<!--StartFragment -->Ein Stück Welt mit Evidenzcharakter wird in Parking beschrieben. Sich mit beschränkten Mitteln an der Wirklichkeit orientiert, um auf einer kleinen Bühne die Rätsel und Fragen des Daseins zu bewältigen. Das vorhandene Potential ist dabei eingerahmt und ausreichend zugleich, die Handlung spielt abgesehen von einigen Aussetzern in die Vergangenheit an einem einzigen Tag. Dem zweiten Sonntag im Mai, dem Muttertag, in den späten Nachmittagsstunden bis tief in die Nacht hinein. Die Szenerie ist die Chengde Road in Taipeh, eher abgelegen, nicht wirklich mehr bevölkert, die Nachbarschaft hat zum Großteil längst das Weite gesucht. Ein paar Läden gibt es dort noch, legale und illegale Geschäfte, die sich entweder keinen Umzug mehr leisten können oder wollen oder gerade die Ruhe am Rande suchen. Die Eigendynamik des Geschehens ergibt sich aus einem Zufall heraus, einem Wink des Schicksals, dass ab und zu auch Streiche mit Einem spielt, statt immer nur den Glückstreffer bereitzuhalten. Im Vereintsein mit dem schaffenden Gedanken wird ein Stück Leben erzählt, die latenten Spannungen darin, die erst aufgebende und dann kurz wieder erweckte Hoffnung, die bisherigen Fehler, die verdrängten Wünsche; als Vorgang zwischen Menschen, die sich vorher nicht kannten und hinterher auch nichts mehr miteinander zu tun haben, aber sinnfällig miteinander kontrastiert werden.
Oft benannt im Zusammenhang mit Chung Mong-hongs Werk werden Scorseses After Hours und Landis' Into the Night, und auch wenn der Vergleich bezüglich des Schwanken zwischen Leichtfüßigkeit und Albtraum sowie Thriller, Satire und Parodie nicht nur auf den ersten Blick zumindest als Vornotiz nicht von der Hand zu weisen ist, gestaltet man hier mit leichter Hand eine ganz eigene seltsame Konversation in gleichfalls höherer und tieferer Wirklichkeit zwischen Disziplin und Chaos. Untrennbar verbunden ist der Kreislauf der gesamten Gesellschaft, die Jeden mit und in sich zieht, und der Reichtum aller so möglichen Beziehungen zwischen den Individuen, die sich auch jeweils divergierender Auslegungen unterziehen lassen. Ihre Aktionen und Reaktion, die nicht voneinander zu trennen sind, wo der Schluss zum Anfang zurückführt und so eine universale Form ergibt. Dabei sucht der abgespannte Taiwanese hier anders als die beiden unausgeglichenen Amerikaner 23 Jahre zuvor nicht das Abenteuer von Idealität und Abstraktion "In the Kingdom of Chic and Sleaze", nicht von sich aus die Katharsis und Pointe in seinem Leben, sondern wird unvermutet und unfreiwillig darin verwickelt:
Chen Mo [ Chang Chen ] ist eigentlich nur auf dem Heimweg zu seiner Frau Xiao Mei [ Kwan Lun-mei ], als er vor ihrer Lieblingskonditorei am Halten ist und noch zwei Stückchen Torte besorgt. Der als kurzer Zwischenstopp gedachte Aufenthalt verlängert sich jedoch, da sein Auto bei der Wiederkunft in zweiter Reihe zugeparkt ist, und er trotz Hinweisen vom gerade schließenden Frisör [ Jack Kao ] den Halter nicht ausfindig machen kann. Bei der Suche nach dem Verantwortlichen im anliegenden Wohnblock stolpert er nach und nach in das Abendessen einer vereinsamten Familie, die Aktionen eines Kredithais, der einen säumigen Schneider [ Chapman To ] zur Verantwortung ziehen will, und den schlagwütigen Zuhälter Ah Bao [ Leon Dai ], welcher die aus China mitgebrachte Prostituierte Lee Wei [ Peggy Tseng ] unterdrückt. Und setzt Erinnerungen ebenso in Gang wie er seine Zukunft und die Anderer beeinflusst, dessen existenziellen Wege unterschiedslos dem Eindruck der Instabilität unterliegen.
