„Ich ess die Eingeweide deiner ganzen Familie!“
Das Genre des Backwood-Terror-Films reicht zurück bis zu Herschell Gordon Lewis‘ „2000 Maniacs“ aus dem Jahre 1964, schlug sich auch in Klassikern wie „Beim Sterben ist jeder der Erste“ nieder, der weitestgehend ohne archetypische Horrorelemente auskommt, wurde aber erst so richtig stilprägend definiert durch Tobe Hoopers „The Texas Chainsaw Massacre“. 1977, drei Jahre später, stellte US-Regisseur Wes Craven („A Nightmare on Elm Street“) dem (Sub-)Genre mit „Hügel der blutigen Augen“ einen weiteren enorm einflussreichen Vertreter zur Seite, der wie Hoopers Texas-Massaker und auch Cravens kontrovers diskutiertes Rape’n’Revenge-Frühwerk „Last House on the Left“ eine dreckige, kleine Low-Budget-Produktion ist.
Die Carters um Familienoberhaupt und Ex-Polizist „Big Bob“ (Russ Grieve) machen mit Kind und Kegel, genauer: Kindern, deren Lebensgefährten und zwei Hunden einen Ausflug mit dem Wohnmobil in Richtung Kalifornien, wo man den Sommerurlaub verbringen möchte. Entgegen den Ratschlägen eines Tankwarts führt sie der laut Karte kürzeste Weg durch ein militärisches Sperrgebiet mitten in der Wüste, wo sich prompt eine Autopanne ereignet. Während „Big Bob“ per pedes auf dem Weg zurück zur Tankstelle ist, um Hilfe zu holen, wird den übriggebliebenen Familienmitgliedern schmerzlich bewusst, dass sie es in der nur scheinbar unbewohnten Hügellandschaft mit durch Atomtests atomar verstrahlten, kannibalistischen Mutanten zu tun bekommen, die es auf sie abgesehen haben…
Dass jeweils nur ein karges Budgetchen zur Verfügung steht, ist im Nachhinein betrachtet eigentlich das Beste, was den Subgenre-Pionieren aus den 1970ern passieren konnte. Der dreckige, ungeschliffene, reduzierte Look der Filme passt hervorragend zur Thematik zivilisatorisch zurückgebliebener Hinterwäldler im kargen Wüstenambiente und motivierte die Regisseure offensichtlich, aus den vorhandenen Mitteln das Maximum herauszuholen, statt sich auf Hochglanzoptik und Postproduktion zu verlassen. So auch im Falle dieses Craven-Frühwerks, das stilecht direkt mit einem der Sinnbilder des Subgenres beginnt: einem durchs Bild wehenden Strohhaufen. Craven konfrontiert in seinem besonders für die damalige Zeit erschreckenden, kruden Schocker eine Touristenfamilie in schreiend bunten Klamotten, die zunächst nicht sonderlich sympathisch gezeichnet wird, mit einer Gruppe sich die Namen von Planeten gebenden Mutanten, die sich kleiden und gebärden wie barbarische Höhlenmenschen, die sie de facto geworden sind. Von diesen bekommt man anfänglich auch gar nicht viel zu Gesicht, doch entfaltet „Hügel der blutigen Augen“ bereits seine ungemütliche Atmosphäre angesichts der schroffen Umgebung.
(Achtung, dieser Absatz enthält Spoiler!) So richtig grimmig wird’s, wenn man den Familienvater anbindet und bei lebendigem Leibe anzündet, wenn vergewaltigt und das Neugeborene entführt wird etc. Ohne auf Blutfontänen zu setzen, entfalten Terrorszenen wie diese ihre volle garstige Wirkung. Letztlich läuft alles auf einen puren Überlebenskampf hinaus, der die letzten noch Lebenden der Zivilisationsfamilie um die naiv-frömmelnde Mutter (Virginia Vincent) und den mittlerweile verkohlten Vater auf das triebhafte Niveau der Kannibalen herunterjustiert und zu ebenso brutalen, unerbittlichen Mitteln greifen lässt. Diverse Explosionen unterstreichen den Actioncharakter des Duells, während der jugendlichen Hügelbewohnerin Ruby (Janus Blythe, „Der Planet Saturn läßt schön grüßen“) eine differenzierte Rolle zuteilwird, als sie ihren weiblichen Mutterinstinkt entdeckt. Das Ende ist dann folgerichtig geprägt von Wahnsinn und Hass und liefert eine in ihrer Konsequenz beeindruckende, sich einprägende Schlusseinstellung, die untermauert, wie schmal der Grat zwischen animalischen Urinstinkten und zivilisatorischer Sitte verläuft.
Auf diese bösartige, überzeichnete Weise übt „Hügel der blutigen Augen“ außerdem Kritik an der US-amerikanischen Rüstungspolitik und appelliert an tief verwurzelte Ängste vor dem Ausgeliefertsein in unwirtlichen, unübersichtlichen, zivilisationsfernen Gebieten, in denen (vermeintlich) Primitives auf leichte Beute lauert, vermutlich im Falle der USA zurückzuführen bis zur Zeit der Kontinenteroberung und den damit einhergehenden Konflikten mit den Ureinwohnern – die man schließlich auch weitestgehend ausrottete. Die der ursprünglichen deutschen Synchronisation eigene, der Handlung aufgedrückte Außerirdischen-Thematik hat mit „Hügel der blutigen Augen“ natürlich nicht das Geringste zu tun. Umso glücklicher bin ich darüber, dass es mit der cmv-DVD eine gar nicht schlechte und vor allem nicht mehr sinnentstellende Neusynchronisation gibt. Diese hat dieser inspirierende Klassiker verdient, der noch immer spannende, gruselige, zartere Gemüter entsetzende Unterhaltung bietet und trotz Splatter-Remake recht gut gealtert ist.
Die schauspielerischen Leistungen bewegen sich zwar auf unterschiedlichem Niveau, sind jedoch stets zielführend und mindestens solide. Eine Dee Wallace („E.T. – Der Außerirdische“) trifft hier auf auch heute noch weniger große Namen wie Robert Houston („1941 - Wo, bitte, geht's nach Hollywood?“) Peter Locke, Russ Grieve, Virginia Vincent und Susan Lanier. Als größter Hingucker erweist sich der glatzköpfige Michael Berryman („Einer flog über das Kuckucksnest“) in seiner Rolle als Mutant Pluto, der auch ohne viel Maskenarbeit im entsprechenden Kostüm wahrlich furchterregend wirkt. Noch dominanter in Szene setzte Craven ihn sowie einen herrlich irren Mutanten namens „Der Ripper“ in der Fortsetzung „Im Todestal der Wölfe“, der sich jedoch vorrangig im klassischen Slasher-Milieu abspielt und harsch kritisiert wurde. Aber das ist ein anderes Thema.