Christine alias Chelsea (Sasha Grey) ist ein hochbezahltes Escortmodell in New York, das pro Abend/Nacht 2000$ verdient. Sie lebt mit ihrem toleranten Freund Chris, der in einem exklusiven Fitness-Studio jobbt, zusammen in einer sehr repräsentativen Wohnung. Chris akzeptiert ihren Beruf und er hat nur eine Bedingung an sie: keine Wochenende mit Klienten. Diese Bedingung wird jedoch zum Knackpunkt, als Chelsea sich etwas in einen wohlhabenden Kunden aus Los Angeles verliebt, der sie in ein Landhaus einlädt...
Steven Soderberghs in nur 2 Wochen auf High Definition gedrehter Film "The Girlfriend Experience" ist wie eine Dokumentation mit Spielfilmcharakter. Im "Fly-on-the-Wall"-Stil beobachtet er seine Protagonisten (Chelsea und Chris) bei ihren Aktivitäten, bei Gesprächen, im Beruf, mit Freunden, sozusagen fast dokumentarisch, aber dennoch einer losen Dramaturgie folgend.
Der Film spielt am Vorabend der letzten US-Präsidentenwahl (McCain-Obama) und spiegelt auch die beginnende Finanzkrise wider, der immer wieder dreht sich das Gespräch in den unterschiedlichsten Situationen um diese. Chelseas Kunden sind meist sehr wohlhabende Finanzmanager, die nun ungewohnterweise mit dieser Krise umgehen müssen. Zusätzlich wird Chelsea auch noch von einem Journalisten interviewt, der versucht, hinter ihre kühle und geschäftsmäßige Fassade zu gucken. Soderbergh erlaubt dies dem Zuschauer, wenn er Konflikte mit ihrem Freund zeigt oder wie sie angewidert von einem übelriechenden Kunden berichtet. Auch fragt der Journalist nach möglicher Konkurrenz von attraktiven Mädchen, doch diesen Einwand weist sie zurück - wenig später sieht sie einen Ex-Kunden mit einer sehr attraktiven Brünetten shoppen und ist verunsichert.
Am Anfang fand ich die komplexe Dramaturgie, die zusätzlich auch noch Zeitsprünge enthält, etwas gewöhnungsbedürftig und schwerfällig, aber mit der Zeit findet man selbst (oder eben der Film) seinen Erzählrhythmus. Dann entwickelt der Film eine Anziehung, die eben von den Figuren, der hervorragenden Musik und dem Inszenierungsstil ausgeht.
Chelsea hat ihren Modus entwickelt, wie sie mit ihrem ungewöhnlichen Job umgeht. Da sie den Kunden eine "Freundinnenerfahrung" liefert, muss sie sich jedes Mal, wie ein empathischer Psychologe, auf die unterschiedlichsten Typen einlassen (wobei dies im Film sehr dezent und unvoyeuristisch gelöst ist). Dabei hilft ihr ihr Hobby "Personology", eine Semiwissenschaft um das Erkennen und Durchschauen von Menschen anhand ihrer Physiognomie, umso vor unliebsamen Überraschungen sicher zu sein.
Doch immer wieder dringt etwas durch Chelseas Fassade und lässt den Zuschauer ahnen, was hinter ihrem Äußeren vorgeht. Es ganz zu durchdringen gelingt einem nicht, aber dies ist, so denke ich, gewollt. Chelsea wird gespielt vom kalifornischen Pornostar Sasha Grey, die, wie ich finde, ihre Sache sehr gut macht. Sie trifft den richtigen "Ton" zwischen Coolness und Verletzlichkeit, um den Zuschauer für ihre Figur zu interessieren.
Der Film ist durch seinen oben etwas gewöhnungsbedürftige Strukturierung sicher nicht für jedermann das Richtige und nicht so leicht zugänglich. Ich fand ihn ziemlich beeindruckend, sicher kein Meisterwerk, aber eine Sichtung wert. Wertung: irgendwie eine 7 mit Tendenz nach oben.