Wer, kann man fast schon mit einem kleinen, schicksalsergebenen Seufzen fragen, ist denn für das heutige Filmpublikum noch Orson Welles? Natürlich, er ist der Mann, der "Citizen Kane" gedreht hat, aber in Zeiten, wo Schwarz-Weiß-Filme als "alter Schrott" gelten, zeigen sich die meisten Zuschauer eher enttäuscht angesichts der überragenden Novitäten, die dieses Frühwerk beinhaltete. Und noch unbekannter ist zumeist die Figur des Schöpfers dahinter, der in seinem jugendlichen Ungestüm und in seiner haltlosen Egomanie und seinem kreativen Unbesiegbarkeitsnimbus für Jahre die Schauspielszene und den amerikanischen Hörspielsektor dominierte, "a man you love to hate". Welles hatte "carte blanche", durfte alles, hatte alles, war unkontrollierbar, verschwenderisch, unersättlich, umtriebig, unruhig, manisch und damals unendlich faszinierend. Sein Schicksal ist groß und tragisch, die Geschichten über ihn zahlreich und phantastisch, ein Enigma von Mensch, der nie zur Ruhe kam und ebenso wenig zu einem eigenen Selbst fand, bis er daran scheiterte.
Wenn also ein Regisseur wie Richard Linklater eine Episode aus Welles' Lebensgeschiche in die Filmform umsetzt (und es handelt sich dankbarerweise NICHT um "Citizen Kane"), DER Linklater, der dem Indie-Film mit "Dazed and Confused", "SubUrbia" und "Slackers" so richtig Zucker gab, Philip K.Dick mit "A Scanner Darkly" endlich in die verdiente halluzinatorische Form goß und die beiden wirklich großen realistisch gefärbten Zwei-Personen-Stücke des US-Kinos mit "Before Sunrise" und "Before Sunset" drehte; wenn der nun also ungeachtet des Schadens an seiner Reputation, die er sich mit "School of Rock" selbst zufügte, einer historischen Episode widmet, dann kann man doch so einiges erwarten.
Und so geht Linklater in der Verfilmung von Robert Kaplows Roman daran, die Geschichte der revolutionären "Julius Caesar"-Theaterproduktion zu erzählen, die 1937 für enorm viel Furore sorgte, ehe ein Jahr später Welles die Geschichte selbst in den Hintergrund treten ließ, als per Hörspiel die Marsmenschen landeten.
Tatsächlich ist alles Beschriebene in diesem Film historisch relativ gut verbürgt: das in Schwierigkeiten befindliche, von John Houseman und Welles geführte Mercury-Theater; die Faszination des Ensembles für den Macher bei allen Schwierigkeiten und Verzögerungen; die Besetzung; der Ärger mit Houseman; die frevlerischen Kürzungen, die vielen Umstürze, die abgesagten Proben, die Geldprobleme, die dauerhaften Frauengeschichten des Regisseurs, die Inszenierung des römischen Epos in Faschistenuniformen.
Durchaus enthusiastisch und mit Sinn für die Dramatik der Sache erweckt Linklater diesen Abschnitt im Leben aller Beteiligten noch einmal zum Leben und all das wird geführt von dem noch fast unbekannten Christian McKay, einem britischen Darsteller, der allein rein optisch Welles sehr ähnlich sieht und den amüsiert-kindlich-empfindlichen Egomanen mit beinahe unwiderstehlichem Charme und Empathie zum Leben erweckt.
McKay ist, trotz größerer Namen, das Herzstück dieses Films, wie die Theaterproduktion steht und fällt alles mit ihm und er bleibt auch in Sachen Dialog aller Figuren der Dreh- und Angelpunkt. Die Geschichten über ihn sind zahllos und seine Handlungen unterstreichen oder bestätigen die Geschichten nur wieder, kaum ein Moment, in dem er nicht das große beherrschende Thema ist und so wird die Faszination des Menschen Welles für den Film wieder faßbar, auch wenn der Theatercoup an sich heutzutage vielleicht nicht mehr ganz so aufregend wirkt, wie noch vor 30 Jahren. Man hat einfach schon zu viele Tabubrüche gesehen - aber letztendlich ist "Me and Orson Welles" auch mehr eine Zustandsbeschreibung, die Vermittlung eines epochalen Gefühls aus einer Zeit, in der alles möglich war und noch mehr schwierig (die Zeit der großen Depression).
Allein, das macht noch keinen ganzen Film - oder besser gesagt, es würde einen Film machen, aber das ist (leider) nur die eine Seite der Medaille. Denn es gibt auch noch eine andere Geschichte in diesem Film, die des "Me" im Titel und die dreht sich um den High-School-Schüler Richard Samuels, der praktisch durch glücklichen Zufall mit der Produktion in Kontakt kommt und eine kleine Rolle erhält, um die Geschichte der Produktion praktisch für uns mitzuerleben. Im Laufe der Handlung wird Richard durch alle kreativen Höhen und Tiefen gehen, mit Welles arbeiten und teilweise leben, sich in die Produktionsassistentin Sonja (Claire Danes ist endlich erwachsen geworden) verlieben, seine Unschuld verlieren und lernen müssen, daß im wahren Showbizleben die Dinge anders laufen, härter und bisweilen auch enttäuschender.
