Review
von runker
"Was sind wir doch für kranke, lächerliche Puppen, die auf einer winzig
kleinen Bühne tanzen und was haben wir doch für einen Spaß beim Ficken
und beim Tanzen. Völlig sorgenfrei, weil wir nicht ahnen, dass wir
nichtig sind. Wir sind nicht, was wir sein sollten."
Detective-Lieutenant William Somerset (Morgan Freeman) ist ein
Veteran der Mordkommission des NYPD, der jedoch hoffnungslos der
Aufklärungsquote hinterher hinkt und in genau sieben Tagen in Pension
gehen wird. In dieser seiner letzten Woche scheint ihm zu Anfang nichts
anderes mehr zu bleiben, als seinen Nachfolger, den ehrgeizigen, nach
New York versetzten Detective David Mills (Brad Pitt), mit den
Gegebenheiten vor Ort vertraut zu machen. Doch gleich zu Beginn ihrer
Begegnung werden die beiden zu einem ungewöhnlichen Tatort zitiert. In
einer der dreckigsten Gegenden der Stadt liegt ein schwer adipöser Mann
in einem abbruchreifen Haus in seinen eigenen Exkrementen. Er ist an
Händen und Füßen mit Draht gefesselt, liegt mit dem Kopf in einer
Schüssel voll mit Campbell's Spaghetti und seiner eigenen Kotze, unter
dem Tisch wurden seine sämtlichen Ausgüsse in einem Eimer gesammelt,
beide gehen anfangs von einem Unfall aus. Sprich "der Fettsack hat sich
zu Tode gefressen, bis er letztendlich buchstäblich platzte".
Aufgrund der sich von Beginn an entwickelnden Spannungen zwischen dem
ungleichen Duo wird Mills spontan vom Captain auf einen anderen Fall
angesetzt. Hierbei handelt es sich um den Mord an einem prominenten
Anwalt, welcher sich nach ausgiebiger Folter selbst verstümmeln musste.
Doch das Wort "Habgier" auf dem Teppich des Kanzleibüros lässt Mills in
seinen Ermittlungen stocken und er zieht Somerset zurate, nichtsahnend,
dass sich dadurch eine Kette von Ereignissen in die Ermittlungen der
beiden ziehen wird, welche in den nächsten sieben Tagen weit über
konventionelle Untersuchungen hinausgehen dürfte ...
Somerset packt daraufhin nach einer eher oberflächlichen Untersuchung
beider des
vermeintlichen Standard-Schauplatzes die Neugier. Und dank seines
detektivischen Gespürs findet er letztendlich ein Indiz, das diesen Fall
sich ebenfalls nicht nur als Mordfall entpuppen lässt, sondern auch zum
ersten eigentlichen Akt einer Serie von Vorfällen der bizarrsten Art.
Denn er findet das Wort "Maßlosigkeit" hinter dem Kühlschrank in der
Behausung des Fettwanstes, geschrieben mit dessen eigenem Fett ...
