Nachdem ich den (wie so oft vielversprechenden) Trailer zu "Session 9" gesehen hatte, hegte ich große (und vielleicht auch inhaltlich falsche) Erwartungen an den Film, so dass sich nach dem Anschauen doch ein relativ unbefriedigendes Gefühl bei mir einstellte. "Session 9" ist nicht zwangsläufig als Horrorfilm einzustufen, obwohl sich gegen Ende des Films durchaus grauenvolle Dinge ereignen. Zumindest aber hat man es nicht mit einem typischen Horrorthriller zu tun, der mit einer eindeutig übersinnlichen Hintergrundgeschichte daherkommt. Müsste ich eine Schublade wählen, so würde auf dem Etikett zu "Session 9" Psychodrama stehen.
Mit kleinem Budget aber sehr ambitioniert gingen Regisseur Brad Anderson und die übrigen Beteiligten ans Werk, wie auch dem erhellenden Audiokommentar zu entnehmen ist, der schließlich keine Frage mehr zur Handlung offen läßt. Als Inspiration dienten demnach Filme wie "Wenn die Gondeln Trauer tragen" oder "Picknick am Valentinstag", an die "Session 9" aber zu keinem Zeitpunkt auch nur annähernd heranreicht. Das ist eben der Unterschied zwischen der einzigartigen Genialität eines Meisterwerks und der relativen Beliebigkeit seiner Epigonen, denen nunmal die umwerfende Originalität fehlt, die einen bisweilen durchaus guten Film von einem zeitlosen Klassiker unterscheidet.
Der wirklich umwerfend morbiden Atmosphäre der Nervenheilanstalt kann man sich als Zuschauer nicht entziehen. Alleine dafür ist der Film schon sehenswert. Dies ist aber keine hervorzuhebende Leistung dieser Produktion, sondern liegt nunmal in der Natur der Sache: selbst ein absoluter Dilettant hätte mit der Handkamera die unvergleichliche Stimmung des Danvers State Asylum eingefangen. Eine großartigere location (und somit optimalere Voraussetzungen) für einen Film dieses Genres ist kaum denkbar (man werfe diesbezüglich einfach mal einen Blick auf die homepage dieser Einrichtung). Umso schlimmer, dass Anderson & Co. hier nicht mehr daraus gemacht haben. Was hätte hier für ein albtraumhaftes Meisterwerk entstehen können! Stattdessen blieb es bei der Absicht und gutgemeinten Zitaten.
Die Handlung ist äußerst dünn - völlig unverständlich, wieso man sich ergo entschlossen hatte, die Nebenhandlung um die obdachlose Frau (als deleted scenes und alternatives Ende enthalten) herauszuschneiden. Ich kann die Begründung des Regisseurs diesbezüglich nicht nachvollziehen. Hier ist dem Film wirklich Substanz verlorengegangen. Die teilweise unpassende deutsche Synchro zerstört bisweilen zusätzlich die schauerliche Atmosphäre (dies betrifft vor allem die in der deutschen Fassung sehr klischeehaft und plakativ geratenen Stimmen auf dem Tonband). Diese Stimmen aus dem off kommen im Originalton deutlich passender rüber.
Ich bin kein Logikfanatiker, was Filme mit übersinnlicher Handlung oder übernatürlichen Elementen betrifft. Da die Story jedoch bewußt diese Komponenten der Imagination (und somit der Entscheidung) des Zuschauers überläßt, sollte zumindest die Rahmenhandlung glaubwürdig und plausibel rüberkommen. Wenn man sich die Dimensionen des Anwesens ansieht und sich dann aber vorstellen soll, dass fünf(!) Männer in einer(!) Woche hier ernsthaft eine komplette Asbestbeseitigung vornehmen sollen (und noch dazu die meiste Zeit nur am Pause machen sind), dann sträuben sich einem die Haare aus ganz anderen Gründen, als aus denen, weswegen man sich einen Film wie "Session 9" eigentlich ansieht. Und so dünn wie die Story ist leider auch der Spannungsbogen geraten.
Dies alles sind Gründe, weshalb "Session 9" den bereits genannten filmischen Vorbildern alles andere als nahe kommt. Am meisten jedoch fällt in der Retrospektive auf, dass von der permanent unheimlichen Atmosphäre des Gebäudes abgesehen, eine omnipräsente Bedrohung (oder zumindest eine denkbare, latente Bedrohungssituation) völlig fehlt. Es passieren ein paar wenige, merkwürdige Dinge und das Verhalten der Männer weicht zusehends von der Norm ab, wirkliche Zusammenhänge, die sich dann kumulativ in ein Gesamtbild zusammensetzen, werden jedoch nicht konsequent hergestellt. Irgendwann ist der ganze Spuk vorbei und erst rückblickend erzeugt die eine oder andere Szene noch ein wenig Gänsehaut (etwa Gordons Telefongespräch mit seiner Familie). Das ist für einen versöhnlichen, da verblüffenden Schluß zu dürftig und für die vorausgegangen anderthalb Stunden sowieso.
Dennoch kann man sich "Session 9" durchaus einmal anschauen. Nicht gerade innovativ, aber immerhin schön gefilmt sind z.B. die Naturaufnahmen, als Hintergrund zu der Mißbrauchsgeschichte. Der Soundtrack ist eher minimalistisch geraten und besteht weitgehend aus Klangcollagen. Konventionelle Musik gibt es nur wenig zu hören. Besser wird die streckenweise langatmige Handlung dadurch jedoch auch nicht.
Fazit: Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Zeit "Session 9" so gut behandeln wird, wie etwa "Wenn die Gondeln Trauer tragen". Brad Andersson ist ein insgesamt annehmbarer Film gelungen, aber kein Meisterwerk. Denkbar, dass der Film in einer um die geschnittenen Szenen restaurierten Fassung noch einmal eine ganz andere Wirkung entfalten würde. In der vorliegenden Version halte ich jedoch 6 / 10 Punkten für das Höchste der Gefühle.