Wem das etwas klischeehaft vorkommt: das ist es auch.
Es wäre vielleicht nicht ganz so auffällig abgedroschen geraten, wenn in der Rolle des "Richard" nicht ausgerechnet Zac Efron reüssieren würde, den die Welt (so von 25 Jahren abwärts) vor allem durch seine clearil-porentiefreinen Darstellungen aus den "High School Musical"-Filmen kennen würde, wo er als holder Strahlemax minderjährige Mädchenherzen zum Schmelzen brachte. Ein unbekanntes Gesicht hätte naive Frische gebracht, doch Efron provoziert durch sein bekanntes Gesicht zunächst mal abwertendes Gelächter, ungeachtet der Tatsache, daß er ja vielleicht doch Anspruchsvolleres drehen könnte.
Linklater bietet ihm scheinbar dazu eine Basis, zumindest wirken die ersten Sequenzen so, als würde er ihn von dem Disneyfluch amüsiert befreien wollen: der noch etwas naive, wenn auch belesene Schüler, ein kleiner "Saubermann" daheim, der bei den Großen mitspielen will und der einem netten Mädchen in der Musikalienhandlung auf die Frage, was er denn schon gespielt hätte, gesteht, daß er bisher nur an seiner High School tätig war.
Doch dieser realistische Ansatz kann durch das behäbige Drehbuch leider nie weiter ausgespielt werden, Efron hat, durchaus gut aussehend, in diesem Film einfach nichts Konstruktives beizusteuern, außer zu lernen und sich einzugestehen, daß er noch nicht soweit ist, wie er sein möchte.
Seine Rolle ist die eines netten, aber belangelosen Beistehers, der alle Geschichten über Welles aufsaugt, bevor er selbst mit ihm richtig in Kontakt kommt und so entspannt sich ein ungeheuer dialoglastiger Film rund um Daten, Fakten und vor allem Mythen, die man als Publikum alle aufsaugen muß, die sich aber doch meistens sehr dröge präsentieren, bevor McKay immer wieder seinen Auftritt hat.
Die Rolle des "Richard" ist so nicht nur abgedroschen, sie folgt auch allen bekannten und abgenutzten Winkeln und Wendungen, die bewirken, daß seine Dialoge nur noch braver und fader wirken, sobald sie endlich in richtiger Interaktion mit der Produktion stehen. Meistens steht er nett dabei und lächelt, teils überfordert, teil überwältigt - sein einziger Resonanzkörper ist eben das nette Mädchen Greta (Zoe Kazan) von nebenan, das er zweimal wiedertrifft, die aber mit ihrem leisen Problemchensingsang über die extrem lange Distanz jedes gutwillige Publikum einschläfert und erneut nur beweist, wie nichtig die Richard-Figur nun mal ist.
Also weckt die Welles-Handlung das Publikum jedes Mal wieder auf, wenn der Richard-Strang sie wieder einnicken lassen hat und diese Unausgeglichenheit zieht sich durch den ganzen Film, drosselt immer wieder das Tempo, bringt den Stillstand, läßt die Dramatik des Geschehens sich festfahren. Efron kann nichts dafür, er ist bemüht, nicht unangenehm aufzufallen, aber mehr ist aus der undankbaren Niemandsrolle nicht rauszuholen, schauspielerischer Glanz schon gar nicht.
Und Linklater mangelt es sichtlich an Drive, um diese Drehbuchschwächen auch nur ansatzweise auszugleichen.
So bleiben am Ende zwei ungleiche Hälften, von denen die eine ärgerlich oder mißkonzipiert genug ist, um den Filmgenuß zu verderben, während die Andere den gewissen Glanz einer verlorenen Epoche wiederauferstehen läßt, nicht zuletzt durch die überraschende Vielseitigkeit eines talentierten Menschenzauberers, der in einer Sequenz rund um eine Hörspielproduktion sein Genie beweist, als er alles um ihn herum okkupiert und für seine Zwecke benutzt und als Rechtfertigung nur den kreativen Erfolg vorzuweisen hat. Efron kann nichts dafür, für ihn wirkt die Produktion an sich wie ein Lernprozess, aber er ist zu "clean cut" und statisch, um sich selbst zu beweisen, während der Restfilm maximal eins kann, nämlich Interesse daran zu entwickeln, was für ein Mensch Orson Welles wirklich war - und warum man über solche Figuren Filme eben gern sieht. Höhen und Tiefen, Triumph und Untergang, Brillianz und Abgründigkeit, das macht eine gute Geschichte, ein wahres Drama, ein unvergeßliches Leben. Brav sein und gut ausschauen wird da auf lange Sicht nicht genügen. (5/10)