Review

SPOILERALARM!

Hoch oben auf meiner persönlichen Rangliste: Das psychologische Drama GFE, das gnadenlos mit Materialismus, Kapitalismus, der Käuflichkeit von Menschen, Kontrollzwang, Kontrollverlust, Selbstvermarktung, verzweifelter Selbstoptimierung und "white slavery" ins Gericht geht, in einer exquisit gestylten Hochglanzkulisse, mit schönen Menschen und fast "ohne" Budget realisiert. Ich sag's ganz ehrlich: Ich bin so oberflächlich, dass mich diese Faktoren, dazu noch improvisierte Dialoge, fehlende Chronologie, der Regisseur als Kameramann und knackige Laufzeit rasch zu Höchstwertungen hinreißen. All das finde ich ganz prima und ziehe den Hut!

Jetzt all das auszuführen, zöge die Gefahr der Endlosigkeit nach sich. Ich versuche es trotzdem und will es kurz machen. Wie gesagt, für einen hochgestylten Kinofilm sind: 1,3 Mio. US$ extrem billig, 77 Minuten radikal kurz, eine dermaßen verschachtelte Montage höchst gewagt. Dazu macht Ausnahme-Regisseur Soderbergh selbst die Kamera, unter seinem Pseudonym Peter Andrews. Im Kommentar, zusammen mit seiner Hauptdarstellerin Sasha Grey, erzählt er vom Improvisieren, wobei oft nur ein Take nötig war, und seiner Suche nach neuen Wegen des Erzählens. Inhaltlich sei "Kontrolle" sein Hauptthema gewesen.Der Besetzungscoup: die vielseitige Künstlerin Sasha Grey (Bücher, Film, Musik) sieht gut aus, spielt oft und vielsagend mit ihrem schönen Haar und fügt dem Drehbuch die unheimliche Ebene des Authentischen hinzu: Sie, die im Hardcore-Business beträchtlichen Erfolg hatte, spielt eine Edelprostituierte; noch mehr als eine normale Schauspielerin bringt Grey für uns das Phänomen mit ein, dass damit sie selbst, d.h. ihre Persönlichkeit womöglich als verkäufliche Ware dient(e) - und das ist auch genau das Problem der zwei Hauptfiguren im Film: erstens die junge "Escort"-Frau, die sich "Chelsea" nennt, zweitens ihr Freund Chris, der als selbständiger "Personal Fitness Trainer" arbeitet.

Beide sind schon jung zu Erfolg gekommen, finanziell unabhängig, bewohnen eine schicke (merkwürdig fensterlose) Wohnung in Manhattan, kaufen "Kunst" für die Wohnzimmerwand, sind weiß, sehen gut aus, sind gesund, kinderlos... könnten glückliche Yuppies sein. Der Film aus dem Jahr 2009 dekonstruiert & seziert dieses Glück erbarmungslos. Er setzt das Paar in die Finanzkrise 2008. Sie verkaufen Luxus an reiche weiße Männer, denen das Geld jetzt vielleicht weniger locker sitzt. Jedenfalls reden alle von der Krise.

Und Chelsea und Chris sind arme Dienstleister, deren Kapital vor allem Jugend, Schönheit und Gesundheit sind. Eigentlich gehören sie nicht dazu, sie sind wie Epiphyten ("Aufsitzerpflanzen", fast schon Schmarotzerpflanzen; viele "schöne" Orchideen gehören dazu). Den ganzen Film über sehen wir, wie Chris und Chelsea, jeweils als EinzelkämpferIn, ihren Marktwert erhalten, verbessern oder steigern möchten. Verhandlungen mit PR-Leuten, selbsternannten Callgirl-Agenten (die Araber sollen lernen: "Buy american!"), Lebensberatung aus Selbsthilfebüchern, Treffen mit Web-Designern, Fitness-Center-Chefs, Sportartikelhändlern, Kunden. Ihre Kontakte sollen zu langfristigen Abos überredet werden, zur Übernahme einer Kollektion, zu besserem Job, müssen ins Wochenende begleitet werden, wollen einen Gratisfick als "review copy", als Gegenleistung für positive Besprechung im Blog. "It's all about communication", stimmen Chelsea und ihr Kunde überein; für Chelsea ist aber auch "all about control". Ohne kontrolliertes Auftreten kein Erfolg. Dazu gehört minutiöses Notieren der Details bei den bezahlten Dates (Chelsea notiert ihre Kleidung, Schuhe, Unterwäsche, Themen, Aktivitäten, besprochene Bücher, Art und Dauer von Sex und Gesprächen) - besonders Chelsea ist da gefordert, weil sie nichts als sich selbst verkauft. Zu beider Selbstinszenierung gehören Kostümkauf, Schminken, Abschminken, Joggen, Yoga, Fitness...

Beide Schauspieler arbeiten hart, denn die beiden Figuren müssen sich vollständig unter "Kontrolle" haben: Chris Santos als Fitnesstrainer muss Optimismus, Geschäftstüchtigkeit, jugendliche Spannkraft und Kontrolle (!) verbreiten, während seiner "Stunden" und während ungezählter Bittgänge und Klinkenputzversuche ("Wir kommen doch gut miteinander aus, oder?!"). Trotz aller Unsicherheit. Vor allem muss er den Kunden vorgaukeln, sie könnten mit ihm Kontrolle über ihre Körper gewinnen.

