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Sein Bruder, Franco Citti, zählte von "Accattone" (1961) bis "Il Fiore delle mille e una notte" (1974) zu den bekanntesten Gesichtern in den Filmen Pier Paolo Pasolinis; Sergio Citti selbst war - von "Accattone" bis hin zu "Salò o le 120 giornate di Sodoma" (1975) - einer von Pasolinis engsten Co-Autoren und sein langjähriger Regieassistent. "Salò", dieser letzte Pasolini, die nüchtern-kühle de Sade-Verfilmung, ging ursprünglich auf ein Vorhaben Sergio Cittis zurück, der jedoch das Interesse verloren hatte und das Projekt Pasolini überließ (der auch für die Übertragung des Stoffes nach Salò verantwortlich war). "Ostia" ist ein ganz ähnlicher Fall - allerdings mit anderem Ausgang: Citti & Pasolini schrieben gemeinsam ein Drehbuch - genährt von autobiographischen Details Cittis -, das Pasolini dann jedoch aufgrund anderer Projekte (im Dunstkreis griechischer Mythologie) nicht mehr verfilmen mochte; schließlich konnte er Citti überreden, das Drehbuch in Szene zu setzen.
Mit seiner Besetzung - Franco Citti, Ninetto Davoli - und der unaufgeregten, kargen, aber keinesfalls willkürlichen Inszenierung sieht "Ostia" dann auch wie ein Pasolini aus. Das wird unterstützt durch die Züge einer grotesk-absurden Farce - wie man sie aus "La Ricotta" (1963), "Uccellacci e uccellini" (1966), "La Terra vista dalla luna" (1967) & "Porcile" (1969) kennt -, welche jedoch nicht das pessimistische Weltbild kaschieren können, welches selbst noch Pasolinis Trilogia della vita (1971-1974) ansatzweise durchzieht.

Wenn zwei sich freuen, ärgert's den Dritten. So ließe sich der pessimistische Blick in "Ostia" beschreiben, der eine ganz einfache Geschichte über Vatermord, Brudermord & Inzest erzählt: zwei Brüder ermorden [Achtung: Spoiler!] im Knabenalter ihren Vater, weil dieser ihr geliebtes Schaf Rosina geschlachtet hat. Jahre später - die Mutter der beiden ist längst in einer Isolierstation entschwunden -, gesellt sich eine junge Frau zu ihnen: man hat sie wie ein lebloses Fundstück im Freien aufgelesen und mit sich genommen. Bei einem gemeinsamen Bootsausflug in der Nähe von Ostia werden die drei bereits gewarnt: ein Fremder gibt den väterlichen Rat, dort lieber nicht zu segeln - dort sei der Strudel der Begierde, welcher alles verschlinge. Die Warnung wird missachtet - am Ende erschlägt dann ein Bruder aus Eifersucht den anderen.
Auffällig ist die strenge Gliederung der Ereignisse, die den Film in drei größere Blöcke unterteilt. Der erste Block beginnt - nach einem Besuch der Brüder bei ihrer Mutter auf der Isolierstation während des Prologs - damit, dass die Brüder Rabbino (Franco Citti) & Bandiera (Laurent Terzieff) von einem erfolglosen Coup zu ihren Gaunerfreunden zurückkehren. Mitgebracht haben sie bloß die Erinnerung an ein paar Perücken und an ein Gemälde, das eine schöne, nackte Blondine auf dem Rücken des Leibhaftigen zeigt. Am nächsten Morgen lungern die Freunde träge auf der Straße herum, als Fiorino (Ninetto Davoli), ein Mitglied ihrer Clique, herbeieilt und verkündet, er habe eine Frau gefunden. Man folgt ihm zu einer scheinbar leblos im Gras liegenden Frau (Anita Sanders) und trägt sie in das Heim der Brüder. Nahezu alle vergnügen sich mit der - vorher & nachher passiv & unbeteiligt