Dabei bildet die Figur des Chen Mo nur die äußere Verknüpfung der verschiedenen Handlungsstränge in gleichnishafter Ordnungsstörung. Er ist die Verkettung des Beobachteten; auch wenn er selten die Fäden in der Hand hat und ab und zu gar nur die Marionette darstellt, führen sie in der Odyssee dennoch alle zu ihm. Er ist der Spielball, der Stein des Anstoßes, der Tourist, der von der Außenseiter-Perspektive aus in ein bisher isoliertes Terrain eindringt und durch Wirrungen und Erschütterungen Einfluss nimmt. Seine Erlebnisse, die er mal aktiv anleitet, mal greifend einwirkt oder nur als passiver Zuschauer mit einem rasch gewährten Blick hier und da begleitet, gestalten sich dabei ebenso unterschiedlicher Natur. Erst in der Vertrautheit alltäglicher Erfahrung, zwischenzeitlich wie als Traumwahrheit dichterischer Phantasie, als irreales Gespinst oder auch schmerzhaft betroffener Störung. Eine neue Gegend mit unsicheren Alleen, mit neuen Anforderungen und den absurden Regeln der modernen, aber brüchig gewordenen Zivilisation. Als Schlüsselszene die Paradoxie einer zeitgenössischen Situation, in der er für zwei fremde Großeltern den verlorenen Sohn und für die allein gelassene Tochter für genau ein Abendessen lang den Vater spielen muss. Eine gut gemeinte Geste, die seinen Gastgebern letztlich für Minuten lang erhofftes Glück bringt, und gleichsam erneut die alten Wunden wieder aufreißt.
Sowieso gibt es keine simplen Antworten oder die schlichte Lösung, sondern komische genauso wie tragische, mondbeglänztes Grünstichpanorama wie heruntergekommene Kaschemmen und rotlichtgeflutete Bordellhöhlen, Metatheatralik wie Sozialkritik und Neo Noir. Konstanz und Metamorphose in schier unübersehbarer Fülle vereinigt, mit Bewegungen nach rechts und nach links und nach allen Seiten. Einheitsstiftende Großstadterfahrung. Das mehrfache Zuparken von Chens Auto durch verschiedene andere Vehikel steht in dieser multikulturell besiedelten, aber gemeinhin ökonomisch erfolglosen Szenerie für die Stolpersteine und unüberwindbaren Hindernisse des Lebens, nach dessen Ursachen und deren Vermeidung man zuweilen auch so erfolglos sucht wie Chen hier nahezu levelartig, in mehreren An- und Durchläufen nach den Besitzern. Die Straße samt nahezu brachliegenden Geschäftsviertel und anliegendem Wohnblock als kaleidoskopisches Gedankengebäude, modellhaft orientiert. In Form einer visualisierten Segmentübersicht, in der politisiert, materialisiert und zuallerletzt auch philosophiert wird; ohne diese Artikulation gleich mit einem aufdringlichen, da bedeutungsschwangeren Schwerpunkt zu belasten.
Denn im Grunde genommen stellen sich das Figurenensemble und auch die Regie nicht als das Wesentliche und auch nicht als der wichtigere Teil des Ganzen heraus; die Personen wollen keine besondere Bedeutung erlangen, sondern zumeist ihre Ruhe im kleinen privaten Glück, wodurch sie sich auch einen Großteil der Zeit eher spielkaschierend statt als die jeweilig hochrangigen Elemente verhalten. Die Inszenierung vom feature film Debütanten Chung passt sich dem auf angenehme Art und Weise an, fingiert sein selbst geschriebenes und hochwertig fotografiertes Konstrukt nicht etwa auf Gedeih und Verderb in die epische Gewichtigkeit, sondern spart mit großen Gesten und über-lehrreicher Moralkeule; um sich stattdessen auf leisen Sohlen, in der Beiläufigkeit und dort mit viel Sympathie und Empathie für seine Belegschaft zu manifestieren.