Review

SPOILERWARNUNG!


HANDLUNG:

Die Geschichte beginnt im hektischen Treiben von London. Der Kunsthändler George Meaning (Ray Lovelock) will sich auf dem Lande ein paar Tage erholen. Unterwegs trifft er eine junge Frau namens Edna Simmonds (Cristina Galbó), die auf dem Weg zu ihrer drogensüchtigen Schwester ist und unvorsichtigerweise sein Motorrad demoliert. Dieses Unglück ist der Anbeginn einer Kette entsetzlicher Ereignisse. Als sich George breitschlagen lässt, sie zu begleiten, gelangen sie in eine abgelegene Gegend, in der Agrarwirtschafter mit einer neuen Insektenvernichtungsmaschine experimentieren. Angeblich soll die angewendete Kernenergie nur auf niedere Nervensysteme wirken – eben die der kleinen Schädlinge – und ansonsten vollkommen harmlos sein. Aber weit gefehlt, denn wie George herausfindet, wirkt sich die Strahlung auch auf das kürzliche Ableben einiger Bewohner aus, sodaß diese sich wieder aufrappeln und nach dem Fleisch der Lebenden trachten. Edna entgeht nur knapp einem Übergriff und ihre Schwester Katie West (Jeannine Mestre) muss mit ansehen, wie ihr Mann von einem dieser Zombies getötet wird. Doch leider stoßen die beiden auf arges Mißverständnis seitens der Polizei. Mehr noch, der Inspektor (Arthur Kennedy), der sehr voreingenommen ist gegenüber dem „langhaarigen“ Gesindel, verdächtigt George und Edna der grausamen Morde. Und alle Versuche, die verantwortliche Maschine abzuschalten und die lebenden Toten zu beseitigen, scheinen ein aussichtsloses Unterfangen zu sein…


KRITIK:

Rund sechs Jahre nach DIE NACHT DER LEBENDEN TOTEN (1968) machte sich der gebürtige Spanier Jorge Grau daran, einen Film zu inszenieren, der sich genau in der Tradition von Romeros Kultklassiker befindet. Allerdings ist die italienisch-spanische Koproduktion seinerzeit ein Einzelfall, denn trotz des weltweiten Erfolges des amerikanischen Vorbildes, blieb es ziemlich ruhig um die lebenden Toten, die nur vereinzelt und in eher unspektakulären Rollen umher stapften. Lediglich in Spanien ritten skelettierte Tempelritter durch die Lande, um sich am Blut junger Schönheit zu betrinken. Aber mit den Zombies im herkömmlichen Sinne war es dennoch nicht weit her. Da zogen Filme wie Jose Luis Merinos DER TOTENCHOR DER KNOCHENMÄNNER oder Carlos Aureds BLUTMESSE FÜR DEN TEUFEL, beide aus dem Jahre 1973 und mit Paul Naschy in der Hauptrolle, schon andere Seiten auf. 

Seit jeher lagen spanische Horrorfilme, die nichts von dem haben, „was den Reiz des Horrorfilms ausmachen kann: keine schönen Bilder, keine Atmosphäre, keine Phantasie“ (Katholische Filmkritik), immer im missbilligendem Auge der öffentlichen Filmkritik. Offensichtlich müssen diese Leute die Filme mit vorgehaltenen Händen geschaut haben, um sich der nicht gerade zimperlichen Gewaltdarstellungen – neben nackten Tatsachen ein auffälliges Stilmittel im spanischen Horrorfilm – zu entziehen, und haben dabei augenscheinlich einiges verpasst. Aber zurück zum eigentlichen Thema. 

Jorge Grau, der mit bürgerlichem Namen Jorge Grau Solá am 27. Oktober 1930 in Barcelona zur Welt kam, ging zu Beginn seiner Karriere u. a. beim italienischen Regie-Meister Sergio Leone in die Lehre und dürfte viel gelernt haben. 1973 versuchte er sich an einer filmischen Aufarbeitung der Legende um die „Blutgräfin“ Erzsébet Báthory; und CEREMONIA SANGRIENTA ist ein sehr stilvoller und gelungener Film, das kann man sagen. Später inszenierte er noch mit CARTAS DE AMOR DE UNA MONJA (1978) ein Gegenstück zu Jess Francos „Liebesbriefen einer portugiesischen Nonne“, seichtere Sexploitation-Unterhaltung und den eher unbekannten Revenge-Thriller HUNTING GROUND (1983). Sein nun vorliegender Zombiefilm DAS LEICHENHAUS DER LEBENDEN TOTEN ist nicht nur der zweite und letzte Ausflug ins kinematographische Grauen, sondern wohl auch sein filmischer Höhepunkt.

