Review

Auch wenn das mittlerweile die 18.te Aufführung des nimmer enden wollenden Dramas rund um den Grafen von Montecristo war kann man guten Gewissens sagen: Es handelt sich bei Monte Cristo um einen solide gemachten Mantel- und Degenfilm. Kevin Reynolds, der ja auch schon mit Robin Hood und Waterworld in ähnlich Gefilden gewandelt ist, hat gut daran getan junges Blut auf die Leinwand zu bringen, denn so war zumindest bei mir die Erwartungshaltung noch grösser, wie sich denn die Jungspunde auf der Leinwand schlagen (auch im sprichwörtlichen Sinne) würden. Faszinierend wie immer Richard Harris als Abbe Faria, der mit Abstand die überragendste Figur im Film darstellt: Kauzig und ausgefuchst zugleich hatte er für mich die grösste Leinwandpräsenz. Faszinierend auch die Kulissen, die diesmal echter als echt wirkten (meines Wissens nach lagen die Drehorte auf Malta und in Irland) und das bewusste Spiel mit den Farben (besonders auffällig in den Verließszenen, die im Fernsehtrailer prinzipiell aufgehellt gezeigt wurden und somit die Stimmung versauten). Klassisch für einen Kevin Reynolds Film war auch, daß es eine komische Figur im Cast (brillant umgesetzt von Luis Guzman) geben musste: hatte meiner Ansicht nach schon fast etwas von Shakespeare...

Alle Jahre wieder wird Alexandre Dumas großartiger Roman verfilmt. Erzählt wird von dem jungen Seemann Edmont Dantes, der durch Intrigen um seine Liebe, seinen Besitz und seine Freiheit gebracht wird, der nach langen Jahren der Gefangenschaft fliehen kann und auf der Insel Monte Christo dank des Tipps eines Mitgefangenen einen Schatz hebt. Diesen benutzt er dann, um sich an allen denen zu rächen, die ihm die Gefangenschaft und sein Unglück eingebrockt hatten. Dabei wird die Handlung geschickt mit historischen Tatsachen verknüpft, so dass vor dem Leser die Zeit, in der das Ganze angesiedelt ist, wieder aufersteht. Der in der dtv-Ausgabe über 1500 Seiten lange Roman ist so großartig, dass man ihn immer wieder lesen kann.

Aufgrund dieses gewaltigen Werkes kann die Lebensgeschichte des Edmond Dantes in Form eines Kinofilmes nur ansatzweise erzählt werden. So wird zwangläufig immer gewaltig gestrichen und umgeschrieben, um die Rächergeschichte innerhalb von zwei Stunden zu erzählen. Es sind diese Veränderungen, die die Neuverfilmungen immer wieder interessant machen und einen in den bann ziehen, auch wenn man die Romanvorlage kennt. Keine Verfilmung gleicht der anderen, immer wieder werden andere Akzente gesetzt und man kann noch nicht einmal sicher sein wie die Rache überhaupt vollzogen wird, welches Schicksal Danglars, Mondego, Villefort und Carderousse blüht und wie für Edmond Dantes die Geschichte endet.

Kevin Reynolds "Montecristo" gleicht einen saftigen, mit Tomaten und Gurken belegten Schickenbrötchen, wenn der Roman ein achtgängiges Menü der erlesensten Speisen ist. Aber in einer Speisekammer, in der viele Filme verfaulten, verschimmelten Speisen gleichen, ist ein wunderbares, wohlschmeckendes Schickenbrötchen wahrlich nicht zu verachten.

Jim Caviezel spielt sympathisch einen jungen Edmond Dantes, Guy Pearce gibt schön eklig den falschen Hund Mondego und Mit Dagmara Dominczyk gibt es eine wahrhaft schöne Mercedes.

Das Besondere an der aktuellen Neuverfilmung ist, dass sich Reynolds die Charaktere ausführlich einführt und ihre Motivation klar herausstellt. Interessanterweise sind Dantes und Mondego gute Freunde, während sie sich im Roman nur flüchtig kannten. Nach einem furiosen Auftakt, bei dem die Gut-und-Böse-Karten verteilt werden erzählt Reynolds sehr ausführlich von Dantes Kerkerhaft. Es wird ruhig, wir sehen Dantes Verzweiflung. Beklemmende Szenen, bis aus einem Loch im Kerkerboden der Mitgefangene Abbé Faria auftaucht, der von Richard Harris charismatisch dargestellt wird. Der skurrile Priester bringt das Leben zurück in die düsteren Gefängnismauern und den Humor. Weit weg vom großen Abenteuer wird die Geschichte der Freundschaft zwischen den ungleichen Paar witzig erzählt und mit sichtlichen Vergnügen ausgeschmückt (gebratene Ratten). Es folgt die Flucht und die Hebung des Schatzes. Bis zu diesem Punkt steht dieser Film in der Liste meiner „Monte Christo“-Verfilmungen weit oben.

In farbenreichen Bildern und vorzüglicher, liebevoller Ausstattung folgt dann die Geschichte nach Dantes Flucht. Leider bleibt für den Racheteil nur noch eine knappe Stunde Zeit übrig, zu wenig um, dass raffinierte Katz-und Maus-Spiel des Romans nur ansatzweise anzureisen. Der Charakter Carderousse wird deshalb wohl auch aus diesen Zeitgründen gestrichen worden sein. Der Racheteil wird daher sehr schnell, gradlinig und vergleichsweise unspektakulär durchgezogen.

Alles in allen ist diese Neuverfilmung ein unterhaltsamer, spannender, vergnüglicher, gelungener Mantel und Degen Film, der auf keinen Fall mit der missglückten DiCaprio Version des "Mann mit der eisernen Maske" in einem Topf geschmissen werden darf.
Faszinierend ist auch die gute Umsetzung, die von der ersten bis zur letzten Minute Spannung aufkommen lässt.

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