Wer möchte behaupten, dass er an Stelle von Christine (Alison Lohman) in diesem Moment anders gehandelt hätte? - Kurz zuvor musste sie beim Telefonat ihres Freundes Clay (Justin Long) mit dessen Mutter hören, dass sie nicht gut genug für ihn wäre, ihr neuer Kollege Stu (Reggie Lee) macht ihr vehement Konkurrenz um den Stellvertreterposten in ihrer Filialbank und jetzt sitzt eine alte Frau (Lorna Raver) vor ihr - der Kreditsachbearbeiterin - und will eine längere Frist zur Zurückzahlung ihrer Schulden. Christine ist hübsch, angemessen ehrgeizig und ein sympathischer Typ, aber als ihr Chef Mr.Jacks (David Paymer) ihr die Entscheidung in diesem Fall überlässt, ist ihr natürlich sofort klar, welche er bevorzugen und welche ihr persönlich weiterhelfen würde.
Sam Raimi spielt hier mit einer alltäglichen Situation, die so ähnlich Jeden bei seiner Arbeit treffen könnte. Man hat die freie Entscheidung, aber es gibt eine Vielzahl Parameter, die diese beeinflussen. Als Christine die Bitte der alten Frau ablehnt, auch nachdem diese sie auf Knien angefleht hatte, wird sie am Abend von dieser in der Tiefgarage überfallen und verflucht. In dem begrenzten Universum, in dem Raimi seine Story spielen lässt, gibt es einige Typen, die einen deutlich negativeren Eindruck hinterlassen - ihr Chef nutzt die Konkurrenzsituation seiner beiden Untergebenen aus, Kollege Stu ist ein hinterhältiger Schleimer, Clays Mutter Trudy (Molly Cheek) lehnt Christine wegen ihre Herkunft ab und selbst die alte Frau war ja auch nicht ganz unschuldig an ihrer Situation. Ist es da nicht ungerecht, dass ausgerechnet Christine von dem Dämon verfolgt wird?
Sam Raimis Kunst liegt darin, sein Horrorszenario in eine nachvollziehbare Situation einzubetten. Dadurch dass die Bedrohung nie so konkret wird, als das Nichteingeweihte nicht eine psychologisch motivierte Erklärung dafür finden könnten, lässt er die Betrachter zu Christines Verbündeten werden, die ähnlich wie sie in jeder Situation damit rechnen müssen, dass dem Dämon wieder etwas einfällt. Dabei setzt er nur auf wenige optische, sondern mehr auf durch Sound und Kamerablickwinkel erzeugte Schreckensmomente, die auch die Einschätzung der tatsächlichen Gefahr in Waage hält.
Als Christine erfährt, dass sie nur drei Tage Zeit hat, etwas gegen den Dämon zu tun, wird sie vielfältig aktiv. So versucht sie ernsthaft, sich bei der alten Frau zu entschuldigen und will ihren Fehler wieder gutmachen, aber diese ist inzwischen gestorben. Ihr folgender Kampf gegen den Dämon, der sie für immer in die Hölle reißen will, erinnert an den klassischen Kampf des Einzelnen, der sich inmitten einer ihm nicht wohl gesonnenen Umwelt gegen einen übermächtigen Gegner behaupten muss. Dadurch wirkt Raimis Story so real, obwohl diese mit einem fantastischen Element arbeitet, und deshalb identifiziert sich der Betrachter mit Christine.
Entscheidend für „Drag me to Hell“ ist aber, dass hier keinen Moment die Art der Bedrohung im Zweifel steht oder dafür irgendwelche Erklärungen gesucht werden, sondern dass es neben der Frage, ob der Dämon Christine wirklich erwischen wird, vor allem um die Emotionen der Betrachter geht, die Raimi geschickt beeinflusst. Ausschlaggebend dafür ist die Leichtigkeit in der Inszenierung, die zwischen Horror und Komödie changiert und dadurch immer wieder den Eindruck vermittelt, das das Ganze so schlimm nicht sein kann. Auf dieser Basis entwickeln sich die abschließenden Szenen zum absoluten Höhepunkt des Films, indem erst die Betrachter zum Mittäter bei der Suche nach einem alternativen Opfer werden, um dann beruhigt mit dem Ergebnis leben zu können – großartig! (8,5/10).