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Der hohe KGB-Funktionär Sergej Marenkow (ROBERT SHAW)beschließt, das kommunistische System von innen zu unterwandern, nachdem seine Frau aufgrund einer Intrige in den Tod getrieben wurde. Er schmuggelt jeden Monat eine Audio-Kassette mit Insider-Informationen an Bord des Nachtzugs Moskau-Basel, die dann von einer eigens dafür geschaffenen Sondereinheit unter der Leitung von Col. Wargrave (LEE MARVIN) in die USA transportiert wird.
Als das Informationsleck entdeckt wird, fürchtet Marenkow, aufzufliegen. In einer Nacht- und Nebel-Aktion wird er, während er einen Kongress in Bukarest besucht, von Col. Wargrave mit einer Privatmaschine nach Mailand geflogen. Ein direkter Flug in die USA ist nicht möglich, da aufgrund einer Schneekatastrophe alle Flughäfen in Europa geschlossen wurden - mit Ausnahme des Flughafens von Amsterdam. Aus diesem Grund muss er den Atlantik-Express benutzen, der von Mailand über Zürich, Basel, und Köln nach Amsterdam fährt. Marenkows Verfolger, unter Leitung seines Widersachers Bunin (MAXIMILIAN SCHELL), setzen indes alles daran, den Überläufer zu liquidieren, und lösen eine Lawine aus, um den Zug zu stoppen...

Das ist die Ausgangssituation für Mark Robsons hochkarätig besetzten Actionthriller, der den klassischen Spionage/Agentenkrimi mit Stilelementen des seinerzeit populären Subgenre des Katastrophenfilms kreuzt. Die Handlung des Films folgt, mit geringfügigen Abänderungen, weitestgehend der gleichnamigen Romanvorlage von Colin Forbes.
Robson, der im Actionfilm durch Werke wie DIE BRÜCKEN VON TOKO-RI, COLONEL VON RYANS EXPRESS oder SIE FÜRCHTEN WEDER TOD NOCH TEUFEL kein unbeschriebenes Blatt war, inszenierte bereits 1974 mit ERDBEBEN einen der Klassiker des Katastrophenfilms und legte mit eindrucksvoller Tricktechnik Los Angeles in Schutt und Asche. In LAWINEN-EXPRESS ist der Aufwand zwar geringer, doch die Szenen, in der eine Lawine durch Sprengung ausgelöst wird und ein kleines Dorf unter sich verschüttet, sind tricktechnisch über jeden Zweifel erhaben und mit sehr viel Dramatik in Szene gesetzt. Dem gegenüber stehen mehrere, auffällig erkenntlich mit Miniaturmodellen umgesetzte Sequenzen, die die Aufnahmen des fahrenden Zuges durch das verschneite Gotthardmassiv nachstellen. Die zahlreichen Actionszenen erreichen zwar nicht das Niveau eines Bond-Films, sind aber im Großen und Ganzen solide umgesetzt. Einzig und allein die Faustkämpfe sind steif inszeniert, während Feuergefechte und Explosionen ihre Wirkung nicht verfehlen.

LAWINEN-EXPRESS entführt den Zuschauer auf eine unterhaltsame und streckenweise spannende Fahrt durch europäische Original-Schauplätze wie Mailand, Zürich und Basel, und ist dabei bis in die kleinsten Nebenrollen mit bekannten nationalen wie internationalen Top-Stars besetzt. Hollywoods alter Haudegen LEE MARVIN (CAT BALLOU, DAS DRECKIGE DUTZEND), ROBERT SHAW (Bond-Gegenspieler in LIEBESGRÜSSE AUS MOSKAU, DER WEISSE HAI, FORCE 10) und MAXIMILIAN SCHELL (DAS URTEIL VON NÜRNBERG, DIE AKTE ODESSA, DER RICHTER UND SEIN HENKER) bilden die Speerspitze des Darsteller-Ensembles, dem sich US-Serienstars wie LINDA EVANS (DER DENVER-CLAN) und MIKE CONNORS (MANNIX) anschließen. HORST BUCHHOLZ (DIE GLORREICHEN SIEBEN) und CLAUDIO CASSINELLI (DER TOD TRÄGT SCHWARZES LEDER) spielen dabei in ihren kleinen Rollen weit unter Wert, während Deutschlands "Nazi"-Export GÜNTER MEISNER (DER MÖNCH MIT DER PEITSCHE, THE BOYS FROM BRAZIL) und KRISTINA NEL (DERRICK) das Darsteller-Aufgebot ergänzen. DAVID HESS (THE LAST HOUSE ON THE LEFT, WENN DU KREPIERST - LEBE ICH) spielt den Anführer der Geiger-Gruppe, einer terroristischen Vereinigung ähnlich der damals in Deutschland aktiven RAF.

Trotz seines Unterhaltungswerts erscheint LAWINEN-EXPRESS gegen Ende uninspiriert. Vor allem das abrupte Finale wirkt, einfallslos wie ein loses Stück, in die Handlung gefügt - was vermutlich mit den erschwerten Produktionsbedingungen zusammenhängt: während der Dreharbeiten verstarben ROBERT SHAW und MARK ROBSON. Der Regisseur wurde, ohne dass er namentlich erwähnt wurde, von dem Cutter MONTE HELLMAN (Schnitt für EASY RIDER, DIE KILLER-ELITE) ersetzt, während ROBERT SHAW gedoubelt und nachsynchronisiert werden musste.
Trotz seiner Makel ist und bleibt LAWINEN-EXPRESS ein bekannter Vertreter der 70ies - auch wenn jede Menge Action nicht über die Behäbigkeit und Einfallslosigkeit der Story hinwegtäuschen können. Letzten Endes zählt der Unterhaltungswert - und in dieser Beziehung weiß LAWINEN-EXPRESS angenehm zu unterhalten.

Der Film ist bislang nur als VHS-Kassette vom Label FOX erhältlich und erfreut sich angesichts seiner Seltenheit eines gewissen Sammlerwertes. Zur Besprechung lag mir jedoch eine nicht lizensierte DVD vor, die in bestimmten Kreisen und Auktionshäusern als sogenannte "Börsen-DVDs" kursieren - dabei aber nichts weiter sind als die gebrannte Variante des Bootlegs. Die Bild- und Tonqualität sind allerdings hervorragend, offenbar diente die US-DVD als Master. Auch das Cover-Artwork, dass das klassische Plakatmotiv darstellt, weiß durchaus zu gefallen. Dennoch ist vom Kauf solcher "Veröffentlichungen" dringend abzuraten!

6,75/10

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