Review

Wißt ihr noch, wie's damals war?
Damals in den 70ern und 80ern, als man mit wenig Geld und daher zwangsläufigem Realismus im Fokus einfache und effektive Horrorfilme erschuf, die entweder im Autokino liefen oder in dumpfen kleinen Sälen zum Aneinanderfestklammern verleiteten. Das waren noch Zeiten, die jeder rückblickend liebt, denn da wurde noch nicht auf Hochglanz poliert, der Schrecken war noch greifbarer.
Das sind genau die Filme, die heute so gern nachgemacht, rebootet, mit einer Hommage veredelt oder neu angeordnet werden. Ti West ist einen anderen Weg gegangen: er mag die Filme, also dreht er selbst einen, nur eben so ca. 35 Jahre später. Aber eben GENAU SO EINEN. Nicht mehr, nicht weniger.

Und weil für so etwas auch heute noch keine Milliardenbudgets zur Verfügung stehen, hat er das alles gleich selbst geschrieben, geschnitten und Regie geführt, kostenbewußt umgesetzt und daher mit ultimativer kreativer Kontrolle in allen Bereichen. Hineingepackt hat er eine Menge, denn fiesen Horrorfilmgeschmack darf man ruhig stapeln: der Titel riecht nach Geisterhaus, die vorangeschobene Infotafel deutet Satanismus an, der an die Hauptdarstellerin Samantha zu vergebene Job ist das klassische Slasher-Babysitten. Und um Mitternacht beginnt die große totale Mondfinsternis, au weia!
Wer das mag, der ist schon bei den stilvoll aus den 70ern importierten Vortiteln voll in Stimmung, in der Folge gönnt sich West ein halbes Stündchen Storyaufbau für die Rahmenbedingungen. Samantha will eine eigene Wohnung, kriegt sie auch, aber dafür muß die Mietkohle ran. Der Babysitterjob kommt schon am Telefon seltsam rüber, aber die Mitbewohnerin ist schlimmer. Das Haus liegt total abgelegen, aber die beste Freundin fährt einen ja. Und als man dann endlich vor Ort ist, wirds nicht besser: statt eines Kindes muß man sich um eine alte Mutti kümmern, die man nie sieht ("Landhaus der toten Seelen" anyone?), aber es sind ja nur vier Stunden und die Entlohnung hat sich inzwischen vervierfacht.

Es dauert so sensationelle 37 Minuten (von etwa 86 Nettospielzeit), bis Samantha endlich allein zuhaus ist und die nächste halbe Stunde damit verbringt, sich selbst beruhigend durch das Haus zu wandern, die Zimmer zu inspizieren, Musik zu hören, Pizza zu bestellen, Vasen zu zerdeppern, die Freundin anzurufen und jedem Geräusch hinterher zu stöbern, weil es zugegebenermaßen ja Angst macht, wenn es irgendwo im Gebälk rumpelt. Anhänger moderneren Horrors werden dies also erzählerische Leere wahrnehmen und sich vor Ödnis grämen, tatsächlich ist das aber das Herzstück des Films, der niemals vorgibt, etwas anderes zu sein, als das ohnehin Angedeutete.
Dabei weiß der Zuschauer immer ein Häppchen mehr als Samantha, die sich ihre Situation durch die monetäre Notlage schönlügt. Niemand weiß wirklich alles, aber es bleibt Raum für Vermutungen und eingeschobene Sequenzen klären die Rahmenbedingungen: eine Figur wird brachial umgebracht, im Hof steht das Auto einer fremden Familie, deren Sachen in einem Schrank liegen, in einem Zimmer liegen drei Leichen um ein Pentagramm herum, die Pferde sind gesattelt.

Was West da veranstaltet, nötigt einem alle Ehre ab, denn er bleibt treusorgend bei seinem Leisten: der Stil, die Färbung, die Bilder, alles ist original 70er, auch wenn das alles in den 80ern spielen soll, wie die Coke-Becher, die Musik und der vorsintflutliche Walkman Samanthas beweisen. Mit wenigen, aber effektiv eingesetzten Requisiten bildet er einen Ausschnitt der damaligen Zeit ab, ohne jetzt groß mit seinem Retro-Chic protzen zu müssen. Erzählweise und Tempo scheinen dem Budget geschuldet oder der effektiven atmosphärischen Ausprägung.

Erst auf den letzten Meter, sprich für die finalen zwanzig Minuten geht der Film dann plötzlich in die vollen, öffnet dem Okkulthorror Tor und Tür und präsentiert im "one and only girl" auch gleich das "final girl", das sich gegen eine Butze durchgeknallter Satanisten gewalttätigst zu Wehr setzt, inclusive des eher unwahrscheinlichen Schlußgags, der mal eben auf Logik pfeift (eine zuvor praktisch infernalisch wirksame Handfeuerwaffe richtet in Zweibenutzung plötzlich marginalen Schaden an), hauptsache die Wirkung stimmt.

Man kann Ti Wests Film problemlos ein 76er-Etikett umhängen, bzw. ein 82er-Preisschild antackern, niemand würde es groß merken und das ist das Frische, das Ungewöhnliche an diesem Film, für den man wirklich sämtliche Erwartungen über Bord gehen lassen muß, um zu verstehen, was der Regisseur hier machen wollte.
Allerdings bringt der Originalnachbau mit praktisch allen alten Teilen auch den einzigen Nachteil des Films mit sich (wenn man mal die langsame Erzählweise nicht rechnet): "House of the Devil" ist nicht mehr und nicht weniger erzählerisch originell als ein zeitgenössischer alter Film und letzten Endes ist die Auflösung im Jahr 2009 nicht nur ein alter Hut, sie übt eigentlich überhaupt keine besondere Wirkung mehr aus. Was in den 70ern vielleicht noch ein Schock am Schluß war, ist hier zwar vom Konzept her folgerichtig, aber nicht eben originell - und hinterläßt, aus dem Heute und ohne filmgeschichtlichen Unterbau betrachtet, einen faden Nachgeschmack. (Bedenken gegen die gewollte erzählerische Patina kann man auch in den Gore-Szenen anbringen, die weit über dem 70er-Standard liegen.)

Bleibt die Frage, was "The House of the Devil" denn nun sein soll, ein Liebhaberstück, ein Experiment, die Erfüllung eines langgehegten Traums, das Demonstrationsobjekt gegen die modernen Strömungen? Dafür gibt es keine endgültige Aufklärung, für ein typisches Eitelkeitsprodukt oder ein Kuriosum steckt jedoch zuviel Sorgfalt dahinter, es wird mehr als ein typisches Werk des Regisseurs nötig sein, um daraus einen kreativen Trend abzuleiten.

Zwar leidet der Film an der Diskrepanz zwischen "Original" und "originell", aber das ist möglicherweise auch beabsichtigt - wer ein offenes Auge und Ohr hat, wird das Werk schon zu schätzen wissen, vor allem, weil es nicht unmittelbar, sondern erst im Nachhinein seine Wirkung entfaltet. Wobei man tunlichst auf die O-Ton-Spur setzen wollte, jede Oberstufen-Theater-AG bringt bessere Sprecher hervor als die armen Wichte, die hier den Figuren auf deutsch Gewalt antun. (7,5/10)

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