Ich muss (oder möchte?) zugeben, dass ich mich mit dem Exploitation- und Softsex-Schaffen Erwin C. Dietrichs, jenem berüchtigten Schweizer Produzenten und Regisseur, bisher kaum auseinandergesetzt habe. Was er da 1970 unter dem Pseudonym Fred Williams und anscheinend in Zusammenarbeit mit dem ungenannt gebliebenen US-Regisseur Jack Hill mit „Ich – Ein Groupie“ mit Ingrid Steeger („Klimbim“) in der Hauptrolle für ein Sleaze-Drama abgeliefert hat, ist aber schon ein ziemlicher Hammer!
Offensichtlich angelehnt an die seinerzeit veröffentlichten autobiographischen Aufzeichnungen eines weiblichen Groupies präsentiert Dietrich eine Überdosis Sex, Drugs & Hippierock, bei der kein Auge (und keine Hose?) trocken bleibt. Vicky (Ingrid Steeger) trifft in einem Londoner Park auf eine Gruppe Hippies mit grässlichen Frisuren, die ebenso grässlichen Bluesrock spielen und verfällt als doofnaives Dummenblondchen prompt dem Sänger. Das ist der Startschuss für ihre rasante Groupie- und Drogenkarriere, denn von nun an reist sie mit Vivian (Vivian Weiss) durch Europa, fährt sich einiges an benebelnden Substanzen rein und lässt sich von fast allem begatten, was ihr über den Weg läuft. Sprachbarrieren gibt es dabei interessanterweise keine, alle sprechen die Einheitssprache Deutsch.
Mal bläst sie einem zotteligen Drummer einen, während dieser seinem Schlagzeugspiel nachgeht, mal sitzen sie und die anderen nackt im Wald wie die Pfadfinder und mal braust sie splitternackt auf dem Rücksitz eines Hell’s Angels durch die Weltgeschichte, nachdem sie zuvor kichernd durch den Wald lief und in einen See sprang. Natürlich nimmt das alles kein gutes Ende; innerhalb kürzester Zeit landet unsere arme Vicky auf einer schwarzen Messe und wird zu einem missbrauchten Drogenwrack, das – natürlich nackt und mittlerweile wie ein Gespenst aussehend – im Rausch vor ein Auto rennt, während sie davon tagträumt, grazil durch die eine idyllische Alpenwelt zu hüpfen.
Huch, hab ich jetzt gespoilert? Auch egal, denn „Ich – Ein Groupie“ lebt ganz bestimmt nicht von irgendeiner Spannung, sondern von seinen kruden Ideen – einer Mischung aus tatsächlichen Hippieflausen und den Vorstellungen eines schmutzigen Mannes mittleren Alters von den Umtrieben der Jugend – und natürlich seinen Schauwerten: einer ständig nackten Steeger in der Rolle ihres Lebens und ausgiebigen, durchaus onanierwürdigen Sexszenen. Vivian Weiss begeistert mit ekstatischen Tanzeinlagen, die man unbedingt einmal gesehen haben sollte und ist auch sonst ein sehr leckerer Kompagnon der Steeger. Die Hell’s Angels inkl. Hakenkreuz-Armbinden waren offensichtlich echt, die Krautrock-Band „Birth Control“ (ohne Titten-Hugo-Egon) auch und Unsympath Rolf Eden hat sich sicherlich auch einfach selbst gespielt.
Doch nicht nur die „Schmuddel-Momente“, auch Vickys Horrortrip und die Liveauftritte der Bands (inkl. einer Performance von Scatman Johns Mentor), die einen nicht unbeträchtlichen Anteil der Laufzeit ausmachen, wurden visuell ansprechend umgesetzt bzw. eingefangen, so dass trotz der zahlreichen Füllszenen wahrlich keine Langeweile aufkommt. Etwas überrascht hat mich der in Nahaufnahme und vor ruhiger, weder durch Musik noch von Dialogen unterbrochener Kulisse gezeigte Heroinkonsum und die abrupte Unterbrechung einer Lesbenszene durch einen Kotzanfall. Diese Szenen läuten das bittere Ende ein.
Bei aller zur Schau gestellten Oberweite bleiben die Charakterzeichnungen natürlich vollkommen flach, um eine seriöse Auseinandersetzung mit dem Thema ging es nie. Dafür schafft es der Film aber tatsächlich, vor seinem dramatischen, harten, warnenden (naja…) Ende so etwas wie ein rebellisches Lebensgefühl zu versprühen und dürfte somit mindestens in gleichem Maße ein jugendliches Publikum wie notgeile alte Männer angesprochen und verdammt gut unterhalten haben.
Fazit: Ein Film wie ein kleiner, feiner Drogenrausch. Danke, Erwin C., danke, Ingrid, danke Deutschland! Sind eigentlich alle Dietrich-Steeger-Kollaborationen so geil?