes Mal freigesprochen wurde und wenn man sich die Gründe dafür ansieht, dann kann man verstehen, warum der Film trotzdem von der Wahrheit der Vorwürfe ausgeht und den Andreotti im Film diesen gar nicht widersprechen, sondern sie nur als notwendiges Übel für die richtige Sache bezeichnen lässt. Die Zeugenaussage, die Andreotti für 24 Jahre ins Gefängnis gebracht hätte, wurde wegen angeblicher Verwirrung des Zeugen in der dritten Instanz nicht mehr anerkannt und der Vorwurf, Andreotti hätte mit der Mafia zusammen gearbeitet, galt inzwischen als verjährt. Unschuldsbeweise sehen anders aus.

Trotzdem ist Giulio Andreotti in „Il Divo“ keine negative Figur, denn die eigentliche Kritik gilt nicht ihm, sondern dem amtierenden Ministerpräsident Berlusconi und im weiteren Sinne, den Italienern, die ihn gewählt haben (Andreotti selbst hatte nie dessen Zuspruch). Ganz zu Beginn wird Berlusconi in einem kleinen Nebensatz erwähnt, der dessen Rolle im Dunstkreis von Andreotti erwähnt, und auch wenn er danach im Film nicht mehr erwähnt wird, schwebt das heutige Italien in diesem Anfang der 90er Jahre spielenden Film immer über dem Geschehen. Es ist die Art der Inszenierung, die in einem Konglomerat aus Rückblenden, sprachlichen und gestischen Szenen Andreottis und den Blick auf dessen Politikerkollegen operettenhaft schwelgt. Die Mischung aus seltsamer Faszination und ungläubigen Erstaunen über die Skrupellosigkeit der Agierenden, die beim Ansehen entsteht, wird durch einen optisch sehr ästhetisch komponierten Stil unterstützt. Betrachtet man dagegen den nur sprachlich glänzenden Andreotti, dessen Außendarstellung meilenweit von einem Berlusconi entfernt war, wird deutlich, dass der Film zwar über eine Entwicklung berichtet, die zum heutigen Zustand in Italien führte, aber mit seiner sehr medienwirksamen Art ganz im aktuellen Sinn funktioniert. Es entsteht ein Gefühl dafür, warum ein Politiker wie Berlusconi trotz selbstherrlicher Attitüde immer wieder von einer Mehrheit gewählt wird.

„Il Divo“ entwickelt seine Kritik nicht im direkten Sinn eines Damiani oder Francesco Rosi, wodurch ihm auch der üblicherweise hervorgebrachte Vorwurf der angeblichen Paranoia erspart blieb. Nicht erstaunlich, dass Andreotti den Film akzeptierte, da dieser sein kritisches Potential nur sehr verborgen entfaltet und in der ständigen Wiederholung seiner stilistischen Mittel mit der Zeit trotz aller Opulenz etwas ermüdet. Nichtsdestotrotz bleibt eine unglaublich genaue Darstellung des Giulio Andreotti in Erinnerung und ein Gefühl dafür, welche Faszination in einer unbegrenzten Machtentfaltung verborgen ist – schon allein das macht den Film sehenswert (7/10).

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