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Bevor sich der „deutsche Hollywood-Regisseur“ Wolfgang Petersen in typischer, alternder linksliberaler Debilität für idiotischen Propaganda-Trash prostituierte, stand er mal für intelligentes, gehaltvolles Kino und vor allem auch Fernsehen, wie er mit der TV-Mini-Serie „Das Boot“ und nicht zuletzt auch mit seinen Tatorten, jener ARD-Krimi-Institution, bewies, allen voran mit der im Jahre 1977 erstausgestrahlten Produktion „Reifezeugnis“, die das Thema „Sex mit Schutzbefohlenen“, genauer: die verbotene Liebe zwischen Lehrer und Schülerin thematisierte.

In einer ihrer ersten Rollen mimt die sinnliche, blutjunge Nastassja Kinski die Gymnasiastin und Femme fatale Sina Wolf, einerseits scheu wie ein Reh und zerbrechlich wie eine Puppe, sich naiven Tagträumen hingebend, andererseits verschlagen, egoistisch und berechnend. Petersen gelang es, sie mehrmals barbusig zu inszenieren, ohne dass es schmuddelig oder selbstzweckhaft wirken würde. Davor ziehe ich angesichts der pikanten Thematik meinen imaginären Hut.

Seit geraumer Zeit geht sie einer Affäre mit ihrem Lehrer Fichte (Christian Quadflieg), Sunnyboy und Liebling der Schüler, nach, der in so starker emotionaler Abhängigkeit zu ihr steht, dass Versuche, die Affäre zu beenden, fehlschlagen. Bemerkenswerterweise steht seine Frau (stark: Judy Winter), ebenfalls Lehrerin an der gleichen Schule, ebenfalls jung und hochattraktiv, zu ihrem Mann und gibt sich weltoffen, verständnisvoll und charakterlich so gefestigt, diese Krise gemeinsam durchzustehen.

Erfahren hat sie von der Untreue ihres Ehemannes allerdings erst, nachdem dieser immer mehr in ein Netz aus Erpressungen durch mitwissende Schüler und daraus resultierende Gefälligkeitsleistungen verstrickt wurde und zudem eines Tages der Ex-Freund Sinas tot im Wald aufgefunden wurde – laut Sina erschlagen von einem Triebtäter, der ihr an die Wäsche wollte…

Das Drehbuch von Herbert Lichtenfeld und Wolfgang Petersen setzt sich ebenso wie Petersens Regie sehr stil- und niveauvoll mit dem Thema im Rahmen der „Tatort“-Reihe auseinander, lässt seinen interessanten Charakteren von guten Schauspielern Leben einhauchen und verzichtet auf einseitige Schuldzuweisungen, moralische Zeigefinger und Verurteilungen. Das Verhalten der Protagonisten bleibt stets nachvollziehbar, es wird sogar mehr oder weniger offen Lehrer Fichte Verständnis ausgesprochen. Das ist insbesondere für eine deutsche TV-Serie, die zur besten Sendezeit lief, unerwartet mutig und gewagt und zwingt manch Zuschauer, sein vorgefertigtes Schwarz/Weiß-Denkschema mit eindeutigen Täter-/Opfer-Zuweisungen kritisch zu hinterfragen. Skandalträchtig, aber im positiven, aufrüttelnden, tabubrechenden Sinne.

Zudem kreierte man mit Fichtes Ehefrau eine Art Antithese zu Sina Wolfs Charakter, eine emanzipierte, mit beiden Beinen fest im Leben stehende Frau, die in der Lage ist, ihrem Mann zu verzeihen und an der Ehe festzuhalten, statt in Verzweiflung zu stürzen. Sie ist entschlossen, die Situation so souverän wie möglich zu meistern und wirkt fast ausnahmslos über den Dingen stehend. Eine starke Frau als Gegenpart zur in ihrer unreifen Gefühlswelt gefangenen Sina Wolf. Grandios.

Die ermittelnden Kommissare Finke und Kirchstein verblassen dagegen etwas und werden zu Nebendarstellern degradiert, die für ein paar wenige komödiantische Einlagen zuständig sind, sind aber mit ausreichend Geschick und Einfühlungsvermögen bei der Sache, um den Fall – natürlich – letztlich aufzuklären.

Ein ungewöhnlicher, anspruchsvoller „Tatort“, der mir in dieser Form in der heutigen hysterischen Zeit undenkbar erscheint.

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