bleibenden - Fremden, während die Brüder hingegen bloß uninteressiert in ihrer Küche hocken und sich dabei als enge Vertraute ohne Berührungsängste zeigen: Rabbino schneidet seinem Bruder fürsorglich die Fußnägel (und in einer späteren Gefängnis-Episode sind es erneut Rabbinos Hände, die gleichberechtigt neben Bandieras Füßen stehen), kurz darauf drücken sich beide Kopf an Kopf an die Tischplatte und lecken verschütteten Wein auf. Später wird nahegelegt, dass sich die Brüder im Knabenalter durchaus auch mal geküsst haben... oder sogar gemeinsam masturbiert haben. Als ihre Freunde dann nach ihrem Vergnügen das Haus der Brüder verlassen, suchen diese angeheitert die Fremde auf: doch sie schmeißen die Frau bloß als Fußmatte zwischen ihre Betten, werfen sorglos ihre Kleidung auf sie, legen sich in ihre Betten und ziehen vor dem Einschlafen mit derben Sprüchen über die Reglose her. Einige Zeit später scheint sich die Beziehung der Brüder zur Frau etwas entspannt zu haben: eine etwas rauhe Form der Zärtlichkeit beginnt sich einzustellen. Irgendwann führen die Brüder ihren misslungenen Coup erneut aus: die Fremde setzt den Brüdern die erbeuteten Perücken auf und verleiht ihnen mit etwas Schminke feminine Züge - Rabbino rotzt beim Anblick seines weiblichen, blonden Alter Egos im Spiegel diesem etwas verächtlich ins Gesicht. Auf einem ebenfalls erbeuteten Akkordeon stimmt die Frau einen Tango an, die Brüder tanzen dazu.
Auf diesen Moment der Ausgelassenheit folgt der zweite Block des Films: die Frau, inzwischen mit dem Namen Monica ausgestattet, berichtet von ihrem inzestuösen Akt mit dem eigenen Vater, die Brüder gestehen ihren gemeinsamen Vatermord. Die Episode des inzestuösen Tochter-Vater-Verhältnisses irritiert, weil die Bilder, die sich als Visualisierung des Berichts der Frau präsentieren, trotzdem die Perspektive des Vaters aufgreifen, der seiner Tochter - ohne dass sie etwas bemerken würde - auf die Brüste oder den Hintern starrt: als ob es weniger um ein inzestuöses Begehren des Vaters geht, sondern eher um ein Begehren der Tochter, vom Vater begehrt zu werden. Unabhängig davon, wie man den Wahrheitsgehalt ihres Berichts beurteilen will, geht es zunächst um einen gemeinsamen Friedhofsbesuch von Vater & Tochter: man steht offenbar am Grab der Mutter bzw. Ehefrau (wenngleich dem Grabstein zufolge eine Nonne dort ruht). Auf dem Rückweg trennt man sich zunächst; der Tochter werden von einem feschen jungen Mann Avancen gemacht, bis er sich in Vergewaltigungsabsicht auf sie stürzt. Ihre Hilferufe locken den Vater herbei, der den Angreifer verscheucht und dessen väterlichen Liebkosungen im Anschluss sehr schnell in den inzestuösen Akt - noch dazu den Akt der Entjungferung - münden. Die Brüder kommentieren den Bericht höchst einsilbig und liefern im Gegenzug die Geschichte ihres Vatermordes: Dieser hatte einst - zur Feier einer Versöhnung mit seiner Frau - das geliebte Haustier seiner Söhne geschlachtet und mit seinen Gästen verspeist. Der Trauer der Söhne begegnet er schroff, wenngleich nicht ohne liebevolle Zuneigung. Ihre Rache folgt kurz darauf: als der Vater angetrunken den Anarchismus preist und anschließend - die Marseillaise anstimmend - triumphierend auf die Fensterbank klettert, stoßen die Knaben den Vater in die Tiefe.
