Review

„Er hatte die Unschuld verloren […]. Wie die Menschen.“ 

Zeichentrickfilme gehören zu den vielen Spielarten des Filmschaffens, bei denen sich „die Deutschen“ (wenn es denn „den Deutschen“ per se überhaupt geben sollte) nicht besonders positiv hervorgetan haben. Blickt man auf die erfolgreicheren Produktionen der letzten 20 Jahren fällt Eines ganz klar auf. Wenn sich überhaupt mal eine Produktion an den Kinokassen behaupten konnte, waren es (eher) platte Komödien á la „Werner - Beinhart“, „Das kleine Arschloch“ oder unsägliche Bully-Filme wie „Sissi“ (siehe Review). Während asiatische Länder schon seit den frühen 80ern immer wieder mit ernsten erwachsenen Themen zu begeistern wissen und dort der Zeichentrickfilm längst sein kindliches Image verloren hat, rümpfen hierzulande die Menschen immer noch die Nase, wenn man versucht ernste Themen mit gezeichneten Bildern zu vermitteln. Da stellt dann die zwar nette, aber weit überschätzte Anfangsszene von „Oben“ noch das höchste der Gefühle dar.

Über diesen Umstand vergisst man aber nur zu gerne, dass es 1995 einen Versuch gab, auch Erwachsene mit einem deutschen Animationsfilm anzusprechen. Eine Zeit jedoch, in der es der Prüfstelle trotz Streifen wie "Akira", "Ninja Scroll" oder "Fist of the North Star" anscheinend auch noch nicht zu Ohren gekommen war, dass gezeichnete Bilder nicht unbedingt für Kinderaugen geeignet sein müssen. Denn „Felidae“, die Verfilmung des gleichnamigen überaus erfolgreichen Buches des Deutsch-Türken Akif Pirincci ist ganz gewiss nicht für 12-jährige geeignet. Ganz egal, was die FSK-Plakette uns weismachen will.

Über die Handlung möchte ich an dieser Stelle nicht zu viel verraten. Ausgangspunkt ist eine Mordserie an Katzen, der sich der „klugscheissende“ Kater Francis annimmt und in einen Strudel aus Sex und Gewalt gerät. Wie es Pirincci gelingt Sekten, Tierversuche, Ägyptische Geschichte, Naziideologien, Film Noir- und Fabelelemente unter einen (logischen) Hut zu bringen, nötigte mir schon bei Lektüre seines ersten Katzenthrillers Respekt ab. Klar werden hier Parallelen zu den Menschen gezogen und dennoch bekommt das Ganze nur Sinn, weil es sich bei den Protagonisten um Katzen handelt. Es ist also mitnichten eine reine Metapher auf die Menschheit, die genauso gut als „menschlicher“ Thriller funktionieren könnte.

 Die Handlung ist gut vom Buch in die Filmversion übertragen worden, auch wenn sie durch die kurze Laufzeit von knapp 80 Minuten teilweise arg gehetzt wirkt. Zum Verschnaufen oder sacken-lassen wird man während des ganzen Films kaum kommen, denn wenn nicht gerade wieder ein neues, wahnsinniges Handlungselement (und allesamt sind sie für die Lösung des Falls unverzichtbar) auf den Zuschauer einprasselt, dann kommt eine der zahlreichen Actionsequenzen zu Zuge. Und gerade wenn man denkt, „das war‘s jetzt aber erstmal“, findet Francis auch schon das nächste Mordopfer.

Und diese Morde geizen nicht gerade mit grafischen Details. Wie amüsant doch die Vorstellung, die ganze Familie vor dem Fernsehen, eingestellt auf einen zwar spannenden aber netten, gewitzten Animationsfilm mit Katzen („Ach wie süß!“) und dann wird man mit stark sexuellen Inhalten, Bergen aus Leichen und Gedärmen (kein Witz!) und ständigen Schimpfworten konfrontiert (ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft allein der Sidekick des Protagonisten das Wort „Scheisse“ verwendet). Das eine oder andere Kind wird nach Sichtung des Ganzen bestimmt Schlafprobleme bekommen – wochenlang! Zudem ist die Story sehr komplex und für einen 12-jährigen in Gänze mit Sicherheit nicht verständlich (wie gesagt, allein die Parallelen zur Nazidiktatur und der Wunsch nach der absoluten Herrenrasse dürfte die Kleinen überfordern). Ebenso wie bei „Watership Down – Unten am Fluß“ oder „Wenn der Wind weht“ handelt es sich nunmal um einen reinen Erwachsenenfilm.

Die Produktion ist an sich äußerst gelungen. Klar ist das kein Disneyfilm und auf Grund des Alters sehen die Animationen oft recht spärlich aus. Sie sind aber zweckmäßig und können hin un wieder mit einigen guten Ideen überraschen. Zudem ist der Stil äußerst dynamisch. Entsprechend der rasch erzählten Handlung kommt also nie Langeweile auf. Eher kann es sein dass man sich ein wenig überfordert fühlt – aber spätestens zum Ende hin, wenn alle Handlungsstränge zusammenlaufen wird man das vergessen haben. Die Hintergründe sind hübsch gezeichnet und wissen durch ihren düsteren, grauen Ton optimal die Stimmung des Films zu unterstreichen. Und dann haben wir ja noch die Synchronstimmen, die zur damaligen Zeit sicher zur A-Riege der deutschen Schauspieler zählten. Ob nun Uwe Ochsenknecht als durchgeknallter Sektenguru, Ullrich Tukur als Francis, Mario Adorf als Sidekick Blaubart („… allerdings beglückte ich ein paar Mietzen mehr als Heinrich der Achte.“), Klaus Maria Brandauer als undurchsichtiger Pascall oder sogar Helge Schneider als „Totenwächter“. Sie alle verdienen vollstes Lob für ihr Engagement. Der Soundtrack ist ebenso passend und liefert hauptsächlich düster-atmosphärische Orchestermusik (auch Mahlers „Auferstehungssynphomie“ darf nicht fehlen). Alles in allem waren die 15 Millionen also damals gut angelegt. 

Es ist schade, dass „Felidae“ das einzige Experiment seiner Art geblieben ist: ein deutscher big-budget Erwachsenenzeichentrickfilm. Denn der Versuch ist in allen Belangen geglückt. „Felidae" ist nicht zuletzt auf Grund seines Alleinstellungsmerkmals ein wichtiges Stück deutscher Filmgeschichte und sollte von jedem Thrillerfan, der sich nicht an den äußerst brutalen und auch gruseligen Szenen stört gesehen werden. Kein Tip also, sondern ein Pflichtkauf.

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