Review

„Gerry“ ist Minimalismus pur.
Zwei Freunde verirren sich in der Wüste. Einer stirbt. Der andere nicht.
So sieht der Plot aus, und es wird schnell klar, dass er definitiv nicht das Wichtigste an diesem Film ist. Der Film setzt mit einem Trackingshot ein, der das Auto der beiden beim Befahren eines Wüstenhighways zeigt. Die Kamera nähert sich allmählich, schließt irgendwann auf, entfernt sich aber dann wieder, und das über mehrere Minuten. Dann der erste Schnitt: eine Vorderansicht des Autos, erstmals sind die Gesichter von Matt Damon und Casey Affleck zu sehen. Dann wieder ein Schnitt, wieder das gleiche Spiel wie in der ersten Einstellung. Die einzige musikalische Begleitung ist dezentes, geradezu schüchternes Klavierspiel. Ja, „Gerry“ ist ganz klar ein Film, auf den man sich einlassen muss.
So stellt dieser Anfang auch gleich die Aufnahmeprobe für den Zuschauer dar. Wer hier schon genervt mit den Augen rollt und ständig auf die Uhr schaut, sollte gleich abschalten. Wenn man hier aber noch guter Dinge ist, hat man zumindest eine Chance. Die beiden Freunde, beide heißen übrigens Gerry, stellen ihr Auto ab und machen sich in der Wüste auf die Suche nach „dem Ding“, irgendeinem Touristenziel, das nicht näher definiert wird. Als sie jedoch nach einiger Zeit ziemlich genervt vom vielen Wandern sind, beschließen sie umzukehren. Dabei müssen sie allerdings feststellen, dass sie völlig die Orientierung verloren haben. Die eingangs noch recht lockere Stimmung wandelt sich bald in Hilflosigkeit und Verzweiflung, der harmlose Ausflug wird zum Überlebenskampf.
Gerade die erste Hälfte des Films ist zugegeben sehr schwierig. Es passiert quasi nichts, außer dass die beiden Gerrys in minutenlangen Breitwandeinstellungen durch die Wüste stapfen, um sie herum nur Sand und Fels. Dialoge sind selten und bestehen meist nur aus improvisierten Oberflächlichkeiten. Es ist nicht überraschend, dass viele den Film als langweilig und einschläfernd bezeichnen. Doch die Ausweglosigkeit der Situation, die Übermacht der Natur und die Hilflosigkeit der Menschen in ihrem Angesicht, könnte nicht besser abgebildet werden.
In der zweiten Hälfte wird es dann zunehmend beunruhigender. Die beiden Gerrys werden einander immer fremder. Während Damon weiterhin versucht Ruhe auszustrahlen, gibt sich Affleck ganz der Verzweiflung hin und beginnt sogar zu halluzinieren. Sie sprechen überhaupt nicht mehr miteinander, sondern schlurfen nur noch ziellos weiter. Einen Höhepunkt, wenn man denn bei der monotonen Inszenierung von so etwas reden kann, stellt für mich die ewig lange Sequenz dar, in der die Gerrys gen Sonnenaufgang laufen und schließlich völlig erschöpft zusammenbrechen. Die Kameraführung ist hier, wie auch im übrigen Film, gerade wegen ihrer zurückhaltenden Art grandios, die Musik sorgt ähnlich wie am Anfang für die richtige Atmosphäre.
Es ist nicht eindeutig, was die Intention des Films ist, aber auch hier hilft die Einteilung in zwei Hälften. Die erste Hälfte behandelt eher die Hilflosigkeit des Menschen im Angesicht der Natur. Das Wesen, das sonst so große Stücke auf sich hält, muss feststellen, dass es ohne Technik, ohne Hilfsmittel, ohne Landkarte oder Wegweiser völlig verloren ist. Unheimlich klein und unbedeutend wirkt der Mensch inmitten all der Berge und dem Sand, in einigen Einstellungen muss man Damon und Affleck sogar erst mal suchen.
In der zweiten Hälfte stehen dann die menschlichen Konflikte im Vordergrund: die zwei Freunde, die sich in einer solchen Extremsituation immer fremder werden, bis keiner mehr die Anwesenheit des anderen ertragen kann, was letztendlich zu vollkommen irrationalem, nur noch auf die Urtriebe reduziertem Handeln führt.
Der Film ist wie bereits erwähnt gewiss nicht einfach, und wenn man sich nicht von Anfang an auf ihn einlässt, ist der Rest auch nutzlos, letztendlich muss jeder für sich selbst entscheiden, was er daraus mitnimmt. Gus van Sant jedenfalls scheint hier endlich seinen Stil gefunden haben. Zwar hat er bereits durch einige Filme vorher Aufmerksamkeit erregen können, doch war es unmöglich, einen van Sant Stil zu erkennen. Die mir bekannten sind „To Die For“, eine ganz nette Mediensatire, „Good Will Hunting“, ein typisches Hollywooddrama, „Psycho“, dessen Zweck mir seit jeher schleierhaft bleibt. „Gerry“ war somit eine deutliche Abkehr von allem, was er vorher abgeliefert hat, radikal und alles andere als massenkompatibel, ein stilistischer Wegweiser zum inszenatorisch in eine ähnliche Kerbe schlagenden Meisterwerk „Elephant“.
Minimalistisches Kino für den geduldigen Zuschauer.

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