Während andere Animationsstudios mit Sequels wie „Ice Age 3“ enttäuschen, hält Pixar seit einer Weile eine gehobene Qualität, die auch das neueste Werk „Oben“ halten kann.
„Wall-E“ kam über weite Strecken ohne Dialog aus und in „Oben“ wird vor solchen Experimenten ebenfalls nicht zurückgeschreckt: In einer phantastischen Montage wird zu Beginn die Geschichte der Hauptfigur Carl Fredricksen erzählt, vom Kindesalter bis zur Rente, vom Platzen der Träume, von der glücklichen Ehe, aber auch von Kinderlosigkeit und dem Tod seiner Frau. So anrührend, so bewegend war bisher kaum ein PC-Animationsfilm, auch auf die Gefahr hin, dass Kinderpublikum etwas zu verstören, zumal große Teile der Vorgeschichte wieder ohne Dialoge auskommen.
Allerdings will man den Rentner Carl um sein Häuschen, seinen Hort der Erinnerungen bringen. Dabei will Carl nur seine Ruhe, sei es vor den Baumaschinen oder dem überbemühten Pfadfinderjungen Russell, den er (scheinbar) mit einer Lüge abwimmeln kann. Doch ein Gerichtsprozess droht Carl aus seinem Heim zu vertreiben, womit „Oben“ auch ein wenig hinter das populäre Rentnerbild des Griesgrams schaut, neben der netten Omi eines der Standardbilder des Kinos. Da man Carls Vorgeschichte kennt, versteht man ihn jedoch anstatt ihn simpel als Widerling aus Veranlagung heraus zu porträtieren.
Mithilfe heliumgefüllter Ballons bringt Carl sein Haus jedoch zum Abheben, steuert nach Südamerika zu den Paradise Falls, dem Traumziel von ihm und seiner verstorbenen Frau – und merkt, dass er Russell als blinden Passagier an Bord hat…
Pixars Animationsfilme funktionieren meist auf mehreren (Alters-)Ebenen. Die einen, wie „The Incredibles“ oder „Wall-E“, sprechen den Zuschauer mehr auf intellektueller Ebene durch Verweise und Experimente an, andere, wie „Ratatouille“ oder eben „Oben“, versuchen sich mehr auf der emotionalen Schiene. Und dies gelingt, obwohl die Animationen von „Oben“ wenig naturalistisch sind: Carl hat im wahrsten Sinne des Wortes einen Quadratschädel, Russell wird von rundlichen Formen dominiert, der poppigbunte Look des Films sieht auch sehr nach Disneymärchen aus. Doch Pixar zeigt mal wieder, dass die dollsten Animationen mit lebensnaher Darstellung nichts nützen, solange der Story-Unterbau nicht funktioniert: Die Geschichte um Lebensträume, deren Platzen und andere Enttäuschungen setzt sich sehr reflektiert mit der Definition von Glück und Erfüllung auseinander – die Holzhammerbotschaft sein Herz nicht an materielle (Erinnerungs-)Gegenstände zu hängen und nach vorne zu gucken verzeiht man dann durchaus.
Ebenfalls interessant ist das Funktionieren der emotionalen Seite von „Oben“, wenn man sich den späteren Filmverlauf anschaut, in dem neben dem schwebenden Haus bunte Riesenvögel, via Technohalsband sprechende Hunde und ein größenwahnsinniger Erforscher eine Rolle spielen. Trotz all dieser absurden bis abstrusen Momente bleibt „Oben“ seinen Charakteren nahe und wird nie zu reinen Witzorgie – so amüsant der Film auch ist. Denn erneut darf man sich am brillanten Humortiming der Pixar-Produktionen erfreuen, egal ob es nun Wortwitz oder vor allem Slapstick ist (z.B. wenn Carl seinen Laubpuster zweckentfremdet). Dazwischen gibt es immer wieder Verweise auf Geschichte und Filmgeschichte, wenn auch in nicht in dem Maße, wie es „The Incredibles“ tat, doch durchweg lustig ist „Oben“ auf jeden Fall.
Eines der typischen Pixar-Probleme, vor dem auch „Wall-E“ nicht gefeit war, ist jedoch auch hier zu verzeichnen, denn zwischendurch achtet man zu sehr aufs kindliche Publikum und lässt den Film zur Orgie animierter Action für die Kleinen verkommen. Es sind nur zwei derartige Szenen zu verzeichnen und selbige sind schneller vorbei als das nicht enden wollende Finale von „Die Monster AG“, aber der erwachsene Zuschauer wird davon doch etwas ermüdet – da fehlt doch der letzte Schritt weg vom Kinderfilm.
Doch trotz der etwas dick aufgetragenen Moral und der erwähnten Hänger bei der Kiddie-Action braucht sich „Oben“ nicht vor „Wall-E“, „The Incredibles“ und „Ratatouille“ zu verstecken: Charmant, amüsant und mit Herz, so hat man seinen Pixarfilm doch gern. Und die ersten 10 Minuten, die sind absolut brillant.