The Girlfriend Experience - Ein Escort-Girl und die Wirtschaftskrise
Sie ist jung, hübsch und professionell. Chelsea, die Hauptfigur in Soderberghs neuem Independent-Film, ist eine New Yorkerin, die im Prinzip alles hat: Eine luxuriöse Wohnung, keine finanziellen Sorgen, und einen liebevollen, gutaussehenden Freund. Doch sie erarbeitet es sich als selbstständiges Escort-Girl für vornehmlich gutsituierte Workaholics aus der Finanz- und Wirtschaftsbranche. Menschen, denen ein normales Beziehungsleben abhanden gekommen ist, bezahlen sie dafür, dass sie ihnen zuhört, mit ihnen ausgeht und mit ihnen schläft.
Das klingt zunächst nach einem Thema, wie man es in jüngerer Zeit aus dem französischen Kino kennt, doch Soderbergh geht einen etwas anderen Weg und legt den Fokus nicht nur auf den moralischen Konflikt der Sache. Zuvorderst ist da die Dokumentation von Chelseas Arbeit, die bis fast zum Ende auch ganz neutral als persönliche Dienstleistung präsentiert wird. Soderbergh bettet hier die vielen Eindrücke aus Chelseas Arbeit zwischen lockerem Tischgespräch, zärtlicher Seelsorgerei und käuflichem Sex in lebhaft fotografierte Großstadt-Bilder von geräumigen Schlafzimmerlofts, Hochglanzboutiquen und eleganten Cocktailbars. Mit diesem upper-class-Panorama der glitzernden Metropole New York gelingt Soderbergh das von Leichtigkeit getragene Porträt einer sehr modernen Form von Dekadenz, Wall-Street-Dekadenz, in der hitzigen Welt der Investoren und Spekulatoren, die mit der Finanzkrise zusammenzubrechen droht. Es ist eben diese Welt am Abgrund, die im Film durch Chelseas Kunden aus der Wirtschaft und ihre zahlreichen Fachgespräche über Finanzfragen angedeutet wird, welche "The Girlfriend Experience" zu einem beiläufigen, jedoch sehr relevanten Kommentar zur Finanzkrise machen. Das Drehbuch ist freilich geschickt genug geschrieben, nicht vom Thema abzuweichen, zu direkt zu werden, zu moralisieren, oder gar zu verurteilen. Es bleibt angenehm neutral, subtil und begnügt sich mit der privaten Dimension der dargestellten Umwelt. Dass diese aber aus den Fugen geraten zu sein scheint, vermittelt Soderbergh durchaus und lädt damit das Private mit Verknüpfungspunkten auf, die man als Zuschauer aufgreifen und hinterfragen darf, wenn man will.
So geht es Chelsea, ihrem Freund und auch allen anderen im Film immer darum, gut auszusehen, einen guten Eindruck zu machen, sich gut zu verkaufen. Chelsea schreibt in ihr Tagebuch detaillierte Informationen über ihr outfit bei diesem und jenem Kunden, man sieht sie fast immer perfekt gestylt, und sie tätigt laufende Investitionen in ihre Arbeit bei den nobelsten Modegeschäften der Stadt. Auch ihr Freund, ein Fitness-Trainer, ist ganz Dienstleister in Person, bildet seine Mitarbeiter im Umgang mit Kunden und präsentiert sich bei anderen Fitnessclub-Anbietern um einen Karriereaufstieg. Musterhaft beiläufig legt das Drehbuch mit solcherei Assoziationen die ökonomische Dimension im zwischenmenschlichen Geflecht frei, während die Krise, so scheint es, die menschliche Dimension aus dem Umfeld der Finanzakteure herauskehrt. Das Assoziative spiegelt sich dabei in der Strukturierung des Films; Soderbergh erlaubt sich hier einen spielerischen Umgang mit Zeitsprüngen, Wiederholungen und stark gestückelten Handlungsszenen, ohne jemals aufdringlich oder manieriert zu werden. Im Gegenteil strahlt der Film die charmante Lockerheit eines talentierten Künstlers aus.
Im Verlauf des Films muss Chelsea schließlich erkennen, dass ihr Service weit persönlicher ist, als der einer gut aussehenden Instant-Freundin. Hinter den Gesprächen von Geld und Anlageoptionen sind einsame, aus den Fugen geratene Männer, die sie nun mehr als ihr lieb ist betreuen muss. Jene oben erwähnten Dimensionen vermischen sich schließlich in Chelsea, sie verliebt sich ernsthaft in einen Kunden. Unbeholfen und ratlos konfrontiert sie ihren Freund damit und verlangt Verständnis dafür, dass sie nun plötzlich einen Anderen ausprobieren müsse. Hat sie auf einmal den Bezug zur Realität verloren?
Sasha Grey meistert ihre Rolle auch in derartig schwierigen Situationen ganz hervorragend, ja der Film scheint wie für sie gemacht. Ihr gelingt der glaubwürdige Wechsel zwischen aufgeschminkter Schein-Identität bei ihren Kunden und persönlicher, emotionaler Identität erstaunlich gut. Da die Kamera in beiden Fällen die intimen Momente einzufangen vermag, fällt das umso deutlicher ins Gewicht. Die faszinierenden knapp 80 Minuten "Girlfriend Experience" sind es jedenfalls Wert angesehen zu werden, vor allem von Leuten, denen die oberflächlichen größeren Produktionen Steven Soderberghs nicht zusagen. Hier ist er nicht nur guter Handwerker, sondern kluger Künstler. Sein Film sucht die Wahrhaftigkeit nicht in Verallgemeinerung, Archetyp und Urteil, sondern er findet sie scheinbar beiläufig in einer intimen, kleinen Erzählung. Dabei vermittelt er unseren aktuellen Zeitgeist so präzise wie kaum ein anderer. 9/10.