Wenn irgendwann die Bücher über die Geschichte des Animationsfilms im Computerzeitalter so dick geworden sind, wie das Oeuvre von Disney seit „Schneewittchen und die 7 Zwerge“ wird Pixar zweifelsohne ein extradickes Kapitel oder einen eigenen Band in Kaffeetischgröße bekommen – und auch wenn das neueste Werk „Up“ dabei vielleicht nicht die Annalen der innovativsten Filme anführt, so wird er doch viele Liebhaber gewonnen haben, die dem Film eine gewisse Zeitlosigkeit bescheinigen, die keine noch so neue Erfindung klein bekommt.
Wenn die aktuellen Kritiker etwas zu bemängeln haben, dann handelt es sich darum, daß sich Pixar mit „Oben“ auf bekanntes Disney-Territorium begeben hat, indem die Firma eine gefühlsbetonte Abenteuergeschichte erzählt, mit einer gewissen Moral, einer Kinderfigur, mit lustigen Tieren und etwas Action, doch so oberflächenbehaftet sollte man den Film nicht betrachten.
Sicherlich, „Wall-E“ war ein Meisterstück, zumindest über weite Strecken, aber die Simplizität schreibt immer noch die besten Stories und die Geschichte eines alten Mannes, der den unerfüllten Lebenstraum seiner bereits verstorbenen Frau in hohem Alter erfüllen will, indem er mit seinem Haus zu den „Paradiesfällen“ im finsteren Südamerika reist, beflügelt vor allem eines: die Phantasie – und das nicht nur, weil Carl Fredricksen die Reise unternimmt, indem er Abertausende von Heliumballons an sein Haus bindet.
Wenn diese Reise erst einmal beginnt, scheint alles wie vom Reißbrett zu laufen: der Gegensatz zwischen dem naiv-dicklichen Pfadfinder und der grummeligen alten Mann; die Kontroverse mit einem ebensoalten fanatischen Naturforscher, ein treudoofer Hund mit Stimmfunktion und ein irritierender glotzender Riesenvogel runden ein kurioses Urwaldabenteuer ab – aber dennoch: immer schleicht sich auch in diese bekannten Versatzstücke ein Stück frischer Pixar-Bizarrerie hinein; ist der Vogel so naturgetreu wie komisch; leidet der sprechende Hund unter seinen rassetypischen Angewohnheiten („Katze!“), reiben sich die Charaktere immer wieder an den pointierten Dialogen kantig.
Doch was bei „Oben“ wirklich funktioniert, ist die andere Ebene: das Spiel mit den Emotionen neben dem Plot.
Die wahre Meisterschaft zeigt sich in der stummen, nur mit leiser Musik intonierten Lebensmontage von Carl und Ellie, von der Kinderzeit über das Erwachsenwerden, den Hauserwerb, die Trauer darüber, keine Kinder bekommen zu können, den Spaß, das Planen der Reise und die vielen kleinen Probleme des Lebens, die das Vorhaben immer wieder aufschieben, bis es zu spät ist.
In diesen Momenten erreicht der Film eine geradezu berückende Menschlichkeit und Wahrhaftigkeit, an die nie ein Disneyfilm herangekommen ist, anrührend und bedrückend, lebendig und gefühlvoll und kann trotz der Bekanntheit der Geschichte und einiger erwartbarer Wendungen diesen Geist bis zum Schluß bewahren.
Wie überhaupt das Wagnis, einen gehbehinderten Rentner einen Animationsfilm führen zu lassen, sowohl riskant wie erfolgreich durchgeführt wird. Zwar vollführt Carl in einigen Sequenzen ein paar Aktionen, die man ihm in dem Alter nicht zutrauen würde, aber das findet schließlich im Pixar-Universum alles an einem „Ort ohne Zeit“ statt, wo auch das Alter aufgehalten ist, wie man an dem Naturforscher Muntz feststellen kann, der gemäß den Erzählzeiträumen hier eigentlich schon längst über 100 Jahre sein dürfte.
Das alles wird präsentiert rund um einen geradezu berauschenden Naturrealismus, der die ungeheuren Dimensionen des südamerikanischen Hochplateaus fast fotorealistisch ausleuchtet und das Abenteuer fühlbar macht.
Sicher, die Gags erschließen keine neue Welt, sind aber immer noch alleroberste Güteklasse und daß es auch eine Schnittmenge zwischen niedlich, verrückt, bizarr und emotional gibt, muß das verwöhnte Publikum auch erstmal akzeptieren.
Dafür hat Pixar aber genau den Film erschaffen, den Kinder nicht nur mit ihren Großeltern sehen können, sondern den die Älteren auch sehen wollen.
„Oben“ lebt von seinem emotionalen Zentrum und transportiert seine Botschaften vom Aufbrechen vor der Zeit mit einer zärtlichen Natürlichkeit, der man sich nur mit Gewalt entziehen kann. Für alle anderen dreht Disney ja jetzt wieder Märchenfilme. (8/10)