Etablierte Familie adoptiert unbekanntes Waisenkind, dann fliegt die Scheiße in den Ventilator - die Story gab es nun wirklich zuhauf, sei es nun in Kinoproduktionen oder in TV-Filmen in Reihe. Warum also die Story noch einmal aufkochen, wenn man nicht wenigstens einen frischen Ansatz oder den einen oder anderen überraschenden Dreh aufzubieten hat.
Über weite Teile, zumindest in der Nacherzählung, wirkt "Orphan" dann auch enttäuschend konventionell, ein weiterer Fall von "evil child" und fertig, doch sieht man den kompletten Film, erlebt man eine Überraschung.
Derlei Produktionen standen und fielen schon immer mit der Hauptdarstellerin und in so einem Fall braucht man eine gute Kinder- oder Jugenddarstellerin. Teilweise funktioniert der Faktor der "Unheimlichkeit" nur mittels eines unbewegten Gesichtsausdrucks oder eines beunruhigenden Starrens, aber nun haben wir ja Isabelle Fuhrmann.
Wenn man die Qualität wirklich an der "bösen" Darstellung festmachen will, dann bläst die Zwölfjährige das Publikum problemlos in allen Szenen an die Wand, bietet eine geradezu delikat kalte Meisterleistung aus mühsamer Beherrschung, ohnmächtiger Wut, unterentwickeltem Sexappeal, anbiedernder Höflichkeit und kalter Mordlust, die den Zuschauer permanent zum Zuschauen bannt.
Da fällt es dann auch nicht so unangenehm auf, daß man den Sieger schon am Start erkennt, denn die Adoption steht von der ersten Szene an unter einem schlechten Stern und knietief in der Versatzstücksuppe: die Mutter hatte eine Totgeburt, die andere Tochter ist schwerst hörbehindert, Mutti hat gesoffen und Dad hat eine Menge zu tun. Draußen schneit es ununterbrochen und selbst die Fürsprache einer Therapeutin wirkt eher wie kryptischer Testballon, der übelst in die Hose gehen kann. Was er dann auch tut.
Die eiskalt kalkulierende, lethal manipulative Göre ist ja inzwischen zum Archetyp geworden und besitzt immer noch ihren Reiz (zuletzt etwa in "Joshua", aber dermaßen geschickt und reif ging selten jemand im zarten Kindesalter vor - was allerdings auch so seinen Grund hat, den man möglichst nicht im Voraus verraten sollte.
Natürlich ahnt man schnell, daß die Alkoholsucht später noch ein Mittel sein wird, das die Familie spalten kann und zwei Geschwister bedeuten für gewöhnlich, daß mindestens eins noch ins Gras beißt (und es wird nicht die niedliche, fast taube Lockenschwester sein) und dennoch balanciert das Debutskript des Autorenduos sich an der Frage nach der Motivation, dem Ziel und der Herkunft des mysteriösen Mädchens mit dem Halsband entlang und Jaume Collet Serra, der bereits in dem zu Unrecht vielgescholtenen und damit unterschätzten "House of Wax" es verstand, eine morbide Grundstimmung in reinen Suspense zu verwandeln, folgt der Schlittenfahrt in den Abgrund fortwährend zielgenau.
Solange die Faszination um die zentrale Figur Esther anhält (und das sind die vollen zwei Stunden), ist man auch bereit, eher abgedroschene Handlungsteile zu ertragen und bereits vorhergesehene Wendungen anzunehmen. Relativ schnell kommt es übrigens zum Bruch zwischen Mutter und Adoptivtochter, doch die hält schlußendlich immer alle Fäden in der Hand und plant meistens zwei Schritte voraus, während Vera Farmiga, die als fragile Mutter ebenfalls glänzen kann, in ihrer Vergangenheit herumstochert und bemüht ist, sicherzustellen, daß ihr noch irgendwer glaubt. Collet Serra hat jedoch ein gutes Gefühl dafür, in welcher Sequenz er wann zuschlagen muß, um das Publikum bei Laune zu halten und dreht den Regler immer wieder kurz und schockierend hoch, meistens im Zuge gewisser Gewaltausbrüche (in einer extremen Sequenz schleudert Esther ihre Schwester vor einen fahrenden Wagen) oder in längeren Suspensesequenzen (der Gang eines Kindes duch ein schloßartiges Klettergerüst wird auch für die Zuschauer zur Tour de force). Ständig passiert etwas und wenn nicht, zieht Esther Familie wie Publikum mit ein paar wohlformulierten Worten das Fell über die Ohren - und provoziert dabei noch nicht mal den Reflex, das Balg jetzt endlich zu killen und das möglichst graphisch, denn solange die Katze noch nicht aus dem Sack ist, bleibt man über das Kind und seine rätselhaften Elemente (die Herkunft, die Bibel, das Halsband, die Bilder) ebenfalls in der Schwebe. Und die übrigen Familienmitglieder machen es dem Zuschauer auch nicht einfacher: die Mutter wirkt oft schwächlich, der Mann ignorant, der Bruder unfair grob und die kleine Schwester zu naiv.
Und dann, nach knapp 90 Minuten fliegt dann in einer wahlweise total überzogenen Erklärung/Sequenz bzw. in einer der bizarrsten Szenen/Erklärungen des Jahres komplett der Deckel vom Topf.
Es mag weder sonderlich wahrscheinlich noch logisch klingen, innerhalb des Filmkosmos funktioniert der hier präsentierte Dreh, der so ziemlich alles vorher Geschehene erklärt oder begründet und das alles in einer bizarren Szene, die latent am Rand einer Pädophilenphantasie entlang schrammt und eine makabre Faszination ausstrahlt.
Was danach folgt, ist dann zwar ein konventioneller Showdown mit bekannten Bildern, aber es rauscht noch dermaßen in den Ohren, daß man das gern verzeiht und sich mitreißen läßt.
So wird dem Stoff zwar nichts wahrhaftig Innovatives abgewonnen, aber der Film wirkt flott, schnell, unterhaltsam und seltsam ausgewogen, drückt das Spannungspedal geschickt immer wieder durch und reicht so manche Szene gegen den Strich gebürstet mit viel Gefühl für den Moment. Wenn Esther dann am Ende praktisch im Amok das Haus zerlegt, ist man schlichtweg hingerissen, auch wenn in letzter Instanz sich nicht getraut wird, mit einem der ungeschriebenen Gesetze Hollywoods zu brechen, das meistens in Anspruch genommen wird, wenn Kinder mit an Bord sind. Auch die "Typisch!"-Reaktion wird öfters provoziert, aber wenn sie zum Einsatz kommt, reitet der Plot nicht lange drauf rum, sondern ist schon zur nächsten Spannungsszene unterwegs. Und das sollte in diesem Film genügen, der wie "House of Wax" endlich mal wieder beweist, daß es nicht wichtig ist, was man verfilmt, sondern wie. (7,5/10)