Wenn man den Prolog sieht, wo Val Kilmer an einem Holzpfosten seiner Wohnung sitzt und Trompete spielt, während im Hintergrund in faszinierenden Kreiseln ein Meer aus Flammen aufleuchtet, erwartet man in Hinblick auf die Drogenthematik eine surreale Mischung aus „Lost Highway“, „Requiem for a Dream“ und „Fear & Loathing in Las Vegas“. Tatsächlich jedoch geht Regisseur D.J. Caruso nur in den ersten Minuten diese Pfade, bevor er letztendlich eine überraschend bodenständige Geschichte über die Schuld erzählt und darüber, wie man sich selbst vergibt.
Natürlich gibt es dennoch Symbolik, Metaphorik, eingebettet in Farbfilter, bedeutungsschwangere Dialoge und experimentelle Kameraperspektiven. Die Geschichte als solche gibt sich im Kontrast dazu aber auffallend geradlinig und wandelt gleichermaßen auf Thriller- und Krimipfaden. Dies ist sozusagen das greifbare Gerüst, von dem aus man auf die weniger greifbare Sphäre der Schuldzuweisung überspringen kann.
Die Schuldzuweisung wird dem Zuschauer ganz konkret als Aufgabe hingelegt. Während man die hypnotischen Bilder des Trompetenspiels vor dem Feuermeer in Zeitlupe verfolgt, wendet sich Danny Parker (Val Kilmer) direkt ans Publikum: „Racheengel oder Feigling? Entscheiden Sie selbst.“
Die immer wieder durch das Off kommentierte Geschichte, die nun folgt, wird für den Zuschauer also von Beginn an, sozusagen im Umkehrschluss zu „Fight Club“, in zwei möglichen Lesarten aufgerollt, nach zwei Wegen, die Geschehnisse zu bewerten. Das Gezeigte sind wertungsfreie Handlungen des Protagonisten Danny, und wir werden nun gebeten, diese Handlungen zu analysieren und sie in einer Facette von Gut bis Böse zuzuteilen. Sind seine Beweggründe nachvollziehbar oder nicht? Hätte das Rationale in der jeweiligen Aktion überwiegen sollen oder das Gefühl? Wieviel wiegt Liebe? Mehr als das eigene Leben?
Wie es bei der Thematisierung von Abstrakta wie Schuld üblich ist, gibt es eine Dreiteilung, nämlich das Vergangene, die gegenwärtige Präsenz und die Zukunft. Das Vergangene ist dabei der Auslöser für die Geschichte, der entscheidende Point of No Return, auf dem sich alles Weitere aufbaut. Hier ist es der Tod von Dannys Frau, für den er sich verantwortlich fühlt. Er blieb im sicheren Nebenzimmer, während seine Frau nur eine Wand von ihm entfernt ermordet wurde. Er hat sich für das Leben entschieden und damit dagegen, mit seiner Frau zu sterben. Und das kann er sich nicht verzeihen.
Die Gegenwart zeigt sein Leben aufbauend auf diesem traumatischen Erlebnis in einem Strom aus Blut und Drogen. Körperlich ein Wrack, steht Danny als Spitzel im Dienst der Polizei und verfolgt dabei eigene Ziele, nämlich die Rache für den Mord an seiner Frau. Es wird die Frage gestellt, welcher Weg der richtige ist: Rache oder Vergebung, Rastlosigkeit oder Akzeptanz.
Die Zukunft wird durch eine Nachbarin verkörpert, eine Frau, die selbst den Fesseln ihres Lebens entfliehen muss und für Danny eine Option, ein Ziel sein kann.
Zwischen diesen drei Ebenen springt die Story, die mit Dannys Handlungen die Richtung wechselt und aufbauend auf Rückblenden in die Vergangenheit von der Spontanität der Aktivitäten Dannys lebt. Nie ist sicher, wie er sich entscheidet; und wenn er es dann getan hat, liegt es an uns, dies zu bewerten. Es ist ein Spiel bestehend aus Kausalitäten und psychologischen Schachzügen, schließlich eine Frage der Interpretation. Caruso drängt uns mehr Verantwortung auf, als man ob der simplen Kriminalgeschichte erwartet hätte, und er wirft uns lediglich zwischendurch anhand von Symbolen ein paar Knochen hin, die uns bei der Entscheidung helfen sollen.
Solche Symbole können metaphorisch deutbare Schilder sein, die Farbsymbolik kann angestrengt werden, ja sogar die Figuren können bei der Entschlüsselung helfen. Allen voran der von Vincent D'Onofrio hingabevoll gespielte Drogenkönig, der mit seinem angedeuteten Wahnsinn Danny immer wieder Puzzleteile hinwirft, bei denen nur schwer zu sagen ist, ob sie aus reinem Schwachsinn bestehen oder für Danny gar versteckte Botschaften bereithalten.
Mitunter fühlen wir Danny nach, er macht uns seine Situation nachvollziehbar, versucht aber nie, sich zu rechtfertigen oder umgekehrt, uns davon zu überzeugen, dass er schuldig ist. Lediglich merkt er an, dass er sich selbst schuldig fühlt.
Weder die Flashbacks noch die Ermittlungsarbeiten als Spitzel ermöglichen es, einfach so ob des Gesehenen deduktiv ein Urteil zu sprechen. Die Gassen, in denen Danny haust, sind zwar dunkel und dreckig, sein Leben total versaut, doch ist dies lediglich ein Hinweis darauf, dass das Selbstmitleid ihn nicht weiterbringt. Ob eine Schuld vorhanden ist oder nicht, lässt sich bis zum Ende hin und darüber hinaus nicht mit Sicherheit sagen.
Caruso gelingt ein Meisterstück darin, die Einfachheit der Geschichte mit der über den Geist des Menschen hinausgehenden Meta-Ebene der Schuldfrage zu verknüpfen und sie dem Zuschauer so zu präsentieren, dass er aktiv ins Geschehen einbezogen wird und nicht nur als Zuhörer des Off-Kommentars agiert, sondern das Gehörte im Kopf weiterstrickt. Dies ist ein schwieriges Unterfangen, galt es doch, trotz der Symbolvielfalt keine Partei für die eine oder die andere Seite zu übernehmen, oder zumindest die Argumente pro und contra gleichmäßig gegeneinander aufzuwiegen.
Viel Fingerspitzengefühl ist da auch von den Darstellern gefragt. Val Kilmer überrascht mit einer Tiefe, die man ihm so nicht zugetraut hätte. Sein Danny Parker ist tatsächlich ein zweigeteilter Mensch, der von sich selbst getrennt ist und nicht nur Dissonanzen zeigt, sondern geradezu in ihnen lebt. Er widerspricht seiner eigenen Natur und versucht, einen neuen Weg zu finden. All das geht durchaus von Kilmers Performance aus. Er agiert angemessen zurückhaltend und starr, wobei sein Gesicht wie eine Maske wirkt, hinter der ein Zweikampf ausgetragen wird.
Die Cops erfüllen ihren Zweck, da sie voll in der Ebene des Kriminalfilms festgewurzelt sind und zu keinem Zeitpunkt in die Meta-Ebene hineinreichen, mit der Danny Parker durchweg in Konflikt gerät. Sie sind ansatzweise Klischeefiguren, wie man sie aus Cop-Filmen à la „Shaft“ kennt, und können schon alleine deswegen keine geistige Ebene erreichen, was sehr schön die Welten verdeutlicht, die Danny und die Cops trennen. Schön ist es übrigens, Doug Hutchinson („Akte X“, „The Green Mile“) mal wieder zu sehen.
Deborah Kara Unger („The Game“) personifiziert glaubhaft die Unvollkommenheit und trägt damit zu des Rätsels Lösung bei, dass, egal welchen Weg man wählt, keine Entscheidung durchweg perfekt ist und es immer Ungereimtheiten zu beseitigen gibt. Und dass es abseits der eigenen Probleme auch andere Menschen gibt, die Hilfe benötigen und die selbst auch Hilfe leisten können.
Vincent D'Onofrio füllt eine Rolle mit Eigenleben, die grundsätzlich nichts Neues mehr ist, durch ihn jedoch eine bizarre Substanz entwickelt. Der Dealer ist eine Figur, wie man sie durchaus auch in „Sexy Beast“ hätte erwarten können. Überhaupt wirkt „The Salton Sea“ nicht nur wegen der Charaktere, auch wegen der Optik wie eine alternative Parallelwelt zu der britischen Gaunerkomödie, die nur besser den Übergang zwischen realer Welt und mentaler Welt hinbekommt (letztere wäre in „Sexy Beast“ lediglich durch den Hasen-Komplex vertreten).
Am Ende kommt Caruso dem Zuschauer dann leider doch mit einer Eigeninterpretation zuvor, die den Eigengedanken, der sich während der gesamten Laufzeit aufbauen konnte, wieder zunichte gemacht. Das trübt den insgesamt hervorragenden Eindruck leider deutlich. Zwar ist der gewählte Weg ein solcher, wie man ihn wahrscheinlich auch selbst entwickelt hätte, doch lässt die Vorfertigung der Antwort keine Alternative mehr zu. Die Ausgangsbemerkung „Entscheiden Sie selbst“ entpuppt sich als Illusion, was unter bestimmten Umständen dann doch wiederum als Aussage und damit als Absicht gedeutet werden kann.
Wie auch immer man „The Salton Sea“ interpretiert, D.J. Caruso schuf einen Film, der – oberflächlich von Drogen und unterschwellig von Schuld und ihrer Bewältigung handelnd – mit einer einfachen Geschichte das Interesse des Zuschauers ködert, um es auf eine höhere Ebene zu führen, auf der man sich bewusst oder unbewusst intensiv mit der Situation Dannys beschäftigt. In dem Übergang liegt die ganze Stärke des Films, die durch die interessante Konzeption, dem Zuschauer von Beginn an ein Spektrum an Bewertungsmöglichkeiten zu liefern, noch an Klasse gewinnt. Wie man nun den relativ eingleisigen Schluss und die damit einhergehende Vernichtung von Bewertungsoptionen bewertet, ist sicher Ermessenssache.
Was zählt, ist aber der Gesamteindruck:
8/10