Nach den ganzen Überhäufungen von Titeln - mehrere kleine Filmpreise -, die dem Cover zu entnehmen sind, sollte dem Zuschauer wohl ein kleines Meisterwerk bevorstehen. Doch dazu später mehr. Seinen Anfang findet der Film beim Fund einer scheußlich entstellten Kinderleiche, die Säure verätzt in einer Art Kanalisation gefunden wird. Es besteht praktisch kein Zweifel daran, dass es sich bei der Kinderleiche um die Tochter von Claudia und Marc handelt. Fünf Jahre vergehen, bis Claudia eines Tages einen Anruf von ihrer Tochter erhält, in dem sie sie darum bittet, sie dort rauszuholen, bevor sie ihr weh tun oder sie sogar umbringen. Soviel zur bekannten Story, die vielleicht guten Stoff bieten könnte.
In seinem nun dritten Film hat Jaume Balagueró versucht, seinen Stil weiterzuentwickeln und Parallelen zu seinen zwei Kurzfilmen sind sicher kein Zufall. So schafft es der Film zwischenzeitlich eine beachtlich dichte Atmosphäre zu erzeugen, die einen schon mal im Sessel versinken lässt. Aber leider nur zwischenzeitlich, da die Atmosphäre in diesem Film recht unbeständig ist. In manchen spannenden Szenen wird vereinzelt ein greller verzogener Ton eingespielt, der eher an eine Comicverfilmung erinnert und überhaupt nicht ins Geschehen passen will. Hier muss man Jaume Balaguerós ersten Kurzfilm betrachten, um zu verstehen. Sein erster Film "Alicia" war ein Kunstfilm im wörtlichsten Sinne und spielte mit wahrer Vorliebe mit solchen Toneinspielungen - dort auch passend. In The Nameless ist diese Art der Umsetzung eher weniger dienlich gewesen.
Mindestens die erste halbe Stunde des Films ist der Zuschauer eigentlich nur damit beschäftigt zuzuschauen, wie Claudia leidet und immer hysterischer wird. Über den Film gesamt gesehen, sind manche Dialoge etwas flach geraten und versuchen evtl. teils lustig zu sein, zerstören dabei letztendlich nur das letzte Bisschen Atmosphäre. So hat sich z.B. gerade eben durch eine heftige Auseinandersetzung mit dem Ex-Polizisten Bruno - wegen ihrer Tochter - eine gute Atmosphäre aufgebaut, da endet Claudia, als sie wieder allein ist, sinngemäß mit dem Satz: "Ich habe vergessen die Goldfische zu füttern, sie werden sterben." Ich glaube zu wissen, dass darin kein philosophischer Hintergrund steckt und kann mit Sicherheit sagen, dass man sich hätte diesen Kommentar sparen können. Genauso wird über „die Namenlosen" viel geredet, aber letztendlich wenig gesagt. Am Ende hat man eben einen Haufen Leute im Hinterkopf, die „das pure Böse in seiner reinsten Form und höchsten Ekstase" beschwören wollen. Weitere Angriffspunkte für philosophische Überlegungen werden in der Story meist nicht zugelassen, am Ende fühlt man sich nicht schlauer.
Ein großes Lob geht aber an die Soundkulisse im Allgemeinen, die den Großteil der Atmosphäre erzeugt und versteht diese auch zu halten. Diverse brutalere Szenen tragen genauso dazu bei, auch wenn sie manchmal so wirken, als hätte man sie nur zum „Spaß am Blut" eingestreut. Ebenfalls sehr gut gelungen sind Kameraführung und Schnitt, die einen großen Teil zum Unbehagen beim Zuschauer beisteuern.
Auf dem Cover steht wörtlich: "Der Film mit dem schockierendsten Ende seit 'Sieben'". Für manche Leute mag das Ende vielleicht "schockierend" sein, aber mit "Sieben" will es auf keinen Fall verglichen werden. Der Film endet mit einem der dämlichsten Sätze, den man sich in einem solchen Zusammenhang vorstellen kann; ja fast schon lächerlich. Meiner Meinung nach ist das Ende völlig fehl am Platz, aber das soll jeder für sich selbst entscheiden.
Fazit:
Ein mittelprächtiger Schocker, der es teils aber durchaus versteht eine dichte Atmosphäre zu spinnen. Durch verschiedene Ungereimtheiten ist mir jedenfalls des Öfteren diese gute Atmosphäre vergangen und das Ende setzt dem Ganzen die Krone auf. Nur für Leute, die eine Schocker-Sammlung betreiben oder einfach mal was mehr oder weniger anderes sehen wollen.
7/10