Störe nicht den Schlaf der Toten! – Schon der Titel des Films ist eine Warnung zum Wohlgefallen des Zuschauers. Inhaltlich orientiert sich Grau oberflächlich an Romeros ersten Meisterwerk, wobei die Idee mit der Insektenvernichtungsmaschine auf den ersten Blick eher haarsträubend und nur als offensichtliches Mittel zum Zweck dient. Hierin eine aufrichtige Kritik an die gedankenlose Umweltverschmutzung zu verstehen, mag angesichts der hanebüchenen Begründung für das Auferstehen der Toten ziemlich weit hergeholt zu sein. (Ursprünglich sollte die Maschine sogar phantastischer sein, aber Grau mogelte sie etwas realitätsbezogener um.) 

Dennoch scheint eine grundlegende Absicht dahinter zu stecken, wenn Ray Lovelock im Vorspann mit seinem Motorrad aus der vergifteten Londoner City ins ländliche Manchester düst. Die Folgen der immer größer werdenden Globalisierung verursachen immense Umweltverschmutzungen, die nicht nur Krankheiten hervorrufen, sondern auch die Natur stark belasten. Selbst in den entlegenen Winkeln unseres blauen Planeten gibt es kaum noch unberührte Gegenden. Was liegt also näher, als im Zuge der Hippie-Bewegung das wachsende Umweltbewusstsein zu stärken und die drohende Gefahr in Form von auferstandenen Toten zu personifizieren. Die an dieser Stelle angewandten Montagen akzentuierter Szenerien voller Abgasanlagen, dicht gedrängten Menschenmassen, chaotischen Straßenverkehr und Postkarten-Landschaften suggerieren den Ausbruch aus der gesellschaftlichen Gefangenschaft des verpesteten Großstadtlebens, ebenso wie die üppig bestückte Dame, die splitternackt über die belebte Straße flitzt und mit erhobener Hand das Friedenszeichen präsentiert. 

Lovelocks Charakter ist ebenso vom hippieesken Freigeist beseelt, was ihn immer wieder in Konflikte mit der polizeilichen Behörde bringt. Insbesondere der reaktionär-konservative Inspektor, hervorragend gespielt von Arthur Kennedy (ja, genau der aus so unterschiedlichen Werken wie DIE PHANTASTISCHE REISE [1966], LAWRENCE VON ARABIEN [1962] oder Alberto De Martinos DER ANTICHRIST [1974]), bietet eine passende Anlaufstelle für offenen Faschismus („Ihr seid alle gleich, ihr ungewaschenen, verkommenen Langhaarigen, angezogen wie Schwule; Drogen, Sex – fähig zu jeder Schweinerei!“). 

Seine löbliche Performance liegt auch in Graus Rücksicht darauf, dass sich in dem Charakter einige persönliche Merkmale Kennedys widerspiegeln sollten. Kennedy war derzeitig dem Alkohol verfallen, weil er mit seinem verlorenen Hollywood-Status nicht richtig umzugehen wusste und fortan nur noch Auftritte in europäischen Billigfilmen zu verbuchen hatte. Den Frust über das kompromisslose Hollywood, das seine Altstars verheizt und später wegwirft und durch junge Nachwuchstalente ersetzt, durfte Kennedy rauslassen, indem sein Inspektor, von seinen rabiaten Arbeitsmethoden überzeugt, die sanften Vorgehensweisen jüngerer Kollegen stark kritisiert und hofft, dass seine Methoden „Schule machen“.

Bedenkt man das überraschende Ende, in dem der zombiefizierte George als Sympathieträger fungierend, dem voreilig richtenden Inspektor den Garaus macht, kann man dies womöglich als geistigen Ausbruch aus dem diktatorischen Staatsregime der Franco-Ära, das seinerseits die damalige Filmindustrie ziemlich beutelte, verstehen. Nicht selten wird darin auch die Bereitschaft für zügellos-vordergründige Gewaltdarstellungen spanischer Filmemacher interpretiert, womit der spanische Horrorfilm eine Sonderstellung einnimmt. 

Abgesehen davon zitiert Jorge Grau das amerikanische Vorbild in einzelnen Szenen: Wenn der hochgewachsene Fernando Hilbeck als Zombie-Penner „Guthrie“ mit dem schicken Galgenstrick auf die panische Cristina Galbó (reizend anzusehen auch in Brunello Rondis FRAUEN IM ZUCHTHAUS [1974] und Luigi Cozzis L'ASSASSINO È COSTRETTO AD UCCIDERE ANCORA [1975]) zustapft und versucht, sie aus dem Auto zu zerren, oder – wie einst Bill Hinzman – einen Mann niederstreckt (hier ist es José Lifante) und dann auf die kreischende Jeannine Mestre zuwankt, ist das geradezu ein Wink mit dem Zaunpfahl.

