Review

Diese Kritik enthält Handlungsspoiler

Dieser Film ist der reine Horror!
Besonders, wenn man unvorbereitet an ihn heran geht, wie ich, als ich ihn das erste Mal sah. Also, falls ihr ihn noch nicht kennt, lest diese Kritik (und die anderen) nicht, sonst verderbt ihr euch eine Menge.
Dieser Film hält sich an keine Richtlinien und definiert das Wort „Thriller“ neu. Schon der Anfang ist unkonventionell. Ohne irgendeine Einleitung sieht man dem Polizisten Somerset (Morgan Freeman) bei einem Arbeitstag zu. Das alles ist nur grob geschnitten, ohne Musik und man fragt sich als Zuschauer, was das denn eigentlich soll. Doch dann beginnt der (geniale) Vorspann, den man eigentlich erst beim zweiten Mal Anschauen richtig versteht. Ab jetzt begleitet man Somerset und dem Neuling Mills (Brad Pitt) bei der Aufklärung einer Mordserie zu, die nach dem Prinzip der sieben Todsünden begangen wurde. Klingt bekannt? Vielleicht der Grundsatz der Story, aber nicht das, was der Regisseur daraus gemacht hat. Das beginnt schon mit den Todesarten der willkürlich ausgesuchten Opfer, die an Perversität kaum zu überbieten sind, aber trotzdem nicht explizit brutal und um des Blutes Willen dargestellt werden. Da haben wir zum Beispiel Opfer Nummer 1, was vom Killer gezwungen wurde, sich zu Tode zu fressen, oder ein anderes, was 1 Jahr lang an ein Bett gefesselt war und nur intravenös ernährt wurde. Die Liste könnte man noch lange fortsetzen... Auf alle Fälle sind allein schon diese Ideen ein Garant für Ekel und das abstoßende Gefühl beim Zuschauer gegenüber dem Killer. Dieser ist nicht, wie man es von den meisten Krimis kennt, von Anfang an dabei und wird dann erst am Ende entlarvt, sondern er hat seinen ersten Auftritt erst im letzten Drittel des Filmes. Als er dann schließlich von der Polizei gestellt wird (eigentlich ergibt er sich), ist der Film noch lange nicht zu Ende. Denn der eigentliche Schluss ist dann einer der unvorhersehbarsten, abgründigsten und pessimistischsten die ich je gesehen habe.
Wie schon zu merken ist, liegt einer der Hauptstärken des Films in seinem Drehbuch. Obwohl das allein schon für einen sehr guten Film reichen würde, setzt die Regie von David Fincher noch eins drauf:
Dieser hält den gesamten Film sehr pessimistisch. Die ganze Zeit regnet es, meistens ist es auch noch dunkel. Dazu kommen überwiegend graue, schmutzige Farben und eine Großstadt, die wie einer der Plätze wirkt, zu den man freiwillig nie reisen würde. Der Regisseur bleibt dabei sehr allgemein, nirgendwo fällt der Name der Stadt. Man könnte die Mordserie und das Grauen der Großstadt praktisch auf jeden anderen Ort übertragen, es hat keine Zeit und keinen Ort. Dadurch und durch die willkürliche Auswahl der Opfer wirkt der Film noch realistischer und angsteinflößender, da man sieht, dass das ganze auch in dem eigenen Ort passieren könnte.
Den ganzen Pessimismus unterstützt noch die Musik von Howard Shore. Sie ist immer nur leise und hintergründig, besteht aber meist aus tiefen Streichinstrumenten, die eigentlich nur Hoffnungslosigkeit signalisieren.
Die Schauspieler sind einsame Spitze, geben ihren Charakteren sehr viel Tiefe, ohne dabei zu übertreiben. Auch Kevin Spacey als gefühlsloser, verrückter Killer ist ein Glücksgriff, auch wenn er nicht ganz das Format von Anthony Hopkins erreicht. Sein Dialog mit Somerset und Mills im Auto kurz vor dem Ende vergisst man nicht so schnell und ist an beklemmender Atmosphäre kaum zu überbieten.
„Se7en“ ist der beste Thriller, den ich kenne und schlägt meiner Meinung nach sogar „Das Schweigen der Lämmer“, da er auch nach dem „Genuss“ noch einigen Stoff für Diskussionen bietet. Am besten allein im Dunkeln anschauen...
10/10

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