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Nach einer traumatischen Fehlgeburt entschließen die zweifache Mutter Kate Coleman und ihr Mann John sich dazu, ein weiteres Kind zu adoptieren, um über den Tod ihres Babys hinwegzukommen. Ihre Wahl fällt auf die neunjährige, hochintelligente Russin Esther, die die beiden auf den ersten Blick in ihr Herz schließen. Zunächst fügt sich der Neuzugang auch ganz gut in die Familie ein, doch bald schon dämmert es Kate, dass sich hinter der Fassade des kleinen Engels wahre Abgründe auftun. Schwester Abigail, die Leiterin des Waisenhauses, die Esther an die Colemans vermittelt hat, klärt das Ehepaar darüber auf, dass es seit jeher in der näheren Umgebung des Mädchens immer wieder zu merkwürdigen Ereignissen und "Unfällen" gekommen ist. Dafür muss die gute Frau dann auch mit ihrem Leben bezahlen, denn Esther entpuppt sich als eiskalte Psychopathin, die auch vor Mord nicht zurückschreckt. Als Kate ihr nach und nach auf die Schliche kommt, nimmt Esther ihre neuen Geschwister Max und Daniel ins Visier... Mit dem geschickt inszenierten "Orphan - Das Waisenkind" kehrt der Spanier Jaume Collet-Serra der ausschweifenden Phantasmagorie seines Slasher-Erstlings "House of Wax" mitsamt ihrem visuellen Einfallsreichtum den Rücken und erzählt stattdessen eine eher in realistischen Bahnen verlaufende Thriller-Handlung, die dafür allerdings mächtig an einigen Tabuthemen kratzt und das Publikum mit ihrer durchtriebenen Fiesheit schockt. So geht das Ganze dann auch locker als unter umgekehrten Vorzeichen stehende "Die Hand an der Wiege"-Variante durch, bei der die arglose Familie anstelle eines Kindermädchens aus der Hölle halt eben einen wahren Satansbraten in ihrer Mitte aufnimmt... was nicht minder katastrophale Resultate nach sich zieht. Zugegeben, wer sich ein wenig im Genre auskennt und solche Streifen wie "Das Omen", "Mikey" oder "Das zweite Gesicht" (mit dem der vorliegende Film zudem auch die frostige Winter-Szenerie gemein hat) gesehen hat, der dürfte hier zunächst nicht allzu viele Überraschungen erleben, denn Collet-Serras Film steht haargenau in der Tradition der genannten Vorbilder, die doch alle irgendwie nach demselben Schema ablaufen. Weniger effektiv macht ihn das jedoch nicht, zumal hier auf eine selten gesehene Art und Weise mit der Erwartungshaltung des Publikums gespielt wird, denn man ahnt (beziehungsweise weiß, wenn man die Marketing-Kampagne mitbekommen hat) natürlich schon früh, dass mit der kleinen Esther irgendetwas nicht ganz koscher ist. Das Hitchcock'sche Suspense-Prinzip, bei dem der Zuschauer den Protagonisten im Film zu jeder Zeit um mindestens zwei Schritte voraus ist, greift hier also mal wieder so richtig gut und könnte die Geschichte sogar locker im Alleingang tragen. Die auf den Punkt hin gesetzten Schocks und ein paar wenige Brutalo-Momente, in denen es sachte splattert, sorgen dann aber dafür, dass aus "Orphan - Das Waisenkind" doch noch ein recht harter Vertreter seiner Gattung geworden ist, dem zudem die Perfidie aus jeder einzelnen Pore trieft. Die Kaltschnäuzigkeit der Filmemacher, die auch nicht davor zurückschrecken, die beiden leiblichen Kinder der Colemans in einige echt haarsträubende Situationen zu verwickeln, kann einem ganz schön auf den Magen schlagen, denn auch wenn man von einer Hollywood-Mainstream-Produktion nicht wirklich erwartet, dass sie die Gören tatsächlich über die Klinge springen lässt, so hat man hier doch zumindest das beklemmende Gefühl, dass altersunabhängig tatsächlich JEDER fair game ist und jederzeit den Löffel abgeben könnte. Obwohl das Ganze schon in den Erwachsenen-Hauptrollen von Vera Farmiga und Peter Sarsgaard sehr gut und überzeugend gespielt ist, können die beiden doch nicht gegen die junge Isabelle Fuhrman anstinken, der in der Rolle der Esther einiges abverlangt wird... und auf deren Schultern der gesamte Film lastet. Ihre Performance als weibliches Damien-Pendant ist dann auch wirklich nuanciert und angsteinflößend und fegt mal eben so sämtliche anderen Kinder-Darsteller weg, die einem so in den Sinn kommen könnten (Ausnahme: Blake Woodruff, der in "Whisper - Des Teufels Werk ist ein Kinderspiel" in einem ähnlichen Part auch sehr, sehr gut war). Die treibt es glatt so weit, dass man irgendwann damit rechnet, dass sich das Mädchen schließlich doch noch als leibhaftige Tochter des Teufels entpuppt. Zum Schluss hin hat der Streifen dann tatsächlich eine irrsinnige Überraschung bezüglich des Backgrounds des Waisenkinds in Petto, die auf den ersten Blick vollkommen lächerlich wirkt, bei genauerer Betrachtung aber eigentlich recht gut in die Story passt... ein großes Dankeschön an den Drehbuchautoren, der zur Abwechslung mal nicht in der Schublade mit den Standard-Twists gekramt hat, sondern sich mal selbst was hat einfallen lassen und "Orphan - Das Waisenkind" dadurch zu einem auf jeder Ebene bestens funktionierenden und erinnerungswürdigen Mainstream-Thriller abrundet. Den hier hat Jaume Collet-Serra übrigens im Anschluss nicht mehr getoppt.

9/10

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