Ein düsteres Paket: "Yorkshire Killer", eine Filmtrilogie, kondensiert aus den vier lose verbundenen Kriminalromanen aus der Feder von David Peace, angelehnt an die jahrelange Jagd auf den sogenannten echten "Yorkshire Ripper" Peter Sutcliffe, der zwischen 1975 und 1980 eine Reihe von mindestens 13 Frauenmorden beging.
Doch es ist keine dokumentarische Aufarbeitung eines wahren Falls, die hier betrieben wird, sondern pure Fiktion, die gewisse Parallelen zu dem wahren Fall aufweist, ohne ihn jedoch in irgendeiner Art und Weise zu kopieren.
Was Peace und den Filmemachern jedoch wohl am Herzen lag, war nicht eine Reihe von typischen Thrillern oder Krimis zu produzieren, sondern dem Geist der Vorlage soweit wie möglich treu zu bleiben. Das war an sich schon schwierig genug, weil das Buchquartett von Peace in einem ungewöhnlichen Stil geschrieben war, nämlich in einem knappen notizbuchähnlichen Stil in der ersten Person, als würde man die Ereignisse knapp und präzise mitstenographieren, alle Gefühlsregungen der Hauptperson inclusive.
Aus dieser literarisch anspruchsvollen Arbeit, die die Leser wie das rote Meer in zwei Seiten aus Begeisterung und totaler Ablehnung teilt überhaupt einen geschlossenen Film zu kondensieren, ist schon eine beachtliche Leistung Tony Grisonis, der schon bei "Fear and Loathing in Las Vegas" eine Herkulesaufgabe zu schaffen bemüht war (wie das Ergebnis ausfiel, bleibt dabei individuell jedem selbst überlassen). Doch Vorlagentreue ist nicht immer gleichzusetzen mit einem wirklich ausgereiften Plot, den man ohne sich zu verschlucken auch konsumieren kann.
So präsentiert sich der erste Teil, "1974", dann auch nicht als klassischer Krimi um eine aufzudeckende Mordserie an Kindern über einen Zeitraum von knapp fünf Fahren (69-74), sondern mehr als eine Anlehnung an den italienischen Polizeifilm der 60er und 70er Jahre, in dem das Individuum einen schier aussichtslosen Kampf gegen das korrupte System führt. Die Obrigkeit, längst Hand in Hand mit den Verantwortlichen arbeitend, geht eigenen Zielen und Interessen nach, so daß der Einzelne, mögen seine Motivation und seine Motive noch so absichtsvoll sein, nur scheitern kann.
Der einsame Streiter ist hier der junge Polizeireporter Eddie Dunford, dem die Parallelen zwischen den Mordfällen auffallen, der damit jedoch bei allen Institutionen lediglich aneckt. Die Zeitung, für die er arbeitet, ist mehr an Verkaufszahlen als an der Wahrheit interessiert, die Kollegen belächeln ihn ob seiner Jugend, die Polizei zeigt sich als geschlossener Zirkel eigener Interessen, als Front gegen den schlechten Ruf und die brisante politische Lage im gebeutelten Großbritannien der frühen 70er, als der Nordirlandkonflikt allgegenwärtig präsent war. Mit in den Topf kommen auch noch ein Grundstücksspekulant, der auf dem Gelände, auf dem eins der Opfer gefunden wurde, eine Mall errichten will (Sean Bean als schmieriger Halbwelthengst mit Geld). Dargeboten in aller Fülle in dem düsteren, ausgewaschenen Grau-Braun der wolkenverhangenen Frühsiebziger erinnert der ganze Film an den Mief und Filz, der schon Serien wie "Life on Mars" auszeichnete.
In der Folge verkommt die Jagd auf den Mörder zunehmend zur Nebensache, das komplexe Geflecht aus Eigeninteressen und illegalen Aktionen (bei denen u.a. ein Zigeunerlager zerstört wird) darzustellen, nimmt den größten Teil des Plots ein, wäre da nicht...die Hauptfigur...
Offenbar bemüht, die zwiespältige und unausgereifte Innensicht des Erzählers aus dem Roman auf die Leinwand zu übertragen, muß für den größten Teil der Laufzeit der Zuschauer erst einmal mit seinem "Helden" zurande kommen und das ist gar nicht so einfach. Mehrfach wird der Fortgang des Plots den fragwürdigen Vorgehensweisen und Entscheidungen Dunfords untergeordnet, der so rätselhaft geschildert wird, daß nie klar wird, warum er sich überhaupt in den Fall einarbeitet. Kette rauchend und lässig zwischendurch ein Nümmerchen schiebend, wechselt er zwischen pflichtbewußtem Aufklärer und institutionsverachtendem "Kid without a cause" hin und her. Er stellt zwar die richtigen Fragen und zieht bisweilen die richtigen Schlüsse (wenn auch vor dem Zuschauer zumeist verborgen), stellt sich dann aber immer wieder wie ein unbedarfter Naivling an, der die Gefahr offenbar nicht wahrnimmt, in der er schwebt und vor der ihn alle warnen, während um ihn herum Kollegen sterben oder er mehrfach zusammengeschlagen wird. Auch in der Folge sind Vorsicht oder Organisation nicht seine, auf Momente raffinierten Vorgehens (das Einschmuggeln in eine Psychoklinik zum Verhör der Frau des Verdächtigen) folgen totale Aussetzer wie der unnötige Aufenthalt, bis ihn zwei Polizisten brutal aus der Klinik schleifen und zu seiner Überraschung zu Brei prügeln.
Natürlich könnte man das mit einem naiven Idealismus und dem Gefühl, die Welt aus den Angeln heben zu können, begründen, doch Interesse an seiner Arbeit, dem Fall, Freunden und Kollegen oder auch nur Sozialkontakten kommt nur sporadisch in Eddies Leben vor, einschneidende Erlebnisse zeitigen nur selten Wirkung und die vage Beziehung zu der Mutter eines der Opfer bleibt ebenfalls nur unscharf umrissen, soll dann aber plötzlich treibende Kraft für seine schlußendlichen Handlungen sein. Dunford bleibt immer in rätselhafter Distanz zu Fall und Publikum, läßt kaum Verständnis zu und unterfüttert so zwar die Stimmung des Films, aber nicht eben die nötige Interessenkurve.
Ein wesentlicher negativer Faktor ist aber, daß die Macher so sehr im rundgefeilten Regenwolkenherbstlook zwischen Post-Hippie-Ästhetik, zugerauchten grauen Büros und häßlicher Blümchentapete schwelgen, daß die Figuren nur zu selten zum Leben erweckt werden. Die Decouvrierung des Mörders geschieht schlußendlich in einem dahingeworfenen Nebensatz, die Aufklärung erschwert sich der agierende Naivling durch seine Handlungsweise zumeist selbst. "1974" sieht toll aus, wie eine Zeitreise in eine längst vergessene Ära, in die man auf keinen Fall zurück will, aber dem Trip das Vergnügen zu entsagen, indem man den komplexen, weil weitschweifigen Korruptionsfall immer wieder viertelstündlich aus der Handlung entfernt, um ihn später zufällig wiederzufinden, ist eine Art kreativer Selbstmord.
Komplexe Charaktere sind eine feine Sache, aber Eddie Dunford ist leider nur irritierend und enervierend konstruiert (und das offensichtlich schon in der Romanvorlage) und das schadet der Aufmerksamkeit mit der Zeit zunehmend, vor allem weil im Film gewisse Hinweise versteckt werden, die erst in den folgenden Filmen von Bedeutung sein werden und man zu Beginn noch nicht weiß, welche der Figuren man in den anderen Filmen in welchem Umfang wiedersehen wird. Ein mysteriöser Telefonanruf bleibt bis zuletzt im Raum stehen, doch schlußendlich hat man zu oft den Erzählfaden eines an sich komplexen Krimidramas aus der Hand gegeben, um wirklich noch fesseln zu können. In Anbetracht der engagierten Leistungen sämtlicher Darsteller in all ihrer figürlichen Häßlichkeit fast schon eine inakzeptable Verschwendung.
So gerät "1974" nicht zu einem leeren, dafür aber zu einem unbequemen und desorientierenden Film (insofern kann man die Situation der Hauptfigur allerdings gut nachvollziehen), der durch die Handlungsunlogik seiner Figuren sich eines beachtlichen Teils angemessenen Interesses raubt.
Wie eine Verfolgungsjagd im Nebel, bei der man sein Ziel ständig aus den Augen verliert, um dann Zigarettenpause zu machen.
Mag sein, daß David Peace sein Werk angemessen in Bildern hier vorgefunden hat, der Reiz für das Publikum bleibt eine höchste geteilte Angelegenheit. (5,5/10)