Als die Kamera zum ersten Mal die Lider öffnet, spielt sich Imitation vor ihr ab. Ein alter Mann schimpft zwei Kindern hinterher. Die treiben sich auf einem Feld herum, das offenbar vor kurzem als einer der vielen Nebenschauplätze des Krieges gedient hat. In voller Montur durchqueren die Beiden die Aura einer immer noch lauwarmen Vergangenheit. Sie ahmen mit sturem Blick und verstellter Stimme den Ernst der Soldaten nach, halten ihn offensichtlich für das auszeichnende Charakteristikum eines Abenteuers, auf dessen frischen Spuren sie sich befinden. Dann gräbt der Ältere ein Gewehr aus dem Sand. Die Verbindung zur Geschichte ist hergestellt. Das Kind von heute ist der Widerstandskämpfer von morgen.
Die Bedeutung der Eröffnungssequenz des sowjetischen Antikriegsepos „Komm und sieh“ entfaltet sich sukzessive über die Laufzeit. Von einem „Epos“ darf man trotz des verhältnismäßig kurzen Zeitfensters der Rahmenhandlung auch deswegen sprechen, weil die am Ende 16-jährige Hauptfigur mit jeder Filmminute sichtbar altert. Während die Augen als Fenster in die jugendliche Seele immer mehr den Blick auf reines Entsetzen preisgeben, wird die Kleidung schmutziger und löchriger, das Haar auf dem Schädel kürzer und grauer, die Falten und Augenringe zahlreicher. Der körperliche Alterungsprozess des Jungen ist die Manifestation eines nicht mit Worten greifbaren Grauens, verursacht nicht etwa von sadistischen Monstern in Uniform, sondern von der menschlichen Natur selbst, die ignorant über alles Lebende hinweg rollt. Absent ist das Gewahrsein für die unmittelbare Peripherie. Geblendet vom subjektiven Blick auf die Welt gilt nur der eigene Standpunkt auf dem Schlachtfeld.
Um die Apokalypse nach der Zerstörung einzufangen, legt Elem Klimow das Augenmerk auf den blinden Fleck derer, die zerstören. Wenn Johnny mitten in den Krieg zieht, dann taumelt Fljora schwer desorientiert an seinen Rändern entlang. Geräusche überlagern sich in dieser Twilight Zone des Verstands, lassen die Erhabenheit der Kompositionen von Strauss, Wagner und Mozart in einem verzerrten Licht erscheinen. Die Kamera fokussiert auf Details, während der große Zusammenhang in Unschärfe ertrinkt. Dann wieder plötzlich wird die Unmittelbarkeit der Situation irrelevant und der Kontext mit Hilfe von Symbolik glasklar. Etwa wenn ein Totenschädel auf einer Uniform zu einer Lehmkarikatur Hitlers geformt wird oder dessen Konterfei auf einem Plakat mit einem Gewehr durchlöchert wird, um die Zeit zurückzudrehen und ein Happy End, oder auch einen glückseligen Neubeginn, zu erzwingen. Fljora wird über eine Kette von Extremerfahrungen getrieben, die nicht auf seiner Rechnung standen. Ganz anders hatte er es sich ausgemalt, als er sich gegen den Willen seiner Mutter den Partisanen anschloss in der Hoffnung, an etwas Bedeutungsvollem teilzuhaben.
Klimov setzt allerdings in den Momenten der Erkenntnis nicht manipulativ auf Tränendrückerei, sondern auf einen stark surrealistisch gefärbten Erzählton, der den Betrachter nicht etwa durch seine Fremdartigkeit verstört. Sondern ganz im Gegenteil durch seine beängstigende Nähe zu einem Realismus, wie er während eines totalen Ausnahmezustands regiert. Massenszenen, die vor fleischigen, verzweifelten Gesichtern überquellen, wechseln sich ab mit nebelverhangener Isolation. Beide Szenarien vermitteln Fljora gleichermaßen den Eindruck, der letzte Mensch auf Erden zu sein. Die ebenmäßige Struktur einer gesunden Normalität ist völlig aus den Fugen gehoben; Agoraphobie und Klaustrophobie treten sich gegenüber wie die Zerrbilder unterschiedlicher Ideologien, die im Krieg zu Karikaturen ihrer selbst geworden sind.
