Review

Nach der Veröffentlichung dieses Films war alles anders.
David Finchers „Sieben“, sein zweiter Film nach dem kontrovers aufgenommenen „Alien 3“, revolutionierte das Genre des Serienkiller-Thrilers und gab dieser Unterart des Kriminalfilms endlich ein, wenn nicht sogar sein modernes Gesicht.
Die Folgen wirken bis heute nach, noch immer ist „Sieben“ der Referenzfilm für eine ganze Reihe von Filmen, in denen sich Soziopathen auf phantasievollste Art und Weise durch die (vorzugsweise amerikanische) Bevölkerung meucheln, um von der Polizei oder dem FBI dann gestoppt zu werden.

Natürlich kam „Sieben“ nicht aus dem Nichts, der Film selbst sucht seine Wurzeln selbst im Herz der Finsternis, das Jonathan Demme 1991 mit „Das Schweigen der Lämmer“ aufstieß.
Aber Fincher entwickelte und entwarf seinen ganz persönlichen Stil, angetrieben von einem geschickt konstruierten Drehbuch von Andrew Kevin Walker.

Düster und dreckig sind die Attribute, die als erstes einfallen, wenn man einen Blick in den Film wirft. Fincher inszenierte die amerikanische Großstadt als gesichtslosen, regnerischen, den Himmel verhüllenden Moloch als zeitgemäße Anlehnung der Vision von „Blade Runner“, in dem ein ständiges Zwielicht herrscht. Es scheint kein Weiß zu geben in dieser Welt, als Ausgleich aber auch kein echtes Schwarz. Die vorherrschende Farbe ist ein kränkliches Gelb, eine ungesunde Wahl in allen möglichen Schattierung bis ins Bräunliche. Stets ist man versucht zu rufen, endlich einmal das Licht anzumachen.
Die Charaktere wandern im dämmrigen Halbdunkel umher, stets hell genug, um zu erkennen, was man vor sich hat, doch fast so hell, um Details auszumachen, was vielleicht auch besser ist.
Denn Finchers Stadtansicht steht kurz vor der Apokalypse: selbst der ständig fallende Regen kann den Dreck nicht mehr ganz wegwaschen, Häuser von außen präsentieren eine graue, alles erschlagende Fassade, von innen wechseln sich die Stadien des Zerfalls ab. Müll liegt herum, Dreck sammelt sich in allen Ecken, menschliche Kontakte scheinen hier aufs Minimum beschränkt, weil kaum noch möglich. Die Anonymität gebiert Ungeheuer.

Und selbst wenn einmal Edles und Erlesenes in einer Wohnung oder einem Apartment sichtbar wird, wirkt es kalt und unpersönlich, nicht selten Brutstätte eines weiteren mörderischen Hinweises oder Schauplatz eines Verbrechens.

Dementsprechend wirken die agierenden Personen wie ein verzweifelter Gegenentwurf zu ihrer eigenen Umgebung. Die agierenden Polizeibeamten, der impulsive und junge Mills und sein scheidender Vorgänger, der erfahrene Somerset sind zwei Seiten derselben Medaille.

Morgan Freeman arbeitet nuanciert den desillusionierten Somerset heraus – er hat zwar sich noch nicht aufgegeben, aber den Kampf gegen das Verbrechen und das Böse der menschlichen Seele führt er nicht mehr weiter oder will es zumindest nicht mehr. Sein Abschied aus der Stadt steht bevor, der alleinstehende ältere Mann will von seinem Leben retten, was zu retten ist. In seiner bisherigen Position helfen gegen die allgegenwärtige Verzweiflung um ihn nur die Rahmenbedingungen seines Beamtenseins und ein letzter Rest Humanität. Schlafen kann er damit kaum noch, wie schon die erste Szene beweist, er benötigt ein Metronom, um Ruhe zu finden.
Dagegen glaubt sein Nachfolger Mills noch, etwas bewirken zu können. Karrierebewußtsein ist ein leiser Antrieb, seine Familie gibt ihm Background, auch wenn seine Frau mit der Situation nicht ganz glücklich zu sein scheint. Doch infiziert ist auch er schon, doch im Eifer des Gefechts flüchtet er sich in sarkastischen Zynismus, während bei Somerset hilflose Ironie vorherrscht.

Und in diese brüchige Konstrukt schlägt nun ein Serienmörder ein, der nach dem Vorbild der sieben Todsünden vorgeht, eine Leiche pro Tag, der Tod als Inszenierung der literarischen Vorbilder. Dieses Duell rund um eine Reihe bizarrer bis grausamer Todesfälle ist von Anfang an ungleich. Mills und Somerset müssen sich erst zusammenraufen, jeder für sich ist dem Täter nicht gewachsen, der, im Gegensatz zu den Beamten, hervorragend geplant hat, berechnend ist, gewissenlos außer in punkto seiner eigenen Moral und hochmotiviert.
Gegen Ende wird er sich schließlich stellen, um die Auseinandersetzung zu suchen und die Diskussion läuft, abgesehen von dem Unrecht der mörderischen Selbstinszenierung, gar nicht schlecht für ihn, da es den Beamten selbst schon an innerer Stärke und Aufrichtigkeit fehlt.

Neben den brutalen Tötungsarten (die Morde sind nie zu sehen, nur das Ergebnis) sticht nachträglich natürlich das pervers-geniale Ende mit einem Showdown, der einen dicken Kloß im Hals zurückläßt, hervor – vielleicht der Archetyp des Anti-Happy-Ends, in dem die Gewinner die Verlierer sind, weil auch ihre Schwächen, ihre Sünden offenbar wurden.

Fincher leistet großartige Arbeit. Inszenierung, Plot und Ausstattung sind auf höchstem Niveau, mehrere Sets prägen sich wohl für den Rest des Lebens ein und der Stil wird bis zum letzten Moment durchgehalten. Gleichzeitig sind seine Charakter nicht nur bloße Skizzen, obwohl der Look und der Tonfall letztendlich die Wirkung des Films ausmachen, was bedeutet, daß die Mischung stimmig, wenn auch grimmig ist.

So entfaltet „Sieben“ eine ungeheure Sogwirkung, die allerdings negativer Natur ist und sonnigen Gemütern übelst aufs Gemüt schlagen kann. Aber so detailreich ins Herz des Bösen und der Finsternis hatte schon lange niemand mehr geblickt und deswegen ist auch „Sieben“ bis heute keinen Tag gealtert. Chapeau! (10/10)

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