Regisseur David Fincher, welcher davor und danach verschiedenste Streifen, darunter Fight Club, Alien³, The social network oder Panic Room
verantwortete, beschert uns hier mit seinem zweiten Langspielfilm einen
Meilenstein der Kinogeschichte. Hierbei bediente er sich einer Vielzahl
von hervorragenden Akteuren, die sich in ihrer Leistung alle selbst zu
übertreffen scheinen. Brad Pitt beispielsweise hatte bereits kurz vorher in 12 Monkeys damit begonnen, sein Talent dazu zu verwenden, andere Rollen als den gut aussehenden, tumben Sonnyboy zu mimen und sollte nach Sieben auch damit weiter machen, spätestens in Fight Club
war es ihm bereits gelungen, sich nicht mehr auf derartige Charaktere
reduzieren zu lassen. Das charismatische Urgestein mit der heiseren,
tiefen und doch sympathischen Stimme Morgan Freeman stellte hier
ein ums andere Mal seine vom Theater her gewohnte Gabe unter Beweis, als
einer der besten Charakterdarsteller des Landes zu gelten. Doch beide
werden sie, das muss man neidlos zugeben, gnadenlos von Kevin Spacey
aka John Doe an die Wand gespielt. Besonders wenn man bedenkt, dass Doe
den einzig wirklichen ehrlichen Charakter in diesem Film voller
verblendeter, von Selbstmitleid zerfressener, komplexbeladener und
verzweifelter Seelen verkörpert. Spacey hat zwar die kürzeste
Auftrittsdauer der Drei, jedoch weiß er selbst in dieser kurzen Zeit so
viel über seine Figur zu erzählen, unweigerlich denkt man bei der
Redegewandtheit und dem wahnsinnigen Genie des John Doe immer mal wieder
an den ebenfalls von ihm verkörperten Verbal Kint in Die üblichen Verdächtigen.
Der Streifen, welcher sich von Anfang bis zum bitteren Ende in dunkler,
düsterer, verstörender und destruktiver Weise an ebensolchen
Schauplätzen abspielt, weiß einen von Anfang an zu fesseln, glitzerndes
Popcornkino sieht jedenfalls anders aus. Umrahmt wird das Ganze von der
auch in 300 oder Der Soldat James Ryan verwendeten
Bleichauslassungs-Technik, welche die Atmosphäre noch einmal verstärkt,
besonders gut kommt diese zum Tragen bei den zahlreichen Regen-Szenen
oder im Untergrund-SM-Bordell, wo eines der Opfer gefunden wird. Und all
das findet statt in einer der Städte, New York, die schon für
zahlreiche Künstler als Archetyp eines hedonistischen, dreckigen,
undurchschaubaren und verdammt anonymen Molochs diente. Was natürlich
mit den größten Teil der Faszination an Sieben ausmacht, wären
zum einen die Flut an Metaphern, jedoch auch die Fixierung auf die Zahl 7
und die einzigartige, an die jeweilige Sünde angepasste Gestaltung der
Hinrichtungsschauplätze, wobei jeder von ihnen ein Kunstwerk im
Kunstwerk zu sein scheint. Man wird geradezu überwältigt von der
Bildgewalt und den charakterlichen Tiefen. Da fällt es kaum mehr ins
Gewicht, dass es sich bei den im Film als 7 Todsünden bezeichneten
Eigenschaften eigentlich (jedenfalls nach Auffassung der nicht gerade
seriösen Katholischen Kirche) um die 7 Hauptlaster handelt, welche
überhaupt erst zu den auch in der Bibel erwähnten Sünden führen oder
Mills' Frau (Gwyneth Paltrow) die Einzige in diesem
nihilistischen Alptraum zu sein scheint, die ohne Sünde sein mag. Doch
gerade das ist einer der wesentlichen Hauptaspekte dieses Werks, nämlich
dem Einzelnen aufzuzeigen, dass niemand ohne Sünde ist, sofern man denn
an diesen in der Gesellschaft inform der christlichen Glaubensrichtung
fest verankerten Unfug glauben möchte.
Dies wird auch zum Ende hin deutlich, wenn sich nach 5 Opfern der Kreis
mit den letzten beiden Sünden/Lastern schließt und den Zuschauer mit
einem mulmigen, doch sehr gut unterhaltenen, von Faszination
geschwängerten Gefühl entlässt. Man hat 3 verschiedene und doch sehr
gleiche Figuren bei ihrem unheilvollen Tanz beobachtet und nicht zu
Unrecht möchte man sich nach 121 Minuten fragen, ob nun die "richtigen"
Personen das Zeitliche gesegnet haben oder der scheinbar geschlossene
Kreis nicht doch nur ein Augenblinzler ist im Anbetracht der
Vergänglichkeit und der Tristesse des Seins.