Nach diesen Hommagen entwickelt der Streifen eine eigene Qualität, die im Zombie-Genre ihresgleichen sucht. Gerade atmosphärisch dreht DAS LEICHENHAUS DER LEBENDEN TOTEN immer mehr auf und erzeugt fast durchgängig eine merkliche Surrealität, wenn Zombie-Gestalten inmitten herrlicher Bilderbuchschauplätze auftauchen und die friedliebende Harmonie zerstören. Vom gleichen Schlag sind auch die Szenen im Krankenhaus, die den Eindruck vermitteln, dass Lucio Fulci sich für seinen tollen ÜBER DEM JENSEITS (1981) hiervon inspirieren ließ. Die Nachtszenen werden schön ausgeleuchtet und mit dicken Nebelschwaden ausgefüllt und verbreiten derweil ein gotisches Flair des Unheimlichen, dass es nur noch Freude macht, dem faszinierenden Zauber Francisco Semperes beizuwohnen. Dazu gehören auch diverse Kameraeinstellungen und -bewegungen, wenn die lebenden Toten mit Hilfe bizarren Werkzeuges (Grabsteine, Kreuze) die Tür zum Mausoleum aufbrechen oder sich das noch nicht ersichtliche Grauen subjektiv den Protagonisten nähert. 

Das Mausoleum (oder „Leichenhaus“, wie es im deutschen Filmtitel so schön heißt) befindet sich auf dem kleinen Friedhof Attersage eines britischen Dorfes, wo der legendäre Little John (der Gefährte des viel besungenen Rächers der Enterbten und Beschützers von Witwen und Waisen, Robin Hood!) begraben liegt. Weil der unheimliche Friedhof laufend von schaulustigen Touristen heimgesucht wurde, kam es immer wieder zu Komplikationen während der Dreharbeiten. Dieser Umstand erzürnte die Einheimischen und sie erlaubten der Filmcrew nicht mehr, dort zu drehen. Für die restlichen Szenen musste eine entsprechende Kulisse in den Cinecittà-Studios hergerichtet werden. Und bis auf wenige Innenaufnahmen, die in den Madrider Estudios Cinearte entstanden, gibt es ausschließlich authentische Orte in Derbyshire, Staffordshire, South Yorkshire und eben Manchester zu bestaunen.

Untermalt wird die eingefangene Atmosphäre von unheimlichen Geräuschen (Ächzen, Stöhnlaute, Windsäuseln etc.), die allesamt mundspielerisch entstanden und von Komponist Giuliano Sorgini per Keyboard frequentiert und verfremdet wurden; auch hier zeigen sich Parallelen zum späteren Fulci-Stil.


Als Prädikat könnte man dem Film sogar ein "wertvoll" zugestehen, denn er beinhaltet nicht nur die schönsten Elemente klassischer Schauerstücke, sondern auch die vorzeitige Ankündigung, wohin sich der (südeuropäische) Horrorfilm verlagern würde. Dabei nimmt DAS LEICHENHAUS DER LEBENDEN TOTEN bereits den Höhepunkt vorweg, denn die nachfolgenden Zombiefilme sollten doch eher plakative Blutrünstigkeiten anzubieten haben. Diese gibt es auch in Jorge Graus Film, aber die wenigen Grausamkeiten (z.B. kurze Gedärme-Fressszenen), wie immer gekonnt umgesetzt von Fulcis künftigem F/X-Spezi Giannetto De Rossi, werden von der stilisierten Atmosphäre ziemlich verschluckt. Grau ging es eher um einen klaustrophobischen Schrecken, der sich darin zeigt, wenn die in dem Leichenhaus Eingeschlossenen durch eine Nische ins Freie zu entkommen versuchen, während die lebenden Leichen nach ihren Beinen greifen. 

Weiterhin besitzen die Zombies einen Hauch von Persönlichkeit, was daraus resultiert, dass sie nur sehr wenige an der Zahl sind und die Maskenbildner und Kostümisten demzufolge mehr Zeit und Aufwand betreiben konnten, um ihnen ein individuelles Erscheinungsbild zu geben. Teilweise entwickeln sie sogar gewisse Charakterzüge, wodurch sie besonders Angst einflößend wirken. Dennoch schien es den deutschen Zensoren Grund genug, einige Schnitte vorzunehmen. Da konnte auch das deutsche Plakatmotiv, das dem Film einen komödiantischen Zweig anzuheften versuchte, nichts verhindern. Ein wunderbares Erlebnis, für das sich Jorge Grau auf Ewig unserer Ehrerbietung sicher sein kann!

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