Review

Stellt euch vor, es gäbe eine Welt, in der niemand lügt, in der das Prinzip der Lüge unbekannt ist.
Und dann kommt jemand und entwickelt plötzlich dieses dort seltene Talent.
Und dieser jemand verrät euch genau das in einem vollkommen überflüssigen Voiceover unmittelbar bei Filmstart, so daß ihr das gar nicht selbst entdecken müßt.

Natürlich, es gibt sicherlich gröbere Fehler als diesen, den ein Filmemacher machen kann, aber diese Art leichthändiger Mißkonzeption zieht sich dermaßen durch alle Bereiche von "Lügen macht erfinderisch", der zweiten Arbeit des britischen Komödianten Ricky Gervais seit seiner Ankunft in Amerika unter dem Banner des Star-Status mit sich selbst in der Hauptrolle (der erste war "Ghost Town"), daß es schon irgendwie schludrig wirkt.

Dabei sollte doch nach eben diesem mediokren "Ghost Town" (der in etwa eine Art Re-Boot des in den 40er Jahren beliebten "film blanc" war) jetzt alles besser werden. Das Original-Autorenduo Gervais und Matthew Robinson wieder vereint, written, directed by and starring Gervais, dazu noch zahlreiche Cameo-Auftritten von bekannten Kollegen und langjährigen Mitstreitern, darüber hinaus ein interessantes Konzept.
Woran es mangelt, scheint Zeit und Kreativität bei der Ausarbeitung gewesen zu sein.

Tatsächlich ist der hauptsächliche Schwachpunkt das wahrlich unausgegorene Drehbuch, dessen Grundkonstellation zwar generell skuril und komisch klingt, aber kaum dazu angetan ist, wirklich einen 90minütigen Film zu tragen. Denn mit der Unfähigkeit zu lügen ist es ja nicht getan, vielmehr sind die Bewohner dieser unserer sehr ähnlichen Parallelwelt wohl auch noch von einem inneren Drang zur Offenheit und Ehrlichkeit getrieben, stets alles auszusprechen, was sie bewegt und beeinflußt.
Das kann manchmal ganz witzig sein, wie in den Rendezvous-Vorbereitungen von Gervais und einer auf Autopilot fliegenden Jennifer Garner oder in den gänzlich spröden Coke- und Pepsi-Werbespots, manchmal auch irritierend, wenn gewisse Figuren sogar Dinge erzählen, die sie sonst verschweigen würden - oder eben aufgrund der überall herrschenden Ehrlichkeit gar nicht erst tun.

Leider beschränkt sich der interessante Weltenentwurf dann auch auf stereotype Grundkonstellationen, die einen schnellen oder sicheren Lacher bringen, analysierbar ist die komplette neue Realität kaum.
Trotzdem ist wenig schlüssig, warum in dieser lügenlosen Welt etwa die Filmproduktionen nur historische Geschichten von Erzählern vortragen lassen, über Ereignisse, die vermutlich kaum ohne Lügen zustande gekommen sind (wie etwa Napoleons Feldzüge), anstatt sie z.B. zumindest nachzustellen - und das sogar noch so detailliert wie möglich, um keine Unwahrheiten aufkommen zu lassen.
Die drögen Werbespots wiederum sind lustig, es gibt aber keinen Grund, sie optisch nicht etwas attraktiver zu gestalten, ohne Lügen zu erzählen - und Kreativität ist ja wohl durchaus erlaubt.

Genauso unerklärlich schematisch ist auch der zentrale Plot Point (oder einer von zweien), der - unglücklicherweise - mal wieder eine fade, wie unrealistische Liebesgeschichte erzählt, in der Moppelchen Gervais lange Zeit erfolglos die eingebildete, oberflächliche, nur auf Oberflächenreize und Geld fixierte Garner ohne nähere Begründung ihrer Vorzüge (maximal ihr gutes Aussehen) anschmachtet.
Sicherlich, das generiert komische Situationen, aber stets und ständig hat man das Gefühl, daß der Hintergrund nicht ganz durchdacht worden ist, bevor man sich ans Drehen machte.

Das zweite zentrale Thema ist dann noch die Institution bzw. Erfindung von Religion - ein Notfallkonzept, nachdem Krankenhausangestellte Mark Bellison (Gervais) zugehört hatten, wie dieser seiner sterbenden Mutter ein wunderschönes Jenseits vorflunkert, um ihr die Angst zu nehmen.
Es steckt ein wenig religionskritisches Potential darin, wie Gervais der aufkommenden Begeisterung und fragesüchtigen Menschenmasse des Planeten beikommen muß, indem er sich einen Rahmen für seinen "Mann im Himmel" ausdenken muß (und dieser dann unglaublich schlecht klingt, denn Mark ist, und das sagen alle zurecht, ein mieser Autor) und so die Erschaffung der zehn Gebote nachstellt (gekrönt von einem unsagbar miesen Pizza-Hut-Product Placement). Das sich verselbständigende Gott-Konzept ist wieder für ein paar Scherze gut (im Liebeskummer mutiert Gervais dann zu einer Form von Jesus, zumindest von der Hollywoodoptik her), um dann sogleich wieder zugunsten der Love Story fallen gelassen zu werden.
Wobei noch anzumerken wäre, daß eine einfache Bemerkung zum Krankenhauspersonal, daß er sich das eingebildet hätte oder sie sich bezüglich seiner Wort getäuscht hätten, genauso genügt hätte - schließlich glauben ihm seine Saufkumpels in der Kneipe ja auch alles im Sekundentakt.

Was bleibt, ist ein Flickenteppich von recht witzigen Ideen, die gründlich durchdacht, in Form einer Sketchanthologie sicher eine Reihe extrem lustiger Szenen ergeben hätten, aber in komprimierter Filmform nichts Halbes und nichts Ganzes sind.
Gervais, mit seiner eher kompakt-feisten Erscheinung und seinem dauerirritiert-gezeigten Raubtiergebiß, ist sowieso schwer vermittelbar als Sympathiefigur, erträgt aber auch hier wieder mit unglaublichen Nehmerqualitäten jede Beleidigung, die auf seinem Rücken ausgetragen wird und mutiert so zum herzzerreißenden Punchingball für alle. Nur: genau die gleiche Rolle hatte er schon in "Wen die Geister lieben..." und variiert sie nur leicht zum Sympathischeren.
Das Endergebnis kann man sich durchaus ansehen und wird sicher ein passabler Dauergast auf den Privatkanälen für den Freitagabend, aber wer über den reinen Gagwert hinaus über das Gesamtbild mal zwei Minuten Geisteskraft verschwendet, wird sich vielleicht wundern, ob das hier nicht eher eine Karteileiche war, die man in kürzester Zeit von einem Konzept zu einem Konventionaldrehbuch aufgeblasen hat.
Das gibts zwar hundertfach in Hollywood, nur braucht es dafür eigentlich keinen Gervais mit seinem speziell bissigen und beißenden Humor, dieses Feld beackern die Sandlers und Carreys seit Jahren, während sie sich von Deppen oder Chaoten in netten Familienpapis verwandeln - so wie auch hier.
Daß 1A-Komödianten-Material hier zwischendurch mal reinschaut, in Gestalt von Jeffrey Tambor, Rob Lowe, Jonah Hill, Christopher Guest, Jason Bateman, Philip Seymour Hoffman und Edward Norton, macht die Verwandtschaft zum filmgewordenen Privatscherz nur noch deutlicher. Kann man genießen, kann man verreißen. Ein wenig zu ambivalent für kreative Dauerhaftigkeit. (5/10)

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