Review

Der Maikäfer auf erdbebensicherem Gebiet

Ernst Held (Gerhard Polt) ist Ende 40 und Hotelfachmann. Jedenfalls tut er so. Sein Herz gehört nämlich eher der Lyrik als der Gastronomie, weshalb Ernst auch lieber Gedichte schreibt und Inspiration in der Muse sucht als Schnitzel mit Pommes zu servieren. Seine Gedichte über Bier und Gemütlichkeit will aber kein Mensch hören. Als ihn seine Gattin, die Frau Chefin, bei einer Liebelei mit einer Schönheitssalonangestellten erwischt, ist es vorbei mit dem Lotterleben: sie setzt Ernst wegen Pornographie mit Nymphomaninnen vor die Tür.
Nach einer Nacht am Münchner Hauptbahnhof verschlägt es unseren dichtenden Filou in ein kleines Eckrestaurant, wo ihm, wie es der Zufall so will, ein Job als Ober in den Schoß fällt.
Bei einem öffentlichen Wettbewerb für Nachwuchs-Künstler erntet Ernst mit seiner Lyrik Beifallsstürme. Die Medien werden aufmerksam und die Verläge reißen sich um ihn…

Die großen Weisheiten dieses Films: 

     1. Zeit x Zeit = Mahlzeit

     2. Brot + Zeit = Brotzeit 

     3. Jupp Heidi und Jupp Heida! Schnaps ist gut für Cholera!

Der Polt ist einfach klasse! Der ist einfach sagenhaft! …Wie, ihr kennt den Gerhard Polt nicht!? Das ist ein Bayer, so ein waschechter, host mi!? Ein Münchner Original. Ein richtiges Urviech, meinetwegen. Um genauer zu sein: er ist Kabarettist, Autor und Schauspieler. Ein Allround-Talent, wenn man so will. Aber hauptsächlich Kabarettist. Und das, obwohl der Gerhard gar nicht wie eine mordsmäßige Spaßkanone aussieht: Der Blick ganz ernst, die Stirn in Falten, die Mundwinkel schlaff nach unten hängend macht er eher den Eindruck eines Miesepeters und als ob er gleich böse rummosern oder über das Wetter schimpfen würde. Und das tut der Gerhard auch ganz oft und nimmt auf diese Weise die Bayrische Großkopfig- und Streitlustigkeit auf die Schippe. So kennen wir ihn z.B. auch aus „Man spricht Deutsh“.

Hier aber nicht. In „Herr Ober!“ grantelt Polt verhältnismäßig wenig. Hier lässt er granteln und zwar über sich, den lethargischen, bodenständigen Stammtisch-Poet mit der Weißbier-Mentalität, den „Boarischen Underdog“, der die Meinung der Münchner Künstler-Szene spaltet und am Schluss dem Rampenlicht den Rücken kehrt und vor den Profit-gierigen Verleger-Fuzzis und der Ausschlachtung in die Anonymität flüchtet.
Mit dem Aufstieg und Fall des „Gastro-Poeten“ Ernst Held nimmt Polt ganz heimlich, dafür aber umso böser Presse, Medien, das Konsumdenken und die Oberflächlichkeit der Münchner Schickimicki-Gesellschaft aufs Korn und zeigt auf, dass künstlerische Freiheit und Unabhängigkeit nur soweit gehen bis sie mit Geldmacherei und Erfolg in Berührung kommen, wodurch dann die Kunst zum Konsumgut, zur Ware verkommt.
Somit nimmt die Geschichte von „Wirtshaus-Goethe“ Ernst Held ein mehr als realistisches Ende und Polt zieht das traurige Plädoyer: Individualität ist gut, aber Wirtschaftlichkeit ist besser.

Polt an sich – egal ob er im Hofbräuhaus Amerikanischen Touristen einen „Good Appetite!“ wünscht, Känguruschwanzsuppe schlürft oder in gebrochenem Hochdeutsch über biergärtliche Gemütlichkeit und Maikäfer philosophiert – ist hier jedenfalls absolut in Hochform und liefert mit „Herr Ober!“, seiner ersten und einzigen Regiearbeit, einen überaus sympathischen und dezent witzigen Streifen ab.
Über Geschmack lässt sich freilich streiten, als echter Bayer sollte man Polt aber eigentlich schon mögen, wenigstens so ein bisschen.


„Das ist ja eine Leber, so jungfräulich wie von einem Fundamentalisten.


Fazit:
Humor, so trocken wie eine Leberkässemmel ohne Senf.
Bayrisch herb – einfach pfundig!

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