Old-School-Horror scheint so langsam aber sicher immer mehr wieder in die Kinos zu kommen. Splattereffekte in bester Tom Savini-Manier, anstatt billig am PC zusammengeklöppelt und auf Hochglanz poliert, dass ist es was der Horrorfan mag, ist er nicht erst mit der Flut der heutigen Remakes an das Genre gelangt. Wer weiß, wie sich einst ein Freddy Krüger, ein Michael Myers oder ein Jason durch die Teenies gemezelt hat oder wie sich Linda Blair als von Dämonen besessenes Kind gegeben hat, der weiß, was ich meine. Und erst vor kurzem hat uns Sam Raimi mit "Drag me to Hell" erfreut, der nahezu durchgehend auf Old-School getrimmt ist und nur kurz zum Schluss mal in CGI-Kiste greift. Und nun soll es der Spanier Jaume Collet Serra mit seinem zweiten Hollywood-Horror gleich mal nachmachen. Und das mit Erfolg und einem sehr guten Schocker!
Diesesmal sind es jedoch keine bösen Mächte, die ein unschuldiges Wesen in die Tiefe ziehen wollen, sondern ein Kind, dass böser ist, als man es sich je vorstellen könnte. Regisseur Jaume Collet-Serra nimmt sich dem Sub-Genre des Böse Kinder-Horrors an, welches über "Der Exorzist", "Das Omen" und "Kinder des Zorns" schon weitreichend bekannt sein dürfte, aber definitiv noch nicht zum Standard des blanken Horrors gehört, auch wenn so manches Kind in der realen Welt sicher nicht weniger furchtergreifend ist. Hier haben wir es nun aber mal mit einem wirklich gräßlichen Exemplar zu tun. Die Story erzählt von dem Ehepaar Coleman, das nach einer Fehlgeburt auf der Suche nach einem Adoptivkind ist. In der kleinen osteuropäischen Esther scheinen sie ihr Traumkind gefunden zu haben und adoptieren es vom Fleck weg. Doch schon bald wird aus dem liebenswerten Mädchen eine Bestie, die jeden um die Ecke bringt, die ihr im Wege steht. Und ein gar fürchterliches Geheimnis hat sie auch noch zu bieten. Ein schweißtreibender Kampf um Leben und Tot beginnt... Und das nicht nur für die Personen im Film, sondern auch für die Zuschauer, zumindest was die Sache mit dem schweißtreibend angeht. Auch wenn die Geschichte vielleicht erst einmal alles andere als innovativ klingt, so kann man sich sehr schnell an sie gewöhnen und sieht aufgrund der Inszenierung kaum einen störenden Faktor daran, dass "Orphan" das Rad nicht neu erfindet. Für einen spannenden Abend reicht das Grundgerüst definitiv aus.
Es kommt nämlich immer noch darauf an, was aus der Story im Endeffekt gemacht wird und da muss man es dem Regisseur lassen, wirklich das Bestmögliche raus geholt zu haben, was möglich ist. Wie es sich gehört, baut er seine Geschichte und damit die Spannung auf sanften Wegen auf. Abgesehen von der kurzen Anfangssequenz lässt der Horror erst einmal auf sich warten, und es wird etwas anderes in den Vordergrund gestellt: Die Charaktere. Drehbuchschreiber David Johnson läßt sich viel Zeit all seine Figuren vorzustellen, soweit es der Spannung dient und ohne das einem das auch nur ein Fünkchen sinnlos vorkommt. Denn wo bei anderen Horrorfilmen einem die Figuren größtenteils doch eher am Arsch vorbeigehen, legt Johnson hier wirklich viel wert drauf, dass man mit den Figuren mitfühlen kann, wenn sie später in ihr Verderben geschickt werden und es gelingt ihm einwandfrei. Auch wenn man natürlich nicht all zu tiefschürfende Charaktere erwarten sollte, für das Genre sind einem hier die vier Familienmitglieder irgendwann dann doch gewissermaßen ans Herz gewachsen, damit einem ihr Verderben nicht egal ist.
