In Heimen aufgewachsenen Waisenkindern eilt häufig der Ruf voraus, verhaltensauffällig und schwierig zu sein. Kein Wunder, wurde ihnen doch in den meisten Fällen eine normale Kindheit verwehrt und sind die Bezugspersonen in den Heimen als Elternersatz schlicht überlastet. Werden dann noch die Augen vor brutalen Hierarchien innerhalb der Heimbewohner, bei denen das Gesetz des Stärkeren gilt, verschlossen, werden der späteren Soziapathie Tür und Tor geöffnet. Scheinbar nicht so bei der kleinen Esther, die sich für eine Neunjährige ungewöhnlich kultiviert und erwachsen gibt und damit sofort das Herz des adoptierungswilligen jungen Elternpaares erobert…
Der spanische Regisseur Jaume Collet-Serra, der mit seinem „House Of Wax“-Remake ein beachtliches Debüt ablieferte, wurde für diese amerikanische Horrorproduktion mit der Ausführung des Drehbuchs betraut. 2009 kam sodann „Orphan“ auf die Leinwände, inmitten einer Zeit, in der böse Kinder im Genrekino wieder schwer angesagt zu sein scheinen. Doch glücklicherweise spielt „Orphan“ in einer anderen Liga als all die halbgaren Aufgüsse, die in jüngster Zeit ihren Platz in den Videotheken beanspruchen. „Orphan“ ist eine gelungene Mischung aus Psychothriller und „Böse Kinder“-Horror, der in seinen konventionellen Handlungsmomenten geradezu zum Genießen einlädt. Schon der Prolog, eine Alptraumsequenz Kates, wurde großartig umgesetzt und lässt die Qualität des Films bereits erahnen. Denn wo es scheinbar an der großen Innovation mangelt, ergötze ich mich den schauspielerischen Leistungen insbesondere der zum Drehzeitpunkt gerade einmal 11- oder 12-jährigen Isabelle Fuhrmann, die den kleinen Satansbraten schlicht perfekt verkörpert. Überhaupt trumpft hier das weibliche Geschlecht groß auf: Vera Farmiga spielt die kämpferische, aber psychisch angeschlagene und um Glaubwürdigkeit ringende Adoptivmutter Kate emotional und authentisch und Aryana Engineer gibt die jüngste Tochter Max, taubstumm in Gebärdensprache und per Mimik kommunizierend, beeindruckend und zuckersüß. Das winterliche Ambiente trägt zur ungemütlichen, subtil-fiesen Atmosphäre bei und die verspielte Kameraarbeit bietet manch ungewöhnliche Perspektive und bleibt dadurch stets interessant. Hätten sich aktuelle Genrekonkurrenten nicht selten damit bereits begnügt, liefert „Orphan“ aber endlich mal wieder eine Antwort auf die Fragen des Zuschauers nach dem „Warum?“. Der Plottwist im letzten Viertel ist aus meiner Sicht sehr gewagt und unvorhersehbar, versucht aber nicht, den Zuschauer für dumm zu verkaufen, im Gegenteil: Jene schockierenden Momente beseitigen schlagartig sämtliche Logiklücken, allerdings ohne die Mystik der Geschichte wegzublasen. Das wird lange im Gedächtnis bleiben, und vielleicht haben wir es hier sogar mit einem ganz neuen „Magic Moment“ des Genres zu tun. Der Showdown im Finale fiel dann wieder eher erwartungsgemäß aus, sorgt aber in Verbindung mit dem Aha-Erlebnis für noch stärkere Identifikation mit den Opfern. Man ist mittendrin in der Geschichte, fiebert mit und lässt die Dramatik des entscheidenden Kampfes sich in vollem Umfang entfalten. Dazu beigetragen hat die ruhige, dennoch dynamische Erzählweise, die uns die nur vordergründig „heile“ Familie näher bringt, denn neben einer Totgeburt galt es noch weitere Krisen durchzustehen. Innerfamiliäre Konflikte werden realistisch und nachvollziehbar dargestellt und machen neben Esthers geschickten Manipulationen den Psychothrill der Handlung aus.
Ich bin sehr positiv überrascht und hoffe, dass man von Collet-Serra noch weitere Horrorfilme dieses Kalibers erwarten können wird.