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Pragmatismus ist heutzutage mehr oder weniger ein Schimpfwort – negative Assoziationen dominieren die Gedankenwelt. Dabei lebt David Fincher gerade im allgemein hochgelobten „Seven“ vor, was es bedeuten kann, wenn man pragmatisch handelt – im Endeffekt ist die Orientierung an Handlungen nicht weniger intelligent und kunstvoll, als eben jeder Kunstfilm, den man der Außergewöhnlichkeit wegen, abseits des Mainstream feiert.

Die einfachen Mittel ergeben, als Gesamtheit betrachtet, gut und gerne einen Film, der Ansprüche auf intelligente Unterhaltung hat. Der Reihe nach, filetieren wir das Werk genauso wie der Ritualmörder, in diesem Fall Kevin Spacey, seine Opfer.

Inspiration: „Seven“ ist filmhistorisch neu, bedient sich aber auffallend an alten Stilistiken. Die Dunkelheit, der Plot im Rahmen einer investigativen Suche nach einem Mysterium, dekadente Hauptdarsteller und das Spiel mit Licht und Schatten. Wie Ridley Scott seinerzeit in „Blade Runner“ nutzt David Fincher zudem den düsteren Charakter von Dauerregen. Die Welt in „Seven“ wirkt wie ein unbehaglich finsterer Mikrokosmos, real, aber doch so befremdlich.

Dark Mystery: Ein Serienkiller mordet nach dem Prinzip der sieben Todsünden – kurzum. Hier spielt wieder die typische Ambivalenz eine Rolle. Natürlich sind die Sympathien klar verteilt, die beiden Ermittler (Brad Pitt, Morgan Freeman) werden mit brutalsten, Ekel erregenden Ritualmorden konfrontiert. Dennoch, der Mörder (Kevin Spacey) hält der Gesellschaft den moralischen Spiegel vor und ist kein Typ der stupiden Art. Intelligent treibt er sein Spiel des Lebens, um in extremo moralisch zu läutern, auf die Spitze, ohne dabei die überlegte Vorgehensweise zu vergessen. Finchers Welt ist düster, eine latente Gesellschaftskritik existiert auch in „Seven“ im Hintergrund. Dass der Regisseur ein pessimistisches Menschenbild hat, kann man aufgrund seiner bisherigen Werke nicht einmal negieren. Gut und Böse verschmilzt in einem düsteren Molch, einer Welt, die wir kennen, aber eine Nuance finsterer erscheint.

Identifikation: Dazu engagiert Fincher als Ermittler absolute mit Brad Pitt und Morgan Freeman Sympathieträger. Das good Cop bad Cop Prinzip funktioniert hier im Sinne von impulsiv, an der Grenze des legalen wandelt (Pitt) und stoisch ruhiger, wohl überlegt handelnder Ermittler (Freeman). Beides wirkt in gewisser Art und Weise sympathisch, weil nachvollziehbar. Genau genommen spiegeln die Charaktere sogar das eigene, mögliche Handeln wieder. Entweder man nimmt sich das Grauen, im Rahmen der Ritualmorde, zu Herzen, und überreagiert mitunter oder man stumpft mehr oder weniger ab und geht nüchtern an die Sache heran. Der Mörder, dem eine brillant reduzierte Darstellung von Spacey zu Grunde liegt, ist als Person eher ein Hassobjekt, gleichzeitig wirkt er aber bei seiner Sache nicht uninteressant, weil er offensichtlich vielmehr verrückt als dumm ist. Es gelingt dem Regisseur Interesse zu schüren, nicht zuletzt auch deshalb, weil die Schauspieler idealbesetzt wirken.

Pointen: Wirrungen, Wendungen, abstrakte Formen – Komplexität. „Seven“ spricht vielmehr eine weltliche als abstrakte Sprache. Der Plot ist leicht nachvollziehbar, nahezu straight strandet das Story-Schiff nicht in Monotonie. Die Gründe liegen vor allem am grandiosen Ende, der Marke Pointen, die tief in die Knochen gleiten. Alles ist eng gekoppelt, grandiose Charakterzeichnungen erleichtern das gewiefte Ende, fernab von Übertreibungen. Der Killer wirkt diabolisch läuternd und auch wenn man meint das Prinzip der ambivalenten Ritualmorde durchschaut zu haben, ist der Mörder einen Schritt voraus. Die Ermittler erzielen augenscheinlich Teilerfolge, aber der teuflische Plan ist noch größer, als man annehmen konnte. Das Ende ohne Schrecken bleibt aus, stattdessen präsentiert man Schrecken ohne Ende.

Finchers eigene Mechanismen wurden in „Seven“ so gut umgesetzt, dass man zu Recht von einem der besten Thriller der Neuzeit spricht. Einfach, markant und vor allem ungeheuer atmosphärisch, mit einer starken Prise düsterer, doppelbödiger Intelligenz – in einer Schattenwelt, die uns mitunter sehr nah kommt. (9,5/10)

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