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Mit seiner romantischen Grundausrichtung ist der “Schrecken vom Amazonas” eigentlich zwei Jahrzehnte zu spät dran. Der Fischmensch, von seinen Produzenten liebevoll mit einer Verniedlichungsform bezeichnet, die man mit “Monsterchen” übersetzen könnte, ist im Grunde nur eine weitere der unzähligen Monstervariationen, die Universal in petto hat. Hässlich, gruselig und unheimlich (wenigstens seinerzeit), dabei aber traurig, missverstanden und irgendwie doch liebenswert.

Jack Arnold verstand sich nie wirklich darin, unbedingt neue Zeiten in einem Genre anbrechen zu lassen, auch wenn es oftmals den Anschein hatte, weil er sein Handwerk einfach gut verstand. Meilensteine bezüglich der Revolutionierung und nachhaltigen Beeinflussung der Filmwelt waren seine Werke aber weniger. Vielmehr stellten sie perfekte, zeitgemäße und doch schon früher leicht nostalgisch wirkende Unterhaltung mit großen Schauwerten dar. Eigenschaften, die sich all die Jahre Gottseidank gehalten haben. Sicherlich ging Arnold technisch oft in die Innovation rein - die Egoperspektive des Fischmenschen wurde nebst gleicher Anwendung in “Tarantula” und “Gefahr aus dem Weltall” zu einem Markenzeichen Arnolds. Erneut gestaltet sich ein Film von ihm auch als 3D-Abenteuer - und zuguterletzt sollten die unter enormem Aufwand entstandenen Unterwasseraufnahmen, die in dem 76-Minüter immerhin über eine Viertelstunde Screentime beanspruchen, neues Terrain erkunden. So sahen es zwar die Kritiker nicht unbedingt - die Aufnahmen seien zulang und würden zudem nichts Neues bieten - aber über Arnolds souveräne Leistung als Regisseur hatte niemand ein schlechtes Wort zu verkünden. Doch echtes Neuland war eigentlich wirklich nichts an diesem Werk. Im Gegenteil - man verzichtete sogar aus Kostengründen auf die Option, in Farbe zu drehen, was den Film mit seinen exotischen Kulissen und satten Grünflächen sicher zu einem extravaganten optischen Erlebnis gemacht hätte. So hängt aber nun die reizvolle Idee am Film, dass er gewissermaßen damals schon wie eine nostalgische Hommage an die alten Monsterfilme wirkte. Die heutige Sicht auf den “Schrecken vom Amazonas” könnte zu vergleichen sein mit jemandem, der sich in fünfzig Jahren einen Film wie “Arac Attack” oder “Tremors” ansieht. Es ist die Sicht durch eine doppelt beschichtete Nostalgiebrille - für den doppelten Spaß, der all jenen zuteil wird, die alte B-Movies lieben.

Es gibt ein gutes Indiz dafür, dass dem tatsächlich so ist. Produzent William Alland hat wenigstens kurz vor seinem Tod (ob dem zuvor auch so war, ist mir nicht bekannt) in den späten 90ern keinen Hehl mehr daraus gemacht hat, dass das Skript zum “Schrecken von Amazonas” nie für sich in Anspruch genommen hat, etwas Neues hervorzubringen. Es ist vielmehr die Besetzung einer alten Geschichte mit neuen Rollen. Allerdings ist das auch ohne diese Information nicht allzu schwer zu erraten gewesen: Erzählt wird nichts anderes als die Geschichte von King Kong - nur eben im Jack Arnold-Stil.

Es ist wieder mal die Reise ins unbekannte Territorium, einer fremden, bewaldeten Umgebung. Ein Schiff mit einer Crew, die ausgesprochen stark derjenigen aus Coopers und Schoedsacks tricktechnischem Meisterwerk von 1933 ähnelt. Ein Koch, ein Schönling, ein Held, nicht zuletzt eine Frau im lockeren Bande mit diesem - gewissermaßen ein kleiner Skandal für die damalige Zeit. Die Frau wird in der wilden Umgebung unweigerlich in die Opferrolle gedrängt. Spätestens, wenn sie ganz alleine im Amazonas baden geht, kann man doch kaum anders als zwei Jahrzehnte zurückzudenken. Dass die Parallele so lange Zeit ein offenes Geheimnis blieb, ist dabei nur schwer vorstellbar, denn immerhin ist der Fischmensch ja auch ein genaues Abbild des Riesenaffen. Kein Mensch, aber menschenähnlich; die Wildnis, wie sie in den Augen der Eindringlinge erscheint, nennt es sein Zuhause; fühlt es sich bedrängt, greift es an; und vor allem zeigt es gegenüber dem weiblichen Wesen Gefühle, die stark an Liebe erinnern.

