"Se7en" von David Fincher ist für mich nach wie vor ein absoluter Ausnahme-Thriller. Denn der Film erzählt nicht nur eine unglaublich spannende und düstere Mörderhatz, sondern ist gleichzeitig auch ein prägnantes Abbild einer von Apathie und Rücksichtslosigkeit gezeichneten Gesellschaft, die den Plot des Film erst möglich macht.
Die Story: Der junge Detective David Mills (Brad Pitt) ist zusammen mit seiner Frau Tracy (Gwyneth Paltrow) in die Großstadt gezogen, damit beide dort arbeiten können. Gemeinsam mit dem älteren Detective William Somerset (Morgan Freeman) untersucht Mills den Mord an einem übergewichtigen Mann, dem man gezwunden hat, sich zu Tode zu fressen. Wenig später findet man die Leiche eines Anwalts, der sich selbst verstümmeln musste und bei dem sich das Wort "Greed" findet lässt. Bald stellt sich heraus, dass ein Serienkiller Menschen nach den 7 Todsünden hinrichtet...
Die Geschichte ist allein schon angsteinflößend genug, doch der Film zeichnet sich durch diese einzigartige Atmosphäre aus, die den Zuschauer sofort in ihren Bann zieht. Denn in "Se7en" führt die Stadt praktisch ein Eigenleben. Gleich zu Beginn des Films stellt Somerset Mills etwas ungläubig die Frage, warum er ausgerechnet hierher, in die Stadt, kommt. Denn schön ist es dort keineswegs, das führt der Film permanent vor Augen. Ständig regnet es in den unwirklichen, dreckigen Häuserschluchten, es ist oft dunkel, als Geräuschkulisse dienen Polizeisirenen und das Geschrei der vielen Menschen und in Dialogen wie Szenen haben wie ständig die Frage nach der Art des Lebens in der Großstadt. Wenn Somerset seinem Chef (R. Lee Ermey) erzählt, ein Mann sei ausgeraubt und ohne Grund in beide Augen gestochen worden, bildet sich um die eigentliche Story immer mehr ein riesige Wand, die den Zuschauer zu erschlagen droht. Zumindest ging es mir so. Die Kamera von Darius Khondji ist dabei unglaublich nah am Geschehen dran, die Farbfilter und der sehr atmosphärische Score von Howard Shore machen die Sache rund.
Regisseur David Fincher lässt in dieser unmenschlichen und nicht näher benannten Umgebung, die in L.A. gedreht wurde und augenscheinlich New York darstellen soll, zwei eigentlich völlig unterschiedliche Männer einen Serienkiller jagen. Auf der einen Seite haben wir David Mills, einen junge, sehr impulsiven Cop, der noch am Anfang seiner Karriere steht. Ihm gegenüber steht William Somerset, ein intelligenter und ruhiger Polizist, der seit über 30 Jahren diesen Job ausführt und vor allem seit Jahrzehnten in der Großstadt wohnt und so schnell erkennt, wie anfällig Mills für das Leben hier ist. Somerset wird im Laufe des Films daher ein wenig Mentor für Mills, jedenfalls versucht er es. Dabei harmonisieren Brad Pitt und Morgan Freeman als ungleiches Gespann sehr gut, auch wenn der erfahrene Freeman Brad Pitt oft an die Wand spielt. Seine Darstellung ist einfach eine Glanzleistung, obwohl er so etwas wie der Ruhepunkt in der Geschichte ist.
"Se7en" verfügt dabei über einen ausgezeichneten Spannungsbogen, der zwar hauptsächlich von Tat zu Tat springt, dabei aber in der Variation der Opfer und Schauplätze (Trägheits-Opfer!) stets überrascht bzw. zu schocken weiß. Erst im letzten Viertel, als sich der Täter freiwillig stellt, wechselt die Situation. Zusammen mit dem Killer fahren Mills und Somerset aus der Großstadt heraus direkt in den Showdown. Genial, wie Fincher hier die Gemütslage des Zuschauers ausspielt. Die Szenerie ist offen und sonnig, dadurch eigentlich absolut berechenbar, bis dann dieses abgrundtief fiese Ende kommt. Auch wenn es die meisten eh kennen, möchte ich es nicht näher beleuchten. Für manche war das Ende abzusehen, mich hat es seinerzeit, als ich den Film das erste Mal gesehen habe, aus den Latschen kippen lassen. Und auch heute noch schockt mich der Plot-Twist am Ende. Sicherlich war der Plan des Täters nicht ganz logisch, so viel wie der vorausplanen musste, aber das ist zu verschmerzen, denn das Ende regt vor allem auch zum Nachdenken an.
Fazit: "Se7en" ist intelligentes Thrillerkino, das in allen Belangen auf ganzer Linie überzeugen kann. Darsteller, Musik, Schnitt, Kamera und natürlich die Story sind top. Ein extra Punkt, sozusagen den elften, bekommt der Film noch für den coolsten Abspann, der mir je untergekommen ist.