Hinweis: Da ist gleich ein Spoiler drin, aber wen das stört, kann den Film eh nicht verstehen.
Zwei Wahrheiten vorweg:
1. Es gibt ihn doch: Einen guten Matt-Damon-Film, nämlich Gerry. Team America zählt ja leider nicht, weils ein Puppenfilm ist.
2. Es gibt sie noch: Filme, die man ausschließlich im Kino sehen MUSS, weil sie auf der Glotze nicht funktionieren KÖNNEN. Ein Beispiel ist Inland Empire, denn in diese dreistündige Welt kann man nur durch den schwarzen Kinosaal gezogen werden, und eben Gerry, nicht nur wegen dem Cinemascope.
Man kann dies durchaus als Warnung verstehen. Glaubt mir: Wer sich Gerry auf Dvd anschaut, wird sowas von wegratzen, daß es nur so kracht. Es passiert nämlich nichts.
Zwei Gerrys latschen durch die Wüste. Punkt. Hundert Minuten.
Die ultimative filmische Umsetzung der Gründe für Schulmassaker und Selbstmorde, Elephant und Last Days, den andern beiden –im Vergleich hierzu fast schon Action- Filmen aus van Sants Todestrilogie.
Die Jugend im 21.Jahrhundert, und da ist nichts. Im Gegensatz zur Siebziger-Depression, aus der aus Perspektivlosigkeit eine Aggression namens Punk entstand, entsteht heute aus Perspektivlosigkeit nur noch Regression, der Abschied von der Welt, mit (mindestens) einem Knall, denn einfacher Selbstmord ist heute dann doch zu unspektakulär. Wenn sonst schon nichts geschaffen wurde, muß die Auslöschung wenigstens kreativ sein. Gefrustete Teenies mit Body-Count-Märtyrer-Wettbewerben und Kurt Cobain mit Gehirn-Rorschach-Tests. Die stumpfen „Gespräche“ der Gerrys beschreiben treffend die komplexe Hirnstruktur eines American Pie-Zuschauers.
Ein Freund von mir hat sich mal Andy Warhols Sleep im Kino angesehen, in der „kurzen“ Zwei-Stunden-Version. Er hat sich eine halbe Stunde nach Filmbeginn im Kinosaal mal umgedreht und das ganze Kino hat gepennt. Klassenziel erreicht, Herr Warhol. Bei Gerry kann man zwischendurch mal Pinkeln oder sogar Kacken gehen, denn da ist nichts, was man versäumen könnte, außer EINEM Special-Effect, der leider ( absichtlich?) relativ simpel-lausig gemacht ist. Man fängt an, sich die Landschaftsbilder genauer anzukucken, man fragt sich, wieviel Meter Schienen für diese und jene Kamerafahrt gemessen an der Brennweite wohl verlegt wurden. Man fragt sich, ob Affleck und Damon wirklich Drehbuch-Co-Autoren waren, oder ob van Sant ihnen nur gesagt hat: „Labert einfach drauf los!“ und sie dann auf Damons Druck hin doch noch Co-Autoren nennen mußte. Und ab und an kuckt man aufs lautlos gestellte Uhr-Ersatz-Handy. In „meiner“ Vorführung waren sechs Menschen, mich und meine Begleitung mitgerechnet und ungefähr nach einer Stunde fing das gediegene Pärchen vor uns zu lachen an und ich wußte genau warum: Die Verwunderung ob des eigenen Konsum-Masochismus, sich sowas komplett anzukucken. Aber gegangen ist trotzdem keiner. Denn wer in sowas reingeht, sollte wissen, was ihm blüht.
Kino, das einen auf sich selbst zurückwirft.
Ein meditatives Experiment über die eigene Befindlichkeit im 21.Jahrhundert.
Ein Film über Menschen, für die sogar ein Fight Club keinen Sinn mehr macht.
Genauer gesagt ist Gerry die Kehrseite von Finchers Film (oder Palahniuks Buch). Fight Club will einer verlorenen Generation noch Mut machen, Gerry hat schon längst aufgegeben. Fragt sich nur, was als Statement provokativer und progressiver ist: Die Filme mit oder die ohne Lösungen?
Woraufhin sich aber als Konsequenz auch das Hauptmanko von Gerry ergibt: Van Sants intellektuelle Ignoranz. Die Einen, das Zielpublikum, kann das eigene passive Konsumverhalten und die dadurch akzeptierte Totalverblödung nicht einmal mehr mit Aktivität beantworten, sondern nur noch mit Unverständnis und noch mehr Desinteresse an seiner Umwelt und sich selbst bestätigen („Schnell raus aus diesem Scheiß, bloß schnell mich wegdröhnen!“) und die Anderen, die verkopften Lobeshymnen- Essayisten, wußten das je eh schon (immer besser). Hm?
Meines Erachtens hätte der Film auch genau 138 Minuten dauern können, ganz einfach, weil er damit in Amerika unter Überlänge fallen würde, und dann leider der Box-Office-Hit in diesem Fall ein bischen geschmälert würde. Oder kommt noch ein Directors Cut? Außerdem hätte mich interessiert, wo die Pause angesetzt gewesen wäre. Nach dem linken oder dem rechten Hügel? 100 Minuten ist für sowas schon sehr gefällig, Herr van Sant!
Und die Höchstpunktzahl kann ich nur deshalb nicht vergeben, weil Matt Damon sogar in diesem Film noch der ist, der zum Schluß überlebt. Hat dieses extrem minderwertigkeitskomplex-behaftete männliche Gegenstück zu Demi Moore eigentlich eine Held-Klausel in seinen Verträgen?