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"Sieben" - das sind die sieben Todsünden der Bibel: Maßlosigkeit, Habsucht, Trägheit, Zorn, Hochmut, Wollust und Neid. Mit diesen Todsünden sehen sich auf einmal die beiden Detectivs Somerset und Mills konfrontiert - und das auf zugegeben ungewöhnliche Art und Weise.

Was zunächst wie ein gewöhnlicher Mordfall aussieht stellt sich nämlich alsbald als Ritualmord heraus. Ein Mörder visualisiert die Todsünde "Maßlosigkeit" durch sein Opfer, einem Fettwanst, der sich zu Tode fressen mußte. Sein nächstes Opfer ist ein Anwalt, dessen Mord verkörpert die Todsünde der Habsucht. Ein Serienkiller ist am Werk, psychopathisch genug diese Taten auszuführen, intelligent genug sie akkurat zu planen und vorallem so gekonnt vorzugehen, daß er den ermittelnden Beamten immer einen Schritt voraus ist.

Dabei wollte sich Somerset eigentlich in den wohlverdienten Ruhestand verabschieden und Nachfolger Mills während seiner letzten verbleibenden Dienstwoche einarbeiten. Eher ruhig hat sich Somerset seine letzte Woche vorgestellt, der Todsündenkiller paßt ihm so gar nicht in den Kram. Eigenbrötler war er schon immer, aber so gesellt sich nun auch Mißmut hinzu, den er an dem jungen ehrgeizigen Mills gnadenlos ausläßt.

Fincher verfilmte nicht nur auf geniale Art und Weise die Thematik an sich, sondern inszeniert auch perfekt die Beziehungen der Charaktere untereinander. Sauber und ausführlich werden die Persönlichkeiten herausgearbeitet. Erst langsam und durch die Vermittlung Mills Ehefrau finden die ungleichen Detectivs zueinander und können dadurch bedingt konstruktiv zusammenarbeiten.

Konflikte, Freundschaft, Ermittlungsarbeit, Dialoge und Bilder der Morde bestimmen den Film. Spannung wird nicht durch Action gebildet, sondern durch Kopfarbeit der Zuschauer. So werden uns nie die Morde an sich gezeigt, sondern erst deren Ergebnisse. Das ganze zeichnet Fincher in einem dreckigen Farbton, der uns in eine düstere Stimmung versetzt, passend zum Hintergrund des Films. Die Großstadt wird kalt und unbarmherzig, dreckig und wüst beschrieben, untermalt von den Bedenken Mills Ehefrau und deren Einsamkeit, von Somersets Schlaflosigkeit und seinen Wunsch diesen Job so schnell als möglich aufgeben zu können. Die Bilder sind schwarz, braun, verregnet, die Musik unterstützt die Visualisierung durch düstere Mißklänge (Höhepunkt ist David Bowies "The Hearts Filthy Lesson" zum Abspann). Das Ergebnis ist ein packender, spannender und nervenaufreibender Psychothriller der völlig zurecht bis heute die Referenzmarke des Genres darstellt.

Somerset, gespielt von Morgan Freeman, lebt seinen Sarkasmus dem Leben und Leiden der Opfer voll aus, dabei steht er stets über den Dingen und hat den Funken Lebensfreude der einst in ihm keimte nie vergessen. Ohne gesunde Resignation wäre er wohl schon längst an seinem Job gescheitert ("Telefon." - "Das ist der Deal, gehört zum Büro dazu"). Brad Pitt darf als weinerlicher Beau einmal mehr den weiblichen Zuschauern imponieren, seine Art paßt aber zur Rolle des David Mills ausgezeichnet. Überragend ist allerdings beinahe schon selbstverständlich Kevin Spacey, dem mit dieser Rolle des Serienkillers John Doe der endgültige Durchbruch gelang. Seine Mimik, seine gesamte Körpersprache schaffen eine Figur, die so realistisch und nachvollziehbar, verständlich und auf schaurige Art teilweise fast sympathisch auf den Rezipienten wirkt, daß all sein Tun im Nachhinein erklärt und Glaubwürdigkeit verleiht ("Was ist da?" - "Ein toter Hund." - "Bin ich nicht gewesen").

David Fincher schuf sein Meisterwerk, bislang sein größter Film, unbestreitbar auch der beste des Genres. "Sieben" ebnete den Weg für zahlreiche Psychothriller, gab das beliebte Milieu und Charakterstudien vor, auf die sich die Nachfolger stützen, ohne daß diese Vorlage an Faszination verloren hätte. "Sieben" ist ein Muß, ein Meilenstein der Filmgeschichte und Pflicht für jeden Cineasten.

(10/10)

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