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"Se7en" ( "Sieben" ) aus dem Jahre 1995 vom stilistisch visionären Regisseur David Fincher ( "Alien 3", "Fight Club", "The Game" ) ist das absolute Überwerk des Thriller-Genres, in einem Atemzug zu nennen mit Jonathan Demmes "Das Schweigen der Lämmer", eine beeindruckende Komposition aus Serienkiller-, Polizeifilm und urbanem Thrillerdrama.

Aus der Perspektive, nein, besser: Aus der Beobachtung zweier Polizisten, der eine überheblich, der andere bereits desillusioniert, heraus erzählt Fincher dem Zuschauer eine abschreckend-nachdenkliche Geschichte über einen Serienmörder, der seine Taten lange im voraus als großes biblisches Werk konzipiert hat und an den sieben Todsünden des christlichen Glaubens orientiert:

Masslosigkeit, Habsucht, Trägheit, Hochmut, Wollust, Neid und Zorn.

In dem äußerst clever gestrickten, komplexen Handlungsapparat ist der Killer den beiden Protagonsiten immer mehr als einen Schritt voraus, die beiden Ermitteln bis zu einer Storywende, die neue Wege eröffnet, dem Gegner, der sich "John Doe" nennt, aber nicht die Fäden aus den Händen nimmt, nur entlang des vom Mörder geplanten Konstrukts. Auch der Zuschauer weiß nie mehr als die Hauptcharaktere, die in untermalenden Substories vom die Vorpension anstrebenden Altcop und dem noch etwas orientierungslosen Neuen und seiner Frau mehr Tiefe gewinnen.

Und so etabliert sich das bedrohliche, pessimistische Gesamtbild ausgehend von einer innovativ montierten, befremdlichen Einleitungssequenz über einen langen Weg morbider Tatortszenen und einer weiteren überraschenden Handlungswendung, deren Vordergründigkeit aber noch viel mehr Tiefe in sich birgt. Das düstere, qualvolle Ende des Films läßt dann auch ein prägendes, in seiner Auflösung zum tiefen Schlucken bewegendes Fazit aussprechen: "John Doe ist uns überlegen."
Vollendet wird dieses bedrückende Gesellschaftsportrait dann mit einem einprägsamen, resümierenden Literaturzitat: "Ernest Hemingway hat einmal gesagt: Die Welt ist schön, und wert, dass man um sie kämpft. - Dem zweiten Teil stimme ich zu..."

Mehr Storydetails sollten an dieser Stelle in keinem Fall gespoilert werden.

Filmtechnisch auf höchstem Niveau, trägt Fincher's Dreh- und Inszenierungsstil, seine bis zur metaphorischen Beleuchtung ausgefeilte Szenenmontage, das Werk maßgeblich mit:
Die düstere, veregnete Optik der ( anonymen, da übrigens nie namentlich erwähnten, auch hier herrscht weiter Interpretationsspielraum ) Großstadt, eine durchweg pessimistische, bedrückende Atmosphäre, harte und abschreckende Tatort-Szenarien ( wir sehen keinen Mord "live"! ), hilflos erscheinende Hauptfiguren, ein unnahbarer, hochintelligenter ( und bewußt nicht auf bloße Geisteskrankheit reduzierbarer ) Killer, dessen religiöse Motivation und Denkansätze nicht immer gänzlich fremd wirken wollen, sondern eher als gefährliche, unausgesprochene Ärgernisse und Problematiken der modernen Gesellschaft anmuten; und schlußendlich: eine verstörende Auflösung ohne Hoffnung, kein Happy-End; und das, obwohl das Filmende die einzige Filmsequenz in einem hellen, sonnendurchfluteten, fast schon surreal wirkenden Szenario abseits der Optik des verregneten, dreckigen, anonymen Großstadtmolochs des restlichen Streifens darstellt.
Die düstere, passende musikalische Untermalung bleibt omnipräsent, hält sich aber fast unbemerkt im Hintergrund und ergänzt vorzüglich Finchers verstörenden Bilderrausch.

Auch erwähnt werden müssen selbstverständlich die darstellerischen Leistungen, allen voran natürlich von Morgan Freeman ( "Amistad", "Erbarmungslos", "Glory" ), der den alternden und desillusionierten Part glaubhaft gibt, Brad Pitt ( "Legenden der Leidenschaft", "Sieben Jahre in Tibet", "Ocean's Eleven" ), der den Abstieg in die existentiellen seelischen Abgründe ebenso überzeugend 'rüberbringt, und klar auch Kevin Spacey ( "L.A. Confidential" ) und Gwyneth Paltrow ( "Shakespeare in Love" ), wobei ich den Kommentar hier in aller Kürze auf "herausragend", "passend" und "glaubhaft" reduzieren möchte.

Alles in allem ist David Finchers Überwerk "Se7en" also ein beeindruckender, atmosphärischer, ultraspannender Thriller, ein warer Genremaßstab mit teilweise schon filmkünsterisch anmutender Inszenierung, der einen auch nach dem zweiten Ansehen noch lange beschäftigt...

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