Scharfschützen haben einen einsamen Job. Sie lauern oft stundenlang auf den einen Schuss, den sie überdies nur vielleicht abgeben werden. Verfehlen sie ihr Ziel, oder treffen gar den Falschen, ist die Mission gescheitert. Sind sie erfolgreich, wird wenig Aufhebens darum gemacht. Das unpersönliche Töten auf große Entfernung erfordert spezielle Charaktere. Kalt, nüchtern, sachlich und professionell sollten sie sein. Nachdenklich und emotional eher weniger.
Der Hongkong-Thriller The Sniper befasst sich nicht nur mit Berufsalltag und Anforderungsprofil einer polizeilichen Scharfschützeneinheit, sondern leuchtet auch die psychischen Begleiterscheinungen und Belastungen dieser Profession aus. Regisseur Dante Lam entfaltet zu diesem Zweck ein klassisches Dreiecksdrama, bei dem die Figurenzeichnungen durchaus in einem ausgewogenen Verhältnis zu den Actioneinlagen stehen. Eine kluge Entscheidung, hält doch sonst die konventionelle Handlung um diverse Sniper-Einsätze wenig Überraschendes parat.
Vier Jahre ist es her, dass Lincoln (Xiaoming Huang) - das größte Sniper-Talent der Hongkonger Polizei - vom Dienst suspendiert wurde. Entgegen dem Befehl seines Vorgesetzten hatte er einen Schuss abgegeben und dadurch eine Geisel getötet. Bei der anschließenden Untersuchung bestätigt Lincolns Konkurrent um die Teamleitung (Hartman) die Theorie für die Notwendigkeit des Schusses nicht, so dass Lincoln ins Gefängnis muss. Inzwischen ist Hartman (Richie Ren) zum Teamleiter befördert worden und protegiert den jungen Streifenpolizisten OJ (Edison Chen). Als Gangsterboss Tao Jip (Jack Kao) von seiner Bande befreit werden soll, versucht Hartmann die Aktion zu vereiteln, wird dabei aber von einem Scharfschützen aus dem Hinterhalt empfindlich gestört. Lincoln ist zurück und sinnt auf Rache ...
Die interessanteste Figur des Films ist eindeutig der besonnene Hartman. Seine Existenz und Führungsrolle ist gleich doppelt durch zwei jugendliche Heißsporne bedroht. Einerseits taucht der einst ausgebootete Lincoln wieder auf der Bildfläche auf und droht Hartmans Team durch diverse Sabotageakte und die Zusammenarbeit mit Gangsterboss Tao Jip aufzureiben. Andererseits sind die herausragenden Fähigkeiten des ebenso talentierten wie ehrgeizigen OJ eine klare Kampfansage an Hartmans Führungsanspruch.
Dass der Film insgesamt aber mehr das Duell zwischen Lincoln und Hartman fokussiert ist der mit allerlei Schwierigkeiten behafteten Post-Production des Films geschuldet. Ein Pornoskandal um OJ-Darsteller Teenie-Idol Edison Chen (Dog Bite Dog, Infernal Affairs) machte eine schnelle Kinoauswertung des bereits 2007 abgedrehten Thrillers unmöglich. Mit einem Hauptdarsteller Chen war vor allem in Hongkong zu diesem Zeitpunkt kein Staat zu machen. Man kann davon ausgehen, dass sein Part zugunsten der beiden filmischen Rivalen gekürzt wurde. Zumal Chens Figur zu Beginn des Films deutlich im Vordergrund steht.
Diese erzwungene Beschneidung ist dem Film zwar durchaus anzumerken, trotzdem hat Lam noch genügend narrative Substanz erhalten können, um ein routiniertes und spannendes Thrillerdrama abzuliefern. Die edle Optik - es gibt eine Vielzahl ungewöhnlicher Kameraperspektiven und schicke Panoramabilder der Hongkonger Skyline - sowie zahlreiche wuchtig inszenierte Shootouts werten den Film zusätzlich auf. Dabei verkommen die Actionelemente nie zum Selbstzweck, sondern unterstützen die langsam aufgebaute Konfliktsituation. In der zweiten Filmhälfte nehmen sowohl Häufigkeit wie auch Vehemenz der Actionszenen zu und symbolisieren damit auch geschickt die eruptive Entladung der zwischen dem Hauptdarstellertrio angestauten Aggressionen.
Fazit:
The Sniper ist zwar kein Meilenstein des Hongkongkinos, zeigt aber wieder einmal eindrucksvoll dessen Stärke, Action und Drama zu einer homogenen Einheit zu verbinden. Die aufgrund produktionstechnischer Probleme verkleinerte Rolle von Hauptdarsteller Edison Chen lässt die angelegte Dreiecksgeschichte sicherlich etwas unausgegoren erscheinen, dennoch werden Freunde stylischer Actionthriller vor allem in Punkto Optik, Spannung und Intensität der zahlreichen Schießereien auf ihre Kosten kommen.