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"Das Abenteuer wartet!"

"Oben" ist der zehnte Film in Spielfilmlänge aus dem Hause Pixar, das nach wie vor eine Vormachtstellung im Bereich der Animation einnimmt. Erstmals springt Pixar auf das in Hollywood immer breit getretenere 3D-Kinoerlebnis mit auf.

Carl Fredricksen verfolgte seit seiner Kindheit die aktuellen Berichte über seinen großen Helden, dem Forscher Charles Muntz. In seiner Freundin Ellie fand er eine Gefährtin gleichen Interesses die er Jahre später heiratete. Das sonst so wohlige Eheglück blieb kinderlos. Als Ellie verstarb zog sich Carl völligst in sein mit seinem und Ellie's Leben angehauchtem Haus zurück, den Geldhaien und Bauarbeitern trotzend, die sein Grundstück erwerben wollen. Insgeheim plant er die Reise zu dem Wasserfall Paradise Falls, die er und Ellie zu Lebzeit antreten wollten, was schlussendlich aber ein unerfüllter Lebenstraum blieb. Nachdem Pfadfinder Russell mehrfach nervend bei ihm klingelte und ihm seine Hilfe anbot um sein letztes noch fehlendes Abzeichen zu erhalten, und Carl den Übermut gegen einen Bauarbeiter mit einem Platz im Altersheim bezahlte, fliegt er kurz vor seiner Abholung samt Haus mit Hilfe hunderter Gas befüllter Ballons gen Himmel um sein letztes noch unerfülltes Abenteuer anzutreten, den pfiffigen Russell als blinden Passagier mit an Bord.

Vorab sei erwähnt, dass "Oben" genauso gut in klassischem 2D-Format funktioniert. Der Grund für den Aufschlag sei einzig denjenigen ans Herz gelegt, die die Hochglanzoptik von Pixars buntem Abenteuer noch mit liebevollen Details, wie zum greifen nahen Stöcken, aus dem Raum heraus ragenden Ampeln oder ähnlichen Gimmicks mit Tiefeneindruck aufwerten möchten.
Die bereits wunderbar animierten, überaus farbenfrohen Bilder warten auch ohne die 3D-Effekte mit teils fotorealistischen Hintergründen auf, die mindestens zu einem kurzen Wow-Effekt führen. Pixar belegt damit einmal mehr ihr Können im Bereich der Animation, die nach wie vor fernab der Realität wandelt und sich mehr, als beispielsweise im Vorgänger "WALL-E", im Comicbereich ansiedelt.

Gegenüber "WALL-E" ändert sich noch mehr, denn "Oben" beschreitet kaum den Weg einer tiefsinnigen und ruhigen Handlung. Abenteuer ist angesagt, mit Pauken und Trompeten sowie einer hohen, intelligenten Gagdichte, was zu Beginn so noch garnicht zu vermuten ist.
Zu Beginn wird die Handlung mit großem Einfühlungsvermögen erzählt. Sanft geben die Filmemacher Einblick in das Leben des Ehepaares, das durch Höhen und Tiefen geht und an dessen Ende eigentlich ein tragisches Erlebnis steht. Nach dieser gerade mal 10 minütigen, einzig musikalisch untermalten Montage beginnt die Handlung aber erst seinen wirklichen Lauf und präsentiert einen äußerst ungewöhnlichen, bis dahin schon völligst profilierten, Sympathieträger im Animationsbereich.
Die Idee eines mürrischen Protagonisten ist gewohnt untypisch und gleichfalls unglaublich mutig. Gerade da es schwierig ist eine solche Figur auf das Niveau eines kindlichen Publikums zu bringen, ohne es zu verschrecken. Allein die Animation des älteren Herrn, mit seiner quadratischen Kopfform oder den anfangs behenden Schritten, macht ihn aber von Beginn weg sympathisch, gerade für das kleine Publikum. Pixar sicherte sich trotzdem ab und stellt dem Rentner einen vorlauten Jungen zur Seite, der im schlimmsten Fall die Identifizierung vereinfacht.

Dies soll aber bei weitem nicht der einzige Beleg für Pixars scheinbar grenzenlosen Ideenreichtum bleiben. Wahrhaftig surreal sowie phantastisch ist die Handlungsentwicklung. Das Studio platziert eine kunterbunte Welt mit farbenfrohen Vögeln, "sprechenden" Hunden und physikalischen Gesetzmäßigkeiten, die jenseits der Schwerkraft liegen. Und obwohl "Oben" eindeutig auf konventioneller und sicherlich berechenbarer Schiene, mit absehbarem Happy End, fährt, bietet der Animationsfilm genügend Abwechslung und Unterhaltung, sodass nie Langeweile aufkommt.

Während sich die erste Hälfte klar an ein erwachsenes Publikum wendet, zielt der restliche Film eher auf ein jüngeres Publikum. Diese Aufteilung ist insofern ungewohnt, schafften es bisherige Pixarfilme doch immer über die volle Spieldauer sowohl Erwachsene, als auch Kinder gleichermaßen zu begeistern. Doch bei "Oben" meint man stellenweise deutlich eine gewisse Disney-Handschrift zu erkennen, die den Pixarstil überdeckt. Natürlich bedeutet dies nicht, dass Erwachsene hier nichts mehr geboten bekommen, ganz im Gegenteil. Es ist für genügend Spaß und auch einige gefühlvolle Momente gesorgt. Aber man vermisst die Raffinesse, die man von Pixar gewöhnt ist. Stattdessen dringt eine Disney-typische Moral durch, teils überzogener Klamauk wirken gar übermäßig aufdringlich. Weswegen sich Disney so aufdringlich durchsetzt ist gleichfalls merkwürdig wie fraglich, denn Pixar hat bereits im Alleingang bewiesen, dass es gerade ohne Kitsch ein ähnlich großes Publikum anzieht wie Disney selbst.

Erneut begeistert Pixar mit einem Animationsfilm auf visuell hohem Niveau. "Oben" steckt voller unterhaltsamer und witziger Ideen, verläuft temporeich und lässt dem Zuschauer in der zweiten Hälfte kaum eine Pause zum lachen, ist gleichfalls aber auch besinnlich und anrührend. Eine durchaus hochwertige Mischung die einzig von einer zu hohen Dosis Klamauk sowie einer Pixar unüblich strikten Handlung getrübt wird.

9 / 10

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