Dieses sowjetisches Kriegsdrama kann man mit nur einem Wort beschreiben: Unfassbar.
Unfassbar, wozu Menschen fähig sind und unfassbar, wie Klimov in der Lage war, diese Unmenschlichkeiten dem Zuschauer nahe zu bringen, ohne dabei ins patriotisch Verklärte abzudriften oder die Würde der Opfer durch allzu direkte Darstellungen anzutasten.
Was dieser Krieg und seine Verbrechen den Menschen angetan hat, welche Spuren er bei den Überlebenden und den vermeintlichen "Gewinnern" hinterließ, wird nur allzu deutlich, wenn man sich die Entwicklung Fljoras anschaut. Anfangs noch selbstbewusst an die heroische Verpflichtung zum Widerstand glaubend, endet er als psychisches Wrack, das um Jahre gealtert erscheint.
Die schauspielerische Leistung des Darstellers des Fljoras, Aleksei Kravchenko, ist absolut grandios und schon fast unerträglich eindringlich. Allein aufgrund seiner Mimik wird jedem klar, dass wir heutzutage trotz unserer umfassenden geschichtlichen Kenntnisse nicht ansatzweise Nachempfinden können, was die Menschen aufgrund des Größenwahns und des Hasses einiger Weniger durchleben mussten.
Die Rache der Partisanen an den Tätern hinterlässt weder diese noch den Zuschauer mit einer gewissen, menschlich eigentlich entschuldbaren, Befriedigung zurück. Klimov gelingt es so, entgegen vieler großer Produktionen, den Krieg so darzustellen, wie er wirklich war und ist. Grausam, entmenschlicht und vor allem ohne (heroische) Gewinner. Denn Gewinner gibt es nicht, am Ende haben alle ihre Menschlichkeit verloren. "Komm und siehe..." wird dabei nie plakativ oder gar kitschig, es wehen keine Fahnen im Wind, es werden keine stolzen Reden geschwungen und am Ende keine Orden verliehen.
Die teils surrealen Szenen erinnern ein wenig an "Apocalypse Now", wobei auch bei "Komm und siehe..." dadurch seine Aussagen nicht relativiert, sondern den Wahnsinn und das Unbeschreibliche intensiviert und für den Zuschauer erlebbarer gestaltet.
Der Titel des Films hat zweierlei Bedeutung. Zum einen leitet er sich aus dem 6. Kapitel der Offenbarung des Johannes ab. Der Ausruf „komm und sieh“ (in den Versen 1, 3, 5 und 7) bildet dort die Aufforderung, die Verheerungen zu betrachten, die durch die vier Reiter der Apokalypse angerichtet werden.
Das ist nicht nur eine sehr treffende Einordnung dessen, was der Zuschauer zu sehen bekommt, sondern auch die Umschreibung für die ungemein realistische Darstellung, die dem Zuschauer das emotionale Entrinnen unmöglich macht. Siehe, wie es sich (wirklich) zugetragen hat.
Der historische Hintergrund soll dabei, ohne dies zu benennen, der Massenmord der SS-Sondereinheit Dirlewanger am 22. März 1943 an den Bewohnern des Dorfes Chatyn sein. Das solche Gräueltaten von der SS (und der Wehrmacht), auf ihrem Rückzug in Weißrussland hundertfach begangen wurden, dürfte bekannt sein. Es ist daher umso erstaunlicher, dass die sowjetischen Behörden einen solch unpatriotischen Film absegneten.
Für mich unter den Top 3 der besten Filme der 80er und nach "Apocalypse Now" das beste Kriegsdrama überhaupt. Wenn die (umstrittene) Kategorisierung Antikriegsfilm zu einem Film passt, dann ist es "Komm und siehe..."
Fazit: Absolutes Must-see.
9,5/10