Es folgt der dritte Block des Films, der nach diesen Rückblenden wieder in die Gegenwart zurückkehrt (und sich ebenfalls in drei Teile spaltet). Die Berichte haben die Beziehung zwischen den Figuren endgültig aufgelockert. Gemeinsam fährt man an den Strand von Ostia und unternimmt eine gemeinsame Bootstour - bei welcher der erwähnte väterliche Rat erteilt wird, sich nicht dem Strudel der Begierde zu nähern. Die Frau schwimmt nackt umher, die Brüder bleiben im Boot, am Abend entfacht man ein Lagerfeuer am Strand und genießt die Nacht - der Kamerablick fängt die Frau gegen Ende hinter lodernden Flammen ein: der Teufel möglicherweise... schon von Sternberg meinte "The Devil Is a Woman" (1935). Zeit vergeht und die Brüder befinden sich - nicht zum ersten Mal - im Gefängnis... sie vertreiben sich mit mäßigem Erfolg die Zeit oder gehen zur Beichte; Bandiera pflegt nicht unbedingt einen demütigen Tonfall, gesteht aber die eine oder andere Schuld ein - Rabbino gesteht bloß Taten, sieht die Schuld allerdings bei anderen: nicht der Fluchende oder der Stehlende sei sündig, sondern diejenigen, die den Anlass zum Fluchen & Stehlen bieten würden. Vom Beichtvater lässt er sich zudem versichern, dass der Teufel in jeder Gestalt auftreten würde, die einen in Versuchung führe - die zu Beginn auf einem Gemälde präsentierte Vereinigung des Leibhaftigen und einer nackten Frau wird präzisiert: der Leibhaftige kann die Frau selbst sein. Irritierend fällt in dieser Beicht-Szene auf, dass Bandiera zwar allerlei Vergehen beichtet, im Hinblick auf Unkeuschheit allerdings nur für sich allein unkeusch gewesen sein will, während Rabbino dem Beichtvater von gemeinsamen Besuchen der Brüder bei Prostituierten berichtet. Wenig später wird Rabbino auch versuchen, seinen eigenen Bruder davon zu überzeugen, dass sie sich als Knaben auf den Mund geküsst hätten oder gar noch intimer geworden wären - Bandiera mag sich daran jedoch nicht erinnern. So uneindeutig wie Monicas Vater-Tochter-Beziehung wird auch die Beziehung der Brüder Bandiera & Rabbino inszeniert: was tatsächlich geschehen sein mag, was bloß imaginiert wird, bleibt offen. Dann kommt Monica zu Besuch: sie hat sich - um zu den Brüdern gelassen zu werden - als Verlobte Bandieras ausgegeben; vor dem Gefängnis warten derweil die Freunde der Brüder, die Monica begleitet haben, und führen ein kleines Tänzchen auf. Wieder allein in ihrer Zelle, macht sich zwischen den Brüdern erstmals ganz zaghaft die Eifersucht breit: Rabbino mag nicht glauben, dass Monica bloß zufällig Bandiera als Verlobten angegeben hat. Angesichts seines geringschätzigen Anspuckens des blonden, femininen Spiegelbildes mag dieser Verdacht durchaus zutreffend sein. Diese Eifersucht spitzt sich über gegensätzliche Perspektiven zu: während Bandiera in seinen Träumen das Schaf Rosina in Monica erblickt, weist Rabbino darauf hin, dass Monica eine Hure sei, die bereits jeder besessen habe - von den Brüdern einmal abgesehen. Balgereien unter der Brüdern gehören hin und wieder zum Gefängnisalltag. Schließlich kommt es zum Tag der Entlassung: die Brüder werden von ihren Freunden abgeholt und an den Strand von Ostia gebracht, wo Monica sie erwartet. Erneut unternimmt man eine Bootstour und begibt sich dorthin, wo der Strudel der Begierde liegen soll: diesmal springen alle drei ins Wasser und schwimmen umher. Erneut entfacht man ein Lagerfeuer am Strand: doch als Bandiera Holz sammelt und Monica sich nackt an Rabbino schmiegt, greift Bandiera zornig ein und würgt seine angebliche Verlobte. Rabbino greift ein und erschlägt seinen Bruder mit einem Holzscheit - sei es, weil er die Frau schützen will, sei es, weil er über das Ausmaß der Gefühle seines Bruders für die 'Hure' verärgert ist. Monica verschwindet unbeteiligt im Dunkel der Nacht, der Totschläger bleibt am Leichnam des Bruder sitzen: selbst am nächsten Morgen, als bereits erste Urlauber am eher unwirtlichen Strand auftauchen, harrt Rabbino noch bei dem Toten aus. Dann rudert er mit ihm auf das Meer hinaus und versenkt ihn.