Chelseas Job ist noch schwerer: Sie verkauft keine messbare "Fitness", oder klar definierte Maße, Gewichtsveränderungen, Muskelaufbau oder "Abläufe" (z.B. im Yoga), sondern nur sich selbst als eine Wunschperson, "Ziel aller Wünsche", als Lieferantin eines guten Gefühls. So ist Sasha Greys Job, ihrer Chelsea jegliche eigene Persönlichkeit zu nehmen, damit Chelsea auf alle Kundenwünsche eingehen kann, dabei aber begehrenswert bleibt. Denn ihr Service ist es, eine "Girlfriend Experience" zu bieten: Der Kunde soll "liebe"voll wie von seiner festen Freundin behandelt werden (Sex inkl. Übernachtung, Zungenküssen, Gesprächen und Frühstück), natürlich ohne den unter Paaren üblichen Streit.

Doch der sie interviewende Reporter fragt zu recht, und hartnäckig: "Was ist, wenn ein Kunde die 'wahre Chelsea' (kaufen) will? Gibt es mal einen Bruch in Chelseas soliden Mauer?" Chelsea muss einerseits als echte "Person" erscheinen und andererseits sich völlig anpassen können, um ihrer Rolle gerecht zu werden. So sieht man sie immer auf der Hut, immer vorsichtig, immer geduldig-zurückgenommen-kontrolliert. Sie wiederholt die Formulierungen der Kunden, sie bestellt als Frühstück "Das gleiche wie du", sie muss wissen, wann sie Initiative ergreifen muss, und natürlich muss es ihr immer gut gehen. Obwohl die Konkurrenz groß ist, jedes Jahr wachsen jüngere Mädchen nach. Fast wie eine hungrige Hyäne kreist eine mysteriöse Tara um Chelsea, erscheint aus dem Nichts an der Seite eines "Agenten" und eines, Chelsea gegenüber zurückhaltend gewordenen, Freiers. Unter der geduldigen Oberfläche sehen wir Chelseas Unruhe und Getriebenheit, auf ihren Wegen durch die Stadt.

So langsam bröckelt Chelseas Fassade, wir sehen es an Soderberghs/Greys Timing, ihre Blicke dauern länger, heftig kommt die Krise des Films, und bei Soderberghs Montage ist dem nur mit großer geistiger Anstrengung zu folgen: Sie fühlt sich missbraucht von dem Sexparty-Agenten/Blogger (Q-Tipp!), vertraut sich einem neuen, sensiblen Kunden an, der ihr aufmerksamer/liebevoller erscheint (und vielleicht sogar ist), als ihr fester Freund Chris, der längst sein "business speak" verinnerlicht hat.

Ihre Zustimmung, mit dem Kunden ins Wochenende zu fahren, bricht ein Tabu in ihrer Beziehung zu Chris, beschwört beider größte Krise herauf und beschert Chelsea obendrein eine Abfuhr sondergleichen, als der Kunde sie zwecks Absage im Wochenend-Hotel anruft. Chelsea ist schon vorausgefahren und wird am Telefon versetzt: seine Kinder hätten sein Gewissen "zu Tränen" gerührt. Nach all den kontrollierten schönen Oberflächen hat diese Szene eine unerwartete Kraft, obwohl (mal wieder) fast nichts passiert: aber die Kälte dieser (seltenen) Außenszene, der Wind unter grau-bewölktem Himmel, Chelseas Isoliertheit in Totale oder Tele, Greys zurückgenommenes Spiel, Chelseas Kampf um Kontrolle, ihre Verlorenheit - einer der Höhepunkte des Films.

Schon bald sind wir am Ende. Die Schlussszene, als Chelsea einen jüdischen Diamantenhändler umarmt, scheint von Geduld, Gnade, Demut und Erlösung zu erzählen. Soderberghs Geschick zeigt sich, indem er die Szene, für den Anfang geplant, ans Ende setzte. Und zugleich zeigt sich Greys Gespür: Auch Soderbergh bestaunt im Kommentar die starke Ausstrahlung ihrer Figur, wie er zuvor schon, bei der über fünfminütigen, improvisierten "Streit"-Einstellung, Greys Entschluss zum Hinsetzen bewundert, der für ihn völlig unerwartet kam - noch eine der besten Szenen, obwohl - oder gerade weil Grey dabei fast unsichtbar bleibt, nur von weit hinten kaum sichtbar in den Sesseln verschwindet. Und dabei die gnadenlose Kälte einer kapitalistischen Selbstausbeuterin demonstriert, wenn jetzt sie in "business speak" verfällt, ihre Sätze wie Messer zustoßen.

Im nächsten Moment hat sich das gegen sie selbst gekehrt - wieder ein Bild des Kapitalismus, der permanent seine eigenen Grundlagen und Akteure angreift.

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