Review

Atomkraft? Nein, danke!

„Ah, wie lustig: ein Leichentransporter!“

Der spanische Regisseur Jorge Grau („Violent Blood Bath“) schuf mit dem im Jahre 1974 veröffentlichten, italienisch-spanisch koproduzierten Zombie-Schocker „Das Leichenhaus der lebenden Toten“ (auch bekannt als „Invasion der Zombies“) einen für die weitere Entwicklung des Zombie-Subgenres wichtigen Beitrag, der als eine Art Bindeglied zwischen Romeros „Night of the Living Dead“ und „Dawn of the Dead“ gilt und zudem eine deftige Prise Ökohorror beimischt.

„Der Zufall war noch nie ein gutes Alibi.“

Der junge, unangepasste Londoner Draufgänger und Antiquitätenhändler George (Ray Lovelock, „Der Berserker“) kann es kaum erwarten, die stickige Großstadt mit all ihrem Trubel hinter sich zu lassen und schwingt sich auf sein Motorrad, um zu seinem Häuschen auf dem Land inmitten von Einsamkeit und sauberer Luft zu eilen. Ein Tankstellenhalt wird ihm jedoch zum Verhängnis, denn die übermüdete, aber attraktive junge Edna (Cristina Galbó, „Das Geheimnis der grünen Stecknadel“) fährt seinen parkenden Bock um, welcher daraufhin in die Werkstatt muss. Edna hat ein schlechtes Gewissen und gestattet ihm, das Steuer ihres Kleinwagen zu übernehmen, da sie in dieselbe Richtung will. Er solle sie bei ihrer Schwester Katie (Jeannine Mestre, „Das Tal der tanzenden Witwen“), die ihre Heroinabhängigkeit nicht in den Griff bekommt, und deren Mann Martin (José Lifante, „Abgeschlagene Köpfe“) absetzen und könne das Auto übers Wochenende behalten. Leider verfährt sich die Zweckgemeinschaft, sodass George einen Bauern nach dem Weg fragt. Während George nicht nur den Weg zu Katie erfährt, sondern sich auch ein neuartiges, einen hochfrequenten Pfeifton erzeugendes Gerät des Landwirtschaftsministeriums vorstellen lässt, das mit Radioaktivität Insekten und andere Schädlinge derart aggressiv macht, dass sie sich gegenseitig töten, wird Edna von einer Gestalt angegriffen, die sich als der Landstreicher Guthrie (Fernando Hilbeck, „Barabbas“) entpuppt – der eigentlich kürzlich verstorben ist. Bei Katie angekommen erfährt man, dass Martin gerade grausam ermordet wurde. Der ermittelnde Inspektor (Arthur Kennedy, „Der Antichrist“) ist ein erzreaktionärer, faschistoider alter Knochen, der die jungen Leute für ihren Lebensstil hasst und zunächst Katie und schließlich George massiv verdächtigt. Doch Edna hatte recht und nicht nur Guthrie ist aus dem Reich der Toten zurückgekehrt, um unter dem Einfluss der radioaktiven Strahlung die Lebenden zu zerfleischen…

„Wir wollen es nicht übertreiben…“

Grau stellt zu Beginn das hektische Treiben und den Straßenverkehr der Metropole inklusive einer nackten Flitzerin den verlassen wirkenden, weiten Landstrichen gegenüber, in die es George und Edna zieht. So herrlich grün und naturbelassen sie auch wirken, so haben sie im Vergleich zur quicklebendigen Großstadt auch etwas Morbides an sich, das Jorge Grau bereits vorm ersten Auftritt eines Untoten atmosphärisch subtil aus den Bildern herauskitzelt. George wiederum bildet die Antithese zu ebenso arroganten wie ignoranten Bauern, die ihn mit dummen Sprüchen bedenken, als er sich gegen Umweltverschmutzung ausspricht und die neue Technologie, mit der sie hantieren, kritisch betrachtet. Dabei haben sie den Schaden längst angerichtet: Landstreicher Guthrie streift als Zombie mit roten Augen durch die Gegend und erschreckt arglose junge Damen.