Und der Aufbau der Spannung gelingt zudem auch deshalb so prächtig, weil hier Inszenierung und Atmosphäre einfach stimmen. Die Farbauswahl erweist sich als kaltschnäuzig, der ewige Nebelschleier auf dem Bild kann ordentlich für Schweißperlen sorgen. Und wenn unsere Kleine dann mit ihrem bösen Spiel beginnt dauert es nicht lange, bis man sie sich schnellstens zum Teufel wünscht, auch wenn man ihrem Geschnetzel natürlich dennoch gerne zusieht. Und wie höllisch dieses kleine Miststück im Laufe der zweiten Filmhälfte dann in Rage gerät, ist einem bei ihrer ersten Untat, dem Schubsen einer frechen Mitschülerin von der Rutsche, gar nicht bewusst, zumal Esther auch so manches Tabu bricht, was man in den meisten Evil-Children-Filmen so nicht zu Gesicht bekommt.
Schön dabei zu sehen ist aber vor allem die Tatsache, dass "Orphan" durchgehend wie ein Horrorfilm der 80er-Jahre wirkt. Wie schon eingangs erwähnt, hält sich Collet-Serra größtenteils von den modernen Möglichkeiten des Horror erschaffens fern und bildet einen Schocker ab, den es schon vor dreißig Jahren, in ähnlicher Form, hätte geben können. Das Blut, welches hier irgendwann noch ausreichend fließt, ist nicht digital und auch alle anderen Formen des Schreckens erzeugen, werden hier auf die altehrwürdige Art und Weise gemacht. Allenfalls ein paar "leuchtende" Wandbemahlungen stammen aus dem Computer, ansonsten dürften sich Old-School-Horror-Freunde hier bestens wohlfühlen.
Wohlfühlen auch deshalb, weil es sich Collet-Serra nicht nehmen lässt zum Ende hin eine Wendung einzubauen, die sich seit langem mal wieder als echter Plottwist ausweisen darf. Wo in letzter Zeit die Wendungen doch meist eher lascher Natur waren, haut "Orphan" hier eine Wendung raus, die man so noch nicht gesehen hat. Es dürfte kaum jemanden geben, der diesen Kniff vorhersehen dürfte, geschweige denn das er ihn kalt lässt. Auch wenn dieser Twist sicher dennoch polarisieren dürfte, als unorignell kann er nicht bezeichnet werden und mich persönlich hat er wirklich zu 100% überzeugt, selbst wenn sich einzelne kleinere Unlogikkeiten dadurch vielleicht auftun. Darüber kann man locker hinwegsehen.
Zudem kommt auch noch eine Hauptdarstellerin hinzu, welche es faustdick hinter den Ohren hat. Wie die kleine Isabelle Fuhrman den Teufelsbraten darstellt ist schlichtweg atemberaubend und unglaublich überzeugend. Man will ihr nicht mehr auf der Straße begegnen, wenn man sie hier einmal gesehen hat, so gruselig und garstig stellt sie ihre Rolle zur Schau. Kaum zu glauben, dass sie erst 12 Jahre alt ist. Hinzu kommen noch bekannte Gesichter wie Vera Farmiga, Peter Sarsgaard und CCH Pounder, welche ebenfalls durchgehend überzeugen. Und auch die beiden Kinderdarsteller Jimmy Bennett und Aryana Engineer, welche die leiblichen Kinder des Ehepaars Coleman darstellen, können gefallen.
Fazit: Horror, so wie er sein sollte! Nach Sam Ramis "Drag me to Hell" kann nun Jaume Collet-Serra mit seinem Horrorstück "Orphan" erneut alle Freunde der schönen alten Horrorzeiten in den 70er und 80er Jahren im Kino versammeln. Die Story mag nicht sonderlich innovativ sein, bietet aber erstaunlich viel Platz für viel Spannung einer enormem Atmosphäre und dem vielleicht bösesten Filmkind der letzten Jahre. Wer sich mal wieder so wie vor 30 Jahren gruseln möchte, es mag wenn das Blut nicht aus dem Computer sondern aus dem Farbtopf kommt und einem Plottwist nicht abgeneigt ist, der wie ein Schlag in die Magengrube wirkt, der kommt an "Orphan" nicht vorbei. Wenn das Horrorkino der nächsten Tage so wie "Drag me to Hell" und "Orphan" aussieht, dann dürfte einem gelungenen Aufschwung nichts im Wege stehen.
Wertung: 8/10 Punkte