"Ostia" ist zunächst vor allem eine skurrile Ménage à trois, bei der sich eine Frau zwischen zwei Brüder scheibt und sie wie ein Keil entzweit. Ob beide Brüder um die Frau konkurrieren, oder ob nicht vielmehr Rabbino & Monica um Bandiera konkurrieren, wird nicht vollständig geklärt, wenngleich viele Hinweise auf diese zweite Lesart eingestreut werden. Dieser Keil, der sich in Gestalt einer störenden dritten Partei entzweiend in eine Beziehung drängt, ist ständig präsent in "Ostia": Bereits die Beziehung der Brüder zu ihrem Haustier Rosina ist von einem zaghaften Konkurrenzgedanken geprägt, der sich jedoch noch nicht störend entfaltet. Die Beziehung zwischen Schaf und Brüderpaar wird erst durch den Vater jäh & hartherzig beendet. Dessen Beziehung zu seiner Frau wird wiederum durch seine Beziehung zu seinen Söhnen gestört: ihre Trauer stört die Versöhnungsfeier, das gemeinsame Singen der Marseillaise durch den Vater und die Söhne entzweit die frisch versöhnten Eheleute gleich wieder. Monica erzählt davon, dass - je nach Lesart und Interpretation des unbestimmbaren Wahrheitsgehalts - der Vater den Akt zwischen ihr und einem jungen Mann unterbricht bzw. ein Vergewaltigungsversuch die harmonisch-inzestuöse Vater-Tochter-Beziehung gefährdet. Bandiera mag Monica ein harmloses Glück mit Rabbino nicht gönnen, Rabbino mag das Glück zwischen Bandiera und Monica nicht dulden. Wie bei Kain & Abel, dem - nach biblischer Vorstellung - erstem aller (Bruder-)Morde, resultiert der Brudermord in "Ostia" aus dem Neid; Pasolini & Citti stricken um diesen archaischen Konflikt eine noch viel weitreichendere Konfliktsituation, die zum Bild einer pessimistischen conditio humana gerät, derzufolge zwangsläufig jede Beziehung durch äußere Einflüsse gestört wird, derzufolge jeder Mensch zu einer Gefährung der Harmonie anderer Mitmenschen gerät. Das wird aber - wie in "Uccellacci e uccellini" - nicht mit einem ausufernden Leidensgestus dargeboten, sondern als distanzierte, absurde Überspitzung, die sich kaum noch als tragisches Drama, sondern nur noch als parabelhafter Thesenfilm betrachten lässt: einen erheblichen Beitrag leistet dabei die Musikuntermalung, die bisweilen ironisch überhöht auf unangemessenes Pathos zurückgreift, vor allem aber ein heiteres Leitmotiv über die Bilder legt, welches mit dem wenig naturalistischem Schauspiel, den bewussten Unglaubwürdigkeiten und der sperrigen Kameraarbeit & Montage für eine ausreichend hohe Distanz sorgt.
Nebenbei kommt es zu einigen - sowohl im Hinblick auf Citti, als auch im Hinblick auf Pasolini biographisch geprägten - Aspekten, die den Figurenkonstellationen eine unglückliche Allgemeingültigkeit zu verleihen scheinen: wie so oft bei Pasolini sind hier die Mütter im Vergleich mit den Vätern bessere Menschen. Die Frau ist als Mutter geradezu heilig - wie die Nonne, an deren Grab Vater & Tochter stehen -, während sie ausserhalb der Mutterrolle eine satanische Verführung darstellt. Dass die Frau hier zunächst als Objekt eingeführt wird, über das die Männer rücksichtslos verfügen (das heißt in diesem Fall etwa: zu dritt eine Frau besteigen, um sie später als Hure kategorisieren zu können), weicht diese problematische Darstellung wieder auf - letztlich geht es womöglich doch bloß um das Bild, das Mann sich von der Frau macht (indem sie z.B. als Gefährtin des Teufels portraitiert wird), wenngleich Monicas unbekümmertes Entschwinden am Ende des Films auch solch eine Lesart wieder ein wenig untergräbt.

Reich an Pasolinismen, minimalistisch & schlicht in seiner Dramaturgie, eher komisch, weniger tragisch, uneindeutig und in seiner Botschaft nicht ganz ausgewogen: eine reizvolle Kuriosität.
6,5/10

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