Sieben ist der mit Abstand beste Serienmörderfilm aller Zeiten. Mehr sollte es zu diesem Film nicht zu sagen geben, aber jetzt folgt eine wahre Lobeshymne, also alle Mann bitte die Schleimschutzbrillen aufsetzen:
Fangen wir mal mit dem unwichtigst anmutenden an: Die Schauspieler sind allesamt auf dem Höhepunkt ihres Schaffens, jede Rolle ist scheinbar perfekt besetzt (außer vielleicht Gwyneth Paltrow, aber sie ist da ja gerade am Anfang ihrer Karriere).
Kevin Spacey verleiht seiner Rolle eine unheimlich diabolische Aura, die er im gleichen Jahr mit "Die Üblichen Verdächtigen" unterstreichte, und macht sich damit fast schon unsterblich.
Morgan Freeman spielt den gealterten zynischen ruhigen Ermittler mit einer solchen Weltmännigkeit, dass es edler kaum noch geht.
Brad Pitt verkörpert den Hitzkopf mit einer solch wütenden Intensität, dass es einem am Ende fast selbst weh tut.
Das Zusammenspiel der beiden Ermittler erinnert zuweilen an das Beste was das Kino je hervorbrachte, wenn es darum geht, alter Hase und Neuling im Business auf der Leinwand zu vereinen: Jean Gabin und Alain Delon.
Die beiden Franzosen haben lediglich drei Filme miteinander gedreht (allesamt Klassiker), und genauso funkt es zwischen Freeman und Pitt auch auf der Leinwand, ebenso ist auch dieser Film nun ein Klassiker.
Nun zum Drehbuch:
Es ist einfach nur perfekt. Nicht nur dass ein spannender Plot serviert wird, der den Zuschauer immer aufgeregter und unruhiger werden läßt, nicht nur dass ein Mord scheinbar grausamer ist als der vorangegangene, nein, die Gespräche, Diskussionen der Protagonisten miteinander oder mit anderen leuten, alles stimmt und ist in sich geschlossen.
Wenn Freeman und Pitt in der Kneipe sitzen und sich über ihre Auffassungen unterhalten, so wird in drei Minuten erklärt, wofür mancher Stammtisch den ganzen Abend bräuchte. Kurz, knapp, prägnant.
So auch, dass man bei einer Vergewaltigung nicht um Hilfe, sondern laut Feuer schreien sollte.
Solche kleinen Details machen das Drehbuch zu einem perfekten Script.
Denn gleichzeitig zum Serienkiller- und Buddymovie ist dies auch ein Kommentar zu unserer heutigen Gesellschaft: Wenn beispielsweise einer ein Jahr lang in seiner eigenen Wohnung gefoltert wird und der Vermieter ihn dennoch für einen guten Mieter hält, weil immer die Miete rechtzeitig gezahlt wurde.
Die Kameraführung ist einfach nur revolutionär: In braunstichigen Bildern wird eine deprimierende, dauernd regnende Welt dargestellt, und auch als im Finale die Sonne scheint, der Braunstich - das Unheilvolle - verschwindet nie vollends.
Genauso der Schnitt und der Score, die musikalische Untermalung, nicht aufdringlich, aber eindringlich, nicht aufpeitschend oder sonderlich in Erinnerung bleibend, aber dafür perfekt die jeweilige Situation begleitend.
Schließlich die Eröffnungssequenz mit den Credits: Selten hat eine Eröffnungssequenz so viele Nachahmer gefunden und solche Maßstaäbe gesetzt.
Der Regisseur David Fincher hat mit Sieben das Serienkiller-Genre quasi neu belebt und eine Reihe von Filmen inspiriert, die allesamt vergeblich versucht haben, ihn zu kopieren oder zu übertreffen. Dabei wird zumeist auf größere Schock- oder Ekeleffekte gesetzt und/oder an den Haaren herbeigezogenen Wendungen spekuliert (bestes Beispiel "Saw").
Sieben jedoch bedient sich nicht unbedingt dem sichtlichen Grauen, sondern versucht irgendwie einen subtilen Spannungsaufbau zu betreiben und zu hinterfragen, was letztendlich gar nicht beantwortet werden kann. Die grausam zugerichteten Opfer werden dem Zuschauer nicht gezeigt, um einen voyeuristischen Trieb zu befriedigen (so wie es in den Folgefilmen zumeist der Fall ist) sondern weil es Teil der Ermittlungen ist. Und selbst dann wird versucht, es nüchtern zu halten.
Klar, es gibt ein paar Schockmomente, aber dafür ist es ja auch ein Psychothriller.
Sieben ist auch insofern ein ungewöhnlich hochwertiger Psychothriller made in Hollywood, als dass er gegen jegliche konventionelle Regel verstößt, was vor allem mit dem grausamen Finale belegt wird, und trotzdem damit durchkommt.
Dabei wird nicht nur der Gore Effekt voll durchdiskutiert nach Verzehr des Films, jeder Zuschauer hat seine eigenen Anhaltspunkte, die man ausdiskutieren will.
Auch das macht Sieben zu einem ganz großen Film: Er wirkt noch lange nach und man redet auch über den Film.
Finchers Film kann locker was Dramatik und Suspence angeht mit "Das Schweigen der Lämmer" mithalten (ist meines Erachtens sogar der bessere Film), ist nicht ganz so kühl, dafür aber auf jeden Fall konstruierter.
Während letzterer Film eine kranke und kalte Gesellschaft an sich aufzeigt, zeigt Sieben aber eine verrohte Gesellschaft auf, in der kranke Individuen unerkannt agieren können.
Beides kann man nachvollziehen, muß es aber so wie Pitts Figur im Film aber nicht akzeptieren. Oder wie Freeman am Ende sagt: "Die Welt ist wert, dass man um sie kämpft."
Ein sehr verstörender Film, der beste der 90er Jahre, ein sehr intelligenter Film, ein absolut runder Film, in dem jedes Rädchen ins andere greift, ein absoluter Meilenstein der Filmgeschichte, der überraschenderweise auch extrem erfolgreich geworden ist.
Unbedingt ansehen.
10 Punkte