In seiner asketischen Haltung im abgeklärten Ton gesetzt, funktioniert Good Will Evil weniger als der Horror mit oberflächlichen Reizen, unter dessen Deckmantel er gemeinhin angeboten und auch so verkauft wird, über dessen herkömmliches Register er allerdings hinausgeht. Die klare Ablösung und das eigentliche Wirken der Handlung zwischen ihrer potentiellen Veranlagung und der aktualisierten bezieht sich vielmehr auf ein gleichfalls ruhiges, aber innerlich tonlos brodelndes Drama mit der exzessiv beängstigenden Tragik eines kompletten Familienzusammenbruchs. Die Grenzen zwischen eines nahezu schon einfach zu goutierenden Gruselstücks, in dem die wahren dysfunktionalen Vorgänge im Leben durch ein transzendentales Sinnbild verkörpert werden und der umso schmerzhaften Realität verschieben sich zunehmend in den Bereich des Letzteren. Abgründe tun sich auf, allerdings nicht in dem aggressiven Theater simpler Schockeffekte, sondern in dem destruktiven allzu vorstellbarer Authentizität.
Gemeinsamkeiten im Ausgangspunkt und besonders auch der recht gesitteten, mit langen und ebenso langsamen Einstellungen arbeitenden Regie, die viel Wert auf dem Aufzeigen einer scheinbar dauerhaften Ordnung, den Atempausen darin und dann bald dem gedämpften Zusammenbruch dieser tatsächlichen Grabesstille legt, verweisen mehr oder weniger auf Temegotchi [ 1997 ]. Nicht nur, dass auch dort die Anzeichen auf eher naiver, wenn auch unheimlicher Phantastik stand, mögliches Spektakel oder etwaige Exzesse dessen aber weitgehend ausgeschlossen wurden, auch die Handlung mitsamt dem Sozialverständnis weist konkrete Übereinstimmungen auf. Hier wie dort steht eine Waise im Mittelpunkt, ein kleines Mädchen ohne Eltern und andere Familienmitglieder, die nicht nur weder Kontakte zu Altersgenossen aufbauen kann, sondern auch von den Erwachsenen statt Unterstützung nur Ignoranz bis zur Mißhandlung erfährt. Und sich auf ihre Weise, mit übernatürlichen Kräften in dieser realen Albtraumwelt wehrt und eine okkulte für die Missetäter erschafft:
Bei einer verheerenden Explosion in einem Wohnblock in Beitou wird ein ganzes Apartment dem Erdboden gleich gemacht, der Vater und sein Sohn sterben, die Tochter Shaw-tian überlebt nur, weil sie vor dem Haus gewartet hat. Vorübergehend in ein Waisenhaus gesteckt erregt sie die Aufmerksamkeit der Musiklehrerin Lily Zhong, die sich auch um die stille und von den anderen Kindern meist geschnittene Achtjährige kümmert, als diese von dem Stadtverordneten Zheng Wen-cheng [ Leon Dai ] und seiner Frau Easy [ Terri Kwan ] adoptiert werden. Nicht nur, dass die neuen Eltern mit der ungewohnten Situation heillos überfordert sind, auch ist die Ehe nicht gerade musterhaft und treten in Shaw-tians Umgebung immer wieder merkwürdige Vorfälle auf, die bald Verletzte und erste Todesopfer nach sich führen.
Zu gleichen Teilen Magie, Mythos und [introvertierte] Modernität verweigert sich der Film einer allzu deutlichen Boshaftigkeit, präsentiert nicht das absolute Übel und schiebt sich trotz Anzeichen dessen auch nicht in die Position der direkten Schuldzuweisung. Am ehesten bekommt den Schwarzer Peter noch der Mann in der Konstellation ab, – abseits allen etwaig politischen Subtextes – der Gemeindevertreter, der die Kleine nur deswegen bei sich aufgenommen hat, weil dies sich gut für die kommende Wahl zum Höheren macht. Und er zudem eine Ausrede oder auch Beschäftigung für seine daheim allein wartende Frau gefunden hat. Diese ist mit dem Mädchen, dass aus einem letztlich vollständig zerrütteten Elternhaus stammt, zwar auf mehrere erschütternde Erfahrungen bis hin zur Inkarnation und verhängnisvollen Quintessenz verbunden, aber aus genau den gleichen Gründen denkbar ungeeignet für einen stabilen Rückhalt und besonders auch den Nerven resistenten Beistand.
Sie hat dasselbe in ihrer Kindheit mitmachen müssen und das Trauma weder verarbeiten noch schon gar nicht überwinden können, was trotz lange zurückliegenden Geschehnissen auch in ihrem jetzigen Dasein auf vielerlei Abprellungen trifft; für sie ist das Mädchen wie ein Spiegelbild, die Rückkehr des erfolglos Verdrängten. Eine allgegenwärtige Verletzung bei allen Drei Personen im Haushalt, dass als fast einziges Setting auch mehr als ein Standplatz am Rand der Gesellschaft erscheint, hat sich fest eingeprägt und ganz geläufig gemacht; wobei die Doppelinszenierung von Lin Yu-fen und Wang Ming-chan ein tiefsitzend subtiles Gespür für die Angst, die sich im Raum verbreitet ausweist, ohne diese grundlegende Unsicherheit psychologischer Entfremdung zu genießen. Eine sehr begrenzte Lokalisierung, moralisch mitteilend, bedrohlich umgeben von einer zunehmend makaberen Atmosphäre zwischen verzweifelnden Mangel und unterdrückter Gewalttätigkeit. Als Albtraum von Melancholie, Verdammung und unterbrochener Kommunikation, wo der anwesende Moment stillsteht.
Die Summe der verschlüsselten Bedeutungen und der Ausfall in das Reich des Spirituellen liegt dafür in Richtung einer missverstandenen Arbeit und dort in einer recht einfachen Symbolik vor, in der das emotional zutiefst Unbehagliche mit stereotypischen Anforderungen populären Genrekinos vermischt wird. Bei der Explosion wurde außer den Toten nur ein Gegenstand aus der ansonsten völlig zerstörten Wohnung abtransportiert, die Puppe Coco, die Shaw-tian von nun an als einziger Freund über den Tag begleitet und sich dabei als mächtiger Verbündeter in der Zwietracht erweist. In einer schillernden, wenn da auch an Genrepfaden [ Child's Play / Puppetmaster ] entlang trampelnden und so eher banal wirkenden Materialisierung verkörpert die Puppe von nun an – als Metamorphose des Unschuldigen, dem man die kindliche Naivität und sein Vertrauen geraubt hat – den Racheengel für vergangene und Schutzpatron für kommende Schandtaten in mal mehr und mal weniger ausgeprägter Form. Wobei diese parapsychologischen Angelegenheiten gerade angesichts heutzutage gefragter Gewalteruptionen überaus geerdet und in ästhetisch gefasster Förmlichkeit völlig fern von irgendwelchen Bluteskapaden, gegen Ende hin fast schon ein wenig zu wortwörtlich stiefmütterlich und eher in Richtung Märchenzauber gehandhabt sind. Und neben diesem Mäandern zwischen Hokum, Kitsch und Lagerzartheit zudem noch mit einer beiläufigen Komödienlinie – die etwas wirre Mutter [ Lu Yi-ching ] der fürsorglichen Pädagogin Lily Zhong übt an ihrem Sechsten Sinn und ahnt als Einzige von dem drohenden Unheil – verringert werden.