"Our world is ending but life must go on."
Als die Puppe 9 erwacht erwartet sie ein schauerliches Bild: Eine verwüstete Welt liegt vor ihr, in der die menschliche Existenz völligst ausgelöscht ist. Sie trifft auf die ebenfalls lebendige Puppe 2. Beide werden kurze Zeit später von einer, an eine Katze erinnernde Maschine angegriffen und 2 entführt. Nach ihrer Flucht findet 9 Unterschlupf in einer Kathedrale, die von weiteren Puppen bevölkert ist. Deren Anführer 1 ist nicht gerade angetan, als 9 zu einer Rettungsaktion aufruft. So zieht 9 nur mit der einäugigen Puppe 5 los, um 2 zu retten. Es gelingt ihnen den Unterschlupf der Katzenbestie zu finden und 2 zu befreien. Allerdings erweckt 9 dabei eine Maschine, die sich von den Seelen der Puppen ernährt und fortan Jagd auf diese macht.
Animationsfilme für Erwachsene sind eine Seltenheit, gelten sie doch als Kassengift an den Kinos. Dies trifft auch auf "#9" zu. Leider, denn die durch Tim Burton ins rollen gebrachte Produktion erweist sich als origineller, als seine parallel laufende Fortsetzung "Alice im Wunderland". Gemeinsam mit Timur Bekmambetov ("Wächter der Nacht") gab er dem Neuling Shane Ackers, aus dessen Feder gleichnamiger Kurzfilm bereits für einen Oscar nominiert wurde, Starthilfe, trotz des Risikos an den Kinos zu scheitern.
Die computeranimierte Welt von "#9" könnte kaum düsterer und kompromissloser sein. Acker ruft in Setting und Farbwahl ein klassisches postapokalyptisches Szenario auf, das sich von den üblichen Verdächtigen vor allem durch seine pessimistische Konsequenz unterscheidet: Die Welt in "#9" ist wirklich und endgültig menschenleer.
Mit seiner überwältigenden Masse an tiefgründigen Designs ist der Animationsfilm der vielleicht bis dato existenzialistischste. Jede Begegnung und jeder Schauplatz wirft neue Fragen auf, verweist auf neue dystopische und mythologische Kontexte. In Form von vereinzelten Rückblenden liefert "#9" dem Protagonisten sowie dem Zuschauer zugleich Antworten auf das verschwinden der Menschheit und der Existenz von intelligenten Maschinen und lebendigen Puppen.
Obwohl sich Acker bei diversen Endzeit-Titeln bediente, ist sein ästhetischer Wirbel aus Steampunk-, Gothic- und Industrial-Elementen dennoch innovativ und besonders im Kreaturendesign außergewöhnlich erfrischend. Die präsentierte Welt ist durch außerordentlich präsente Mechanik, Gelenken, Dampf und Kurbeln schon beinahe ein kultureller Rückblick auf ein vergangenes, historisches Zeitalter, dessen Geist heute kaum noch Verwendung findet und durch eine ungemein atmosphärische Geräuschuntermalung passend in Szene gesetzt.
Neben der detailliert ausgearbeiteten Welt kommt die Handlung, trotz spiritueller Botschaft für ein friedliches Gemeinschaftsleben, fast völligst eindimensional daher.
Zur Entwicklung der Figuren bleibt wenig Platz, da "#9" kaum Ruhepunkte enthält, stattdessen auf pausenlose Actionsequenzen setzt. Permanent machen immer gigantischere, elektronische Ungetüme Jagd auf die Puppen. Diese Verfolgungseinlagen sind allerdings mitreißend inszeniert, so dass der Unterhaltungsfaktor stets hoch ist und durch eingestreute Grusel- und Horrorelemente der Eindruck eines Erwachsenen-Animationsfilmes verstärkt wird.
Der Anspruch geht nicht völligst verloren, da Konflikte zwischen den Figuren und die Rahmenbedingung zum nachdenken anregt. Ein wirklich emotionales Niveau erreicht "#9" dennoch zu keinem Zeitpunkt, gerade mangels komplexer Charaktere.
Trotz seiner einfach gehaltenen Geschichte ist "#9" mehr als nur eine willkommene Abwechslung in der ansonsten so übersättigten Animationsbranche. Visuell beeindruckend überzeugt der Animationsfilm durch eine düstere Atmosphäre, den tollen Effekten und der Kompromisslosigkeit in vielen Teilen des Filmes, wie man es seit den besten Don Bluth Zeiten nicht mehr gesehen hat. Schade, dass trotz aller Ernsthaftigkeit die Figuren keinerlei Komplexität aufweisen.
9 / 10