Kennt ihr das? Da guckt man sich erwartungsvoll einen neuen Film an, der ein Retro-Erlebnis der alten Schule verspricht, doch hinterher ist die Enttäuschung groß, und man stöhnt resigniert in sich hinein: They don't make 'em like this anymore! Nun, Run! Bitch Run! beweist eindrucksvoll das Gegenteil! Erzählt wird die Geschichte von Catherine (Cheryl Lyone) und Rebecca (Playboy Playmate Christina DeRosa), zwei Studentinnen der katholischen St. Mary's Schule, die in ihren niedlichen Schulmädchenuniformen durchs ländliche Amerika wandern und Bibeln verkaufen, bis... ja, bis sie zur falschen Zeit an die falsche Tür klopfen. Die falsche Tür gehört zur billigen Absteige des Zuhälters und Dealers Lobo (Peter Tahoe), seines stotternden Kumpels Clint (Johnny Winscher) und der nymphomanen Hure Marla (Ivet Corvea). Und der Augenblick ist deshalb so ungünstig, weil Lobo gerade eine Nutte, die ihn beklauen wollte, abknallt, was die Mädchen durchs Fenster beobachten. Und so nimmt das Unheil, das mit Erniedrigungen beginnt und mit dem bizarren Spiel "Find 'em and Fuck 'em" endet, seinen Lauf. Rebecca überlebt die Tortur nicht (sie "gewinnt" eine Runde russisches Roulette), während Catherine verletzt, vergewaltigt und traumatisiert im Wald zurückbleibt. Sie landet schließlich im Krankenhaus, aus dem sie sich wenig später wieder selbst entläßt. Und das Thema Nächstenliebe hat sie nun endgültig abgehakt, denn sie will die Schweine, die ihr das angetan haben, bluten sehen...
Wüßte man nicht, daß Run! Bitch Run! im Jahre 2009 entstanden ist (und wäre da nicht der grandios-coole Blues/Rock-Score, der stark an Tarantino/Rodriguez erinnert), dann könnte man fast glauben, daß dieser Streifen vor etwa 30, 35 Jahren entstanden ist. Denn hier bekommt man deftiges und schmieriges Exploitationkino geboten, das diese geniale und schwer in Worte zu fassende 70er-Jahre-Atmosphäre aus jeder Pore atmet. Run! Bitch Run! ist ein Film, der keine Gefangenen macht, der sich für nichts entschuldigt, und der kompromißlos seinen Weg geht, bis zum bitteren Ende. Regisseur/Co-Autor Joseph Guzman beweist ein fast schon unheimliches Gespür für die unangenehm ruppige und dreckige Atmosphäre der 1970er Jahre. Guzmans Vorbilder liegen auf der Hand und werden stolz und ohne falsche Scham zitiert: Wes Cravens The Last House on the Left, Meir Zarchis I Spit on Your Grave, Bo Arne Vibenius' Thriller: A Cruel Picture und natürlich Abel Ferraras Ms. 45. Cheryl Lyone als Catherine ist großartig, besonders die Wandlung von der naiven Unschuld zum stummen Racheengel im Krankenschwestern-Outfit gelingt ihr glaubwürdig und sehr intensiv. Aber auch die anderen Darsteller machen ihre Sache ausgesprochen gut, vor allem wenn man bedenkt, daß es sich hierbei um einen preiswerten Independent-Film handelt. Da entstehen doch tatsächlich Charaktere aus Fleisch und Blut, keine seelenlosen Abziehbilder wie in viel zu vielen anderen Genrefilmen. Während der Streifen mit nackten Tatsachen nicht kleckert sondern klotzt (nahezu alle Darstellerinnen ziehen sich aus), hält man sich in Bezug auf Splatter eher bedeckt (vieles spielt sich im Off ab). Der Effektivität tut das jedoch keinen Abbruch (ganz im Gegenteil), und außerdem hätten schlechte Spezialeffekte der Stimmung nur geschadet und das Konzept ruiniert. Immerhin darf man sich (quasi als Ausgleich) u. a. an Nekrophilie, an Masturbation mit einem WC-Pömpel, an erzwungenem (lesbischen) Cunnilingus und an einer schon beim bloßen Zusehen schmerzhaften Analpenetration der etwas anderen Art ergötzen. Wer sich auch nur ein kleines bißchen für Exploitation längst vergangener Tage interessiert, der kommt an Run! Bitch Run! nicht vorbei. Besser kann man die goldene Zeit des Exploitationkinos kaum huldigen. Der nächste Film des talentierten Regisseurs ist auch schon in der Mache und trägt den vielversprechenden Titel Nude Nuns with Big Guns.