Sechs Jahre nach Billy Wilders „The Privat Life of Sherlock Holmes“ kam ein weiterer Film in die Kinos, der an dem Mythos des Meisterdetektiv und vor allem an seiner Ernsthaftigkeit kratzen sollte.
Nicholas Meyer, später verantwortlich für ein paar der besten Star-Trek-Filme, schuf ein (später oscar-nominiertes) Drehbuch, das ein paar hübsche Wendungen für Holmes-Fans bereit hielt und die Detektivarbeit mit der Psychoanalyse koppelte.
Ein neue Sichtweise bedingt jedoch auch neue Bilder und neue Figuren, deswegen wurde dies einer der Fälle, von denen Dr.Watson nicht berichtet hat: nämlich die Geschichte von Holmes Kokainabhängigkeit.
Holmes, dargestellt von einem hervorragenden Nicol Williamson (der ungewöhnlicherweise erst an vierter Stelle der Besetzungsliste erscheint), tritt hier als paranoia-geschüttelter Maniker auf, ein angstgetriebenes Subjekt, das sich vor seinem Feind Moriarty fürchtet, wenn er nicht gerade im Rausch ist.
Watson dagegen, eine wunderbar sonore Darstellung von Robert Duvall (der, worauf selten geachtet wird, auch wegen seiner Kriegsverletzung hinkt) findet bald heraus, daß der gefürchtete Moriarty bloß ein tüdeliger Mathematiklehrer ist (Sir Laurence Olivier in einem etwas ausgeweiteten Cameo) und Holmes offenbar an Schuldgefühlen oder Wahnvorstellungen leidet.
Er konstruiert einen Fall und lockt den Detektiv so nach Wien zu Siegmund Freud, der den Detektiv so weit bringt, sich von seiner Drogensucht heilen zu lassen.
Meyer konstruiert, daß es eine wahre Pracht ist. Das Aufeinandertreffen von Freud und Holmes wird zu einem Zweikampf der Psyche, bei der die Männer nacheinander ihre Qualitäten beweisen; der Entzug wird zum totalen Horrortrip, wenn Holmes von Schlangenphantasien gegeißelt wird.
Die zweite Hälfte des Films widmet sich dann das Skript einem neuen Fall für Holmes, der Entführung einer rothaarigen Patientin Freuds in einen osmanischen Harem, genau die Herausforderung, um den Detektiv wieder gesunden zu lassen.
Meyer paart darin Tempo mit Witz, läßt Alan Arkins Freud in einem seltsamen Tennismatch gegen Jeremy Kemps Baron von Leinsdorf antreten, präsentiert Joel Gray als windigen Ganoven, läßt Holmes in einem Bordell ermitteln, konstruiert einen Angriff von Lipizzanern auf die Detektive, bis sie allesamt am Ende wie weilend in „Go West“ von den Marx Brothers während der Fahrt ihren kompletten Zug verfeuern, um den Vorsprung der Gegner aufzuholen. Der Dialog ist dabei geschliffen und pointiert und auch wenn der Fall gegen die Psychoanalyse-Episode etwas gewöhnlich wirkt, hat er doch Tempo und Verve.
Als Coup de Grace erwartet uns dann im Finale noch die Aufklärung des Kindheitstraumas von Seiten Holmes, an das ihm Freud dann die Erinnerungen nimmt, eine feine Wendung, die vieles klärt. Und in der Schlußszene erwacht im Detektiv sogar das Interesse an einer bestimmten Frau...
„The Seven Percent Solution“ (die 7prozentige Kokainlösung) ist ein rundum vergnüglicher Film, der mit vielen Anspielungen jongliert und dennoch die Figuren Conan Doyles niemals entwertet oder verfälscht, sondern lediglich in einen weiteren Kontext setzt. Ernst und komische Töne halten sich die Waage und auch wenn der Film etwas angejahrt wirkt, hat er doch seine visuelle Flamboyanz nicht verloren. (7,5/10)