Als verkappte Hommage, die Arnolds Werk irgendwo ist, geht der mit dem Einsatz von Romantik viel weiter als Cooper und Schoedsack. Julie Adams keift als Objekt der Begierde mit der ganzen Kraft der Übertreibung und macht Fay Wray damit alle Ehre; der Score schmerzt auf positive Weise mit seiner Direktheit, und die Tragik des im Mittelpunkt stehenden Zwitterwesens ist so offen, dass sie mit der intelligenten Subtilität eines Werkes von James Whale nicht mehr das Geringste zu tun hat. So macht im Prinzip der ganze wissenschaftliche Ansatz um die evolutionäre Veränderung von Lebewesen auch nicht besonders viel Sinn für eine eventuelle hintergründige Aussage. Den Gebrüdern Kaufman gelang es jüngst mit dem Skript zu “Adaption” auf genialste Weise, die Evolution zur Grundlagenmetapher für die soziale Anpassung an das Leben zu nehmen; davon ist der hier vorzufindende Ansatz aber sehr weit entfernt. Es bedarf schon einer Menge Fantasie, da etwas herauszulesen. Vielleicht, weil er nicht sorgfältig genug ausgearbeitet wurde - wahrscheinlicher ist es aber, dass überhaupt nichts davon gezielt verfolgt wurde. Wozu auch? Dracula, Frankenstein & Co. hatten bereits alles gesagt. Arnold hatte andere Ziele, nämlich die der Unterhaltung durch reinste Gruselromantik.

Seinen tiefen Orgasmus erlebt der Film irgendwo in der Mitte, die sich wie eine gigantische Kuhle aus dem Feld erhebt und alle Elemente, mit denen Arnold und seine Crew in Pre-, Post- und Produktion arbeiteten, aufs äußerste anschwellen lässt. Es ist eine fast schon überstilisiert emotionale Begegnung zwischen der Schönen und dem Biest in einem hypnotisierenden Unterwasserballett, das von Filmhistorikern gerne als “Poesie” umschrieben wird. Die Szene lebt von der einzigartigen Perspektive, die der Zuschauer hier einnimmt, und der Konstellation zwischen Julie Adams’ Kay und dem Fischmenschen - dem Umstand, dass sie keinen Verdacht hegt, dass direkt unter ihr ein Wesen schwimmt, vor dessen Antlitz sie kreischend davonrennen würde, während sie nichtsahnend ein Bad nimmt. Der Zuschauer ist unter Wasser, auf Augenhöhe mit dem Monster, das mehrere Meter vom Bildschirm entfernt immer wieder zwischen die schützenden Algen schwimmt und sich dann an die schwimmende Schönheit herantraut, schließlich direkt unter ihr schwimmt und sie gar am Fuß kitzelt aus lauter Übermut - eine Szene, die Filmhistoriker Tom Weaver ebenfalls als Parallele auf King Kong interpretiert hat, der auf ähnliche Weise mit Ann Darrow spielte. Steven Spielberg soll sich zudem von dieser Szene für seinen “Weißen Hai” inspiriert gefühlt haben, und tatsächlich entfaltet die ungewöhnliche Perspektive eine ähnliche Suspense-Wirkung.

Drumherum ist “Der Schrecken vom Amazonas” reiner Abenteuerfilm. Die Jagdsaison auf das Monster ist der Mittelpunkt der Handlung. Das darf sich dann mal fangen lassen, bricht aus, tötet hier und da mal mit seiner gigantischen Fischpranke in hochdramatischen Szenen mit pompöser Musik Crewmitglieder. Das nett anzuschauende Kostüm, designt von Milicent Patrick (“Abott & Costello meet Dr. Jekyll & Mr. Hyde”) und getragen von Ben Chapman außerhalb des Wassers und vom erfahrenen Taucher Ricou Browning unter Wasser (wo er bis zu vier Minuten die Luft anhalten musste), wird geschickt präsentiert: Zunächst taucht höchstens mal eine Pranke aus dem Wasser auf, bis es erst in der zweiten Hälfte in voller Montur gezeigt wird, aber auch da meist nur kurz oder fragmentarisch, so dass das Mystische der Kreatur erhalten bleibt.

Anspruch ist bei alldem quasi nonexistent, aber Jack Arnold führt mit solch starker Hand Regie, dass “Der Schrecken vom Amazonas” für jeden B-Movie-Nostalgiker ein Fest sein muss. In seiner Entstehungszeit von der Story her selbst schon ein Relikt, entwickelt sich der Film zur quintessenziellen Entsprechung des Entertainment-Featurefilms. Ein fremdartiges Wesen (dem teilweise gar auffällige Parallelen zu Christian Nybys “The Thing from another World” vorgeworfen wurden), eine hilflose Frau, ein wütender Held, eine exotische Kulisse, ein dick auftragender Score, 3D-Effekte, Unterwasseraufnahmen und extravagante Perspektiven sorgen für höchsten Unterhaltungswert, der mit dieser Wirkung heute überhaupt nicht mehr reaktiviert werden könnte.

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