Der Regisseur erweist sich inmitten des Chaos als Beobachter mit scharfer Auffassungsgabe. Scheinbar mühelos wechselt er zwischen der subjektiven Ich-Perspektive der Hauptfigur und der Perspektive eines metaphysischen Über-Ichs auf einen absonderlichen Ist-Zustand, während sich die Antagonisten in der geschilderten Welt motorisch fortbewegen und Rauch hinterlassen. In der Intimität zwischen Fljora und seiner Bekanntschaft Glascha beispielsweise wird der Grenzbereich zwischen Glück und Trauer mit ungeheuerlicher Präzision (und einer Spur Wahnsinn) ausgearbeitet; Olga Mironowa wird durch die vielen Frontalportraits ihres Gesichts zu einer Simulation menschlichen Ausdrucksvermögens mit beunruhigender Wirkung, ihr Charleston-Tanz in Anlehnung an Stummfilme der Zwanziger Jahre zu einer Ode an die verblassenden Erinnerungen einer seligen Vergangenheit. Während der Bombeneinschläge wiederum wird Kilmov zum versierten Koordinatoren für Pyrotechnik und Choreografie, als Leuchtspurgeschosse wie von Laserkanonen über den Boden rasen und die Stämme der Nadelbäume zersplittern. Die Soundkulisse braut sich dabei oft zu einem übernatürlichen Orchester zusammen, das nur von dem außerirdischen Dröhnen der weit entfernten Fliegermaschinen durchbrochen wird, die wie ferne Richter aus der Metaperspektive über das irdische Treiben urteilen und das Mark erschüttern. Nicht umsonst bezieht sich der einzige Witz des Films auf eine leere Flasche, die vom Himmel fällt. Wein für die Götter, Pfand für die Würmer im Schlamm.
So surreal die Sprache in Bild und Ton jedoch auch ausfallen mag, der emotionale Bezug zur Situation und zum Krieg im Allgemeinen bleibt bis zur Unerträglichkeit bestehen. Der Titel „Komm und sieh“ führt tatsächlich zu einem glasklaren Ausblick auf ein Panorama, dem man ein Portal in die Realität eigentlich gerne verweigert hätte (und zumindest in Bezug auf das Töten einer Kuh auch hätte verweigern müssen). Fljora-Darsteller Alexei Krawtschenko ist ein brillanter Vermittler all dessen, was Kilmov selbst mit den schrecklichsten Bildern von Verbrechen an der Menschlichkeit nicht hätte transportieren können. Sein Gesicht reflektiert all das, was um ihn herum und in seinem Inneren geschieht. Er ist mehr als ein neutraler Beobachter. Vielmehr ist er aufgrund seiner Herkunft, seines Alters, seines Geschlechts und seiner Präsenz an Zeit und Ort ein Magnet für die Ereignisse um ihn herum, die sein Regisseur mit einer poetischen Gabe zu etwas sehr Konkretem zusammensetzt, das seine Unbegreiflichkeit durch die Übersteigerung des Erwartbaren gewinnt.
Dass es am Ende die erwachsenen Soldaten sind, die sich immer noch rücksichtslos und frei jeder Empathie wie experimentierende Kinder bei einem Spiel verhalten, während sie irreversiblen Schaden anrichten, ist vielleicht die große Pointe von „Komm und sieh“. Es ist nämlich die gesamte menschliche Natur, die hier im Umgang mit Tieren, mit anderen Menschen und dem Boden der Erde auf dem Prüfstand steht, nicht einfach nur die entblößte Fratze des Irrationalen im Augenblick des Kugelhagels wie bei den meisten Filmen, die von der Natur des Kriegs handeln. Nicht nur handelt es sich bei Elem Klimows letztem Film um ein formales Meisterwerk, sondern zugleich um eine emotional das Denken verändernde Geisterbahnfahrt, deren Schreckeffekte im Inneren entstehen.