„Ihr seid alle gleich, ihr ungezogenen verkommenen Langhaarigen! Angezogen wie Schwule – Drogen Sex, fähig zu jeder Schweinerei!“

Kurz darauf werden Martin, ein Fotograf mit schütterem Haar und zugleich Ednas Schwager, und dessen drogenkranke und mit den Nerven vollkommen fertige Frau Katie in die Handlung eingeführt, wobei Martin bald wieder einen Abgang machen muss: Den Zombieangriff überlebt er nicht. Diese starke Szene wird optisch insbesondere durch das Blitzlicht des Selbstauslösers der Kamera Martins attraktiv, in Abständen von einigen Sekunden werden die Ereignisse fotografisch festgehalten – oder auch nicht, denn die Zombies können, offenbar ähnlich Vampiren, nicht fotografiert werden, wie sich herausstellen wird. Das Meisterstück des Films ist jedoch die klaustrophobische Gruftsequenz mit ihrem starken Gothic-Horror-Vibe, in der man sich scheinbar ausweglos eines Zombieangriffs erwehren muss. Gemächlich, aber stetig zieht „Das Leichenhaus der lebenden Toten“ sein Tempo an. Wenn nach einer Stunde George auf des Rätsels Lösung kommt, folgen die Gore-Einlagen auf dem Fuße, die angesichts des Entstehungsjahrs wahrlich nicht ohne sind. Die Zombie-Gewalt kulminiert in einem blutigen Angriff aufs Krankenhaus bzw. die Menschen, die sich darin aufhalten, deftige Gewaltspitzen schockieren. Die strukturelle Gewalt hingegen findet ihren traurigen Höhepunkt in einer bösen Attacke, die desillusioniert und an Romeros „Night of the Living Dead“ erinnert, der jedoch ein Epilog folgt, der das Szenario auf seine Weise weiterspinnt.

Die Eindeutigkeit, mit der sich der Film auf die Seite von Umweltschützer(inne)n und progressiven jungen Menschen schlägt, die Fortschrittlichkeit nicht mit blindem Vertrauen in gefährliche technologische Eingriffe in die Natur verwechseln und nicht so naiv sind, der Freisetzung von Radioaktivität zuzujubeln, ist aller Ehren wert. Grau und seine Autoren Sandro Continenza und Marcello Coscia verstehen es, das Verhalten ignoranter Mitmenschen und die typischen dämlichen Sprüche, mit denen sie damals (und selbst heute noch) um sich warfen, aufzugreifen und zu veranschaulichen, wie gefährlich es ist, wenn solche Menschen Ämter wie die eines Polizeiinspektors bekleiden. Edna indes ist entgegen des emanzipatorischen Zeitgeists eine reichlich verhuschte junge Frau, der man ständig unter die Arme greifen muss – von Selbständigkeit kaum eine Spur .Jedoch: Nachdem der vom einem bärtigen Lovelock kernig gespielte George ihr lange Zeit keinen Glauben schenkte, muss nicht nur er einsehen, dass sie mit allem recht hatte. Ab dann kämpft George regelrecht gegen Windmühlen. Zugegebenermaßen sind die Figuren relativ schablonenhaft, Romeros Charaktere in „Night…“ waren weniger plakativ, dafür etwas glaubwürdiger ausgefallen.

Grau nimmt gerade während der ersten Hälfte mitunter etwas sehr das Tempo heraus, ein paar Timing-Schwierigkeiten seien ihm jedoch verziehen und sind sicherlich auch geänderten Sehgewohnheiten zuzuschreiben. Dafür überzeugt er mit einigen witzigen Details (neben der Flitzerin beispielsweise die alte Eule im Hotel „Zur Alten Eule“) und einer Kameraarbeit, die ein Maximum an Effekt aus ihren häufig sehr unmittelbaren, nahen Einstellungen erzielt und somit besonders im Kino auf großer Leinwand ihre Wirkung entfacht. Die Attacken der Zombies scheinen auch dem Publikum zu gelten. „Das Leichenhaus der lebenden Toten“ ist bis auf genannte Details weitestgehend spaßfrei, man setzt stattdessen auf eine grimmige, morbide Stimmung und durch den Wissensvorsprung des Publikums verstärkt auf Suspense. Dennoch ließ man es sich nicht nehmen, etwas arg hanebüchene Erklärungen abzugeben, in der man wissenschaftlich unhaltbare Vergleiche zwischen Toten und Insekten zieht und sogar Neugeborene sich aggressiv verhalten lässt – weil sie noch nicht so lange leben? Oder weil es sich noch um „niedere Lebewesen“ handelt? Mit Verlaub, aber das ist dann doch eher unfreiwillig komisch.

Das Make-up der Untoten kann sich hingegen ebenso wie das Gekröse und Gematsche sehen lassen und das unheimliche Gestöhne auf der Tonspur klingt noch länger in den Ohren nach. „Das Leichenhaus der lebenden Toten“ ist kantiger und unbehauener als ein „Dawn of the Dead“, hat seine erwähnten Schwächen in der B-Note, ist aber ein Meilenstein in der Genre-Entwicklung und ein bedeutsamer Film mit dem Herzen am rechten Fleck, der auch heute noch mühelos sein Publikum findet und fasziniert.

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