Review

Selten habe ich bei Kritiken zu einem Horrorfilm ein breiter gefächertes Meinungsbild gelesen als das zu „The House of the Devil“. Überwiegend in die Kategorie des ultimativen Gähners gepackt, gab es auch einzelne Stimmen, die darin eine Art Wiedergeburt oder zumindest kurzzeitige fulminante Wiederauflebung des an Bodensatz reichem Genres betrachten. Ich bin geneigt, mich den Argumenten der zweitgenannten Gruppe anzuschließen.

Bei der Diskussion um „The House of the Devil“ wird nämlich wieder einmal der Fehler gemacht, Langeweile mit Ereignislosigkeit gleichzusetzen. Viele steigern sich dann derart in dieses Denken hinein, daß man dem Film gegenüber nur ungerecht werden kann, denn gerade die Ereignislosigkeit erweist sich als die große Stärke. Regisseur Ti West macht sie zum Programm, gefällt sich in seinem langsamen und aufgeblasenen Aufbau, bei dem 75 Minuten lang wenig mehr passiert, als der weiblichen Hauptfigur Samantha (Jocelin Donahue), die dringend Geld benötigt und daher in einem weit abgelegenen Haus einen Babysitterjob annimmt, bei jeder noch so nebensächlichen Sache, die sie tut, zuzusehen.

Bereits die Einführungsszenen deuten den Weg an, den der Film gehen will: kein zunächst unerklärt bleibender Mord als Einleitungsknall, sondern gleich Sam im Bild, die die Zusage zu einer neuen Bleibe erhält (von Dee Wallace übrigens, der Mutter in „E.T.“). Die Stabangaben werden eingeblendet, während sie gemächlichen Schrittes durch die Straßen geht. Das Tempo wird auch in der Folge nicht erhöht, es dauert sogar eine geschlagene halbe Stunde, bis die Exposition beendet ist und das titelgebende Haus endlich das erste Mal erscheint. Bis dahin beläßt es West bei kleinen Andeutungen: ein Aushang mit der vagen Notiz „Baby$itter wanted“; Telefongespräche mit dem heiseren Schreiber der Notiz, bei denen sich stets zunächst nur der Anrufbeantworter meldet, ehe umgehend zurückgerufen wird; ein vereinbarter Termin, der kurzfristig platzt. Hinter all diesen Andeutungen steht eine ganz bestimmte Absicht: zu verdeutlichen, daß irgendwas an der Sache faul ist. Der Zuschauer ahnt dies natürlich frühzeitig, nicht zuletzt aufgrund des Filmtitels. Er soll verunsichert werden.

Parallel zu der Verunsicherung wird eine gewisse Neugierde aufgebaut, die durch die Ankunft am Teufelshaus ins Unermeßliche wächst: Samantha wird von einem Hünen in Empfang genommen, der ihr nach der ausgiebigen visuellen Einführung noch einige Minuten mündliche Exposition liefert. Tom Noonan ist großartig als augenscheinlich nervöser und etwas unbeholfen wirkender Gastgeber Mr. Ulman, der sich erst mehrfach für die ursprüngliche Versetzung entschuldigt, um dann zu enthüllen, daß Sams Babysitterjob gar keiner ist. Sie soll auf die Mutter seiner Frau aufpassen. 400 Dollar sind dann auch ein Angebot, das sie nicht ablehnen kann.

West hat das Interesse stark geweckt und die Erwartungen vieler Zuschauer in eine bestimmte Richtung gelenkt, nämlich in die, der Film werde allmählich Fahrt aufnehmen. Der blutige und jäh hereinbrechende Tod von Sams Freundin scheint im wahrsten Sinne des Wortes der Startschuß gewesen zu sein – nur um uns daraufhin doch wieder hängen zu lassen. Nun treibt West die Ereignislosigkeit in den Bildern gänzlich auf die Spitze und beginnt eine perfide Einlullungstaktik: Wie Polanski die introvertierte Catherine Deneuve in „Ekel“ schier unendlich in ihrer Wohnung herumirren ließ, ehe es zu einem Ausbruch kommt, huscht nun Sam durch die Räume, guckt Fernsehen, bestellt eine Pizza, setzt sich auf die Toilette. Zwischendrin hört sie mit ihrem Walkman laut Musik. Dann schreitet sie wieder durch das Haus. Auch weiterhin gibt es nur Andeutungen, mal hier ein Geräusch, dann wieder da eins – bis der Pizzabote die schrille Klingel betätigt und ein Zusammenzucken nicht nur bei Sam garantiert.

Andeutungen über Andeutungen, West hält uns die ganze Zeit hin, wohl wissend, daß so mancher im Publikum wartet, auf den entscheidenden Dreh, der die Handlung in Gang setzt, oder wenigstens auf einen falschen Schock wie eine plötzlich ins Bild kommende Gestalt, aber nur an den seltensten Stellen kommt er auch: keine Überraschungen, keine skripttechnischen Wendungen, nichts. Bestes Beispiel ist Sams Tanz durch das Haus, als man jeden Moment damit rechnet, daß gleich jemand hinter ihr steht. Stattdessen geht ihr als Höchstes der Gefühle eine Vase kaputt, ohne Auswirkungen für sie oder den Plot. Und dann, wenn schon keiner mehr damit rechnet, geht „The House of the Devil“ doch noch in die Vollen, zehn läppische Minuten lang, wenn überhaupt. Der Showdown wird hektisch und blutreich, die Verfolgungsjagd, in anderen Filmen der krönende Abschluß und genüßlich ausgedehnt, gerät zu einem kurzen Strohfeuer, so knapp gehalten und schnell beendet, wie sie gekommen ist. Selbst die Schlußszene setzt nicht auf einen knalligen Gag, sondern bedient Altbekanntes und beschert dem Genrekenner wenig Überraschendes. Der Film läuft nahezu sanft aus.

West ist das Risiko eingegangen, einen Mißerfolg zu landen. Hierzulande hat der Film ja nicht einmal eine Chance bekommen, in den Kinos zu laufen. Dabei ist es erfrischend, einen rücksichtslos auf Ruhe und Atmosphäre setzenden Grusler ohne inhaltliche Qualitäten (in seinem ungenierten Minimalismus lehnt er sich an andere aktuelle Vorbilder, allen voran den französischen „High Tension“, an) vorgesetzt zu bekommen. Mit dem Inszenieren kleinster Belanglosigkeiten und nur gelegentlich gesetzter Andeutungen fährt der Film eine ungewohnte und vergleichsweise seltene, aber umso wirkungsvollere Schiene: erst den Zuschauer regelrecht mürbe machen, dann zuschlagen. Die Kameraarbeit ist in ihrer Statik einerseits wenig bemerkenswert und andererseits doch wieder, weil sie genau das Richtige für den Handlungsaufbau tut. Gleiches gilt für die Musik, die wirklich nur dann einsetzt, wann es nötig ist und ansonsten durch Zurückhaltung glänzt.

Hervorragend ist „The House of the Devil“ in dem Zurückholen der 70er-Jahre-Horrorfilm-Optik. Spätestens mit Einblendung des Titels kommt Nostalgie-Feeling ins eigene Wohnzimmer. Würde Jason Vorhees um die Ecke gucken und winken, würde es nicht verwundern. Dazu paßt, daß die Handlung des Films nicht im 21. Jahrhundert, sondern in den 80ern angesiedelt ist. Da mutet es unter Berücksichtigung des Entstehungsjahres im Hinterkopf anachronistisch an, wenn weit und breit kein Handy zu sehen oder zu hören ist und nicht Klischees wie „Huch! Hier ist kein Netz!“ bedient werden müssen. Dafür kommuniziert man noch über Telefonzellen, Sams Freundin trinkt aus einem „Coke“-Pappbecher und die Fernsehnachrichten erinnern in ihrer Schlichtheit noch an die altmodische „Tagesschau“, ohne augenbetäubende Farben und Graphiken, die einem heutzutage um die Ohren geschlagen werden.

Folglich fühlt man sich teilweise deutlich, teilweise unterbewußt sich auch oftmals an berühmte Vertreter der Horrorgeschichte erinnert: Neben „Ekel“ wären das u.a. die geheimnisvolle Mutter, die geradezu „Psycho“ schreit, Mr. Ulman könnte wegen seiner Statur der Tall Man aus „Das Böse“ sein, die Okkult-Elemente am Ende scheinen „Rosemaries Baby“ entsprungen, die aufflackernde Dämonenfratze ist „Der Exorzist“, die Optik „Freitag der 13.“, Heldin Sam in ihrer Widerstandsfähigkeit eine Mischung aus Jamie Lee Curtis’ Laurie Strode und in ihrer Zartheit Jessica Harpers Suzy aus „Suspiria“, und einiges mehr.

Im deutschen Sprachraum gesegnet mit einer wahrhaft grausigen Synchronisation, die viel von der Stimmung zunichte macht, funktioniert „The House of the Devil“ als herrlich einlullender Film, wunderbar atmosphärisch und unaufgeregt, geradezu wohltuend in seiner Stille, dazu visuell sehr überzeugend retro-mäßig. Ich gebe zu, mir im zweiten Drittel auch manchmal das Gaspedal gewünscht zu haben, während der Schlußteil bei aller Kürze schon beinahe zu grell daherkommt, aber alles in allem ist dies auch in der Hauptrolle gut und sympathisch gespielter und guter Horror, kribbelig und von nicht unbeträchtlicher Spannung. Insgesamt die Sorte Grusel, die ich schätze, ganz frei von nervtötenden Charakteren auf das Wesentliche beschränkt, erstaunlicherweise mit so gut wie keinem einzigen Klischee. Mehr davon. Bislang 7/10, bei mehrfachem Sehen aber durchaus mit der Möglichkeit